Loveparade Fragen und Antworten zum Unglück

Wer ist für die Loveparade-Katastrophe verantwortlich? Welche Rolle spielte die Stadt Duisburg, welche der Veranstalter? ZEIT ONLINE dokumentiert, was bisher bekannt ist.

21Menschen starben, mehr als 500 weitere wurden verletzt. Das ist die erste Bilanz des Loveparade-Unglücks auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs in Duisburg. Doch jenseits der Opferzahlen sind noch viele Fragen ungeklärt: Was lief schief in der Organisation der Veranstaltung? Wer ist für das Unglück verantwortlich? Warum wurde ausgerechnet das Gelände am ehemaligen Güterbahnhof ausgewählt? Und wie läuft die juristische Aufarbeitung ab? ZEIT ONLINE dokumentiert den aktuellen Stand der Dinge.

Was genau lief schief?

Eine Rampe, die die Besucher der Loveparade nur von einem langen Tunnel erreichen konnten, wurde vielen Menschen zum Verhängnis. Rampe und Tunnel waren sowohl Ein- als auch Ausgang des Party-Geländes. Erst nach dem Unglück wurde noch eine zweite Rampe geöffnet. Da von beiden Seiten Menschenmassen strömten, gab es für viele auf dem Gelände wohl keine Ausweichmöglichkeiten mehr. Als der Eingang dann auch noch geschlossen wurde, so eine Theorie, ging es für viele weder vor noch zurück. Der amtierende Duisburger Polizeichef Detlef von Schmeling sagt jedoch, dass es, seinen Informationen zufolge zum Zeitpunkt des Unglücks, noch Bewegungsmöglichkeiten auf der Rampe gab. Sicher ist, dass einige Menschen versuchten, das Gelände über eine mindestens acht Meter hohe Mauer zu erreichen: Sie kletterten eine steile Treppe und an Masten hoch. Die meisten Opfer starben in der Nähe der Treppe.

Welche Kritik gibt es an Planung und Durchführung der Veranstaltung?

Auf Kritik stößt insbesondere das Genehmigungsverfahren der Stadt. Bedenken, die Polizei und Feuerwehr im Vorfeld der Veranstaltung äußerten, wurden offensichtlich nicht ernst genommen. So belegt ein  Sitzungsprotokoll vom 18.Juni , dass die Stadt in den Verhandlungen mit dem Loveparade-Veranstalter Lopavent tatsächlich weitgehende Konzessionen machte. Wenige Wochen vor der Loveparade diskutierten Vertreter von Lopavent, Ordnungsamt und Feuerwehr über die Länge der Fluchtwege.

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Offenbar wollte der Leiter des Baudezernats, Jürgen Dressler, den Kompromiss nicht mittragen – worauf es einen Rüffel von Ordnungsdezernent Rabe gab: Der Oberbürgermeister Adolf Sauerland wünsche die Veranstaltung, es müsse eine "Lösung gefunden" werden. Das Bauordnungsamt solle an dem Rettungswegekonzept "konstruktiv mitarbeiten".

Die abschließende Genehmigung wurde erst am Morgen des Unglückstages erteilt. Unklar ist, ob Sauerland sie selbst erteilt hat. Die "Genehmigung einer vorübergehenden Nutzungsänderung" wurde jedenfalls nicht von ihm, sondern von einem Sachbearbeiter unterschrieben.

Ganz besonders wird am Sicherheitskonzept der Veranstalter kritisiert, dass die Menschen denselben Weg als Eingang und Ausgang zum Gelände benutzen mussten. Außerdem erhielt der Veranstalter die Genehmigung, die sonst vorgeschriebene Breite der Fluchtwege nicht einhalten zu müssen.

Schon in den Tagen vor der Loveparade gab es etliche Warnungen im Netz . Zahlreiche Kommentatoren kritisierten das Sicherheitskonzept als bedenklich und hochriskant. Auch Experten hatten vor einem möglichen Chaos gewarnt.

Der Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft, Erich Rettinghaus, sagte: "Ein geschlossenes Gelände mit einer Kapazität von 250.000 Menschen passt nicht, wenn man mit mehr Besuchern rechnen muss." Auch der inzwischen pensionierte Duisburger Polizeipräsident Rolf Cebin hatte große Bedenken.

Allerdings stellt sich die Frage, warum die Duisburger Polizeiführung angesichts ihrer starken Zweifel am Sicherheitskonzept im Vorfeld der Loveparade nicht genügend Druck auf die Stadtverwaltung gemacht hatte. In Bochum wurde im vergangenen Jahr die Loveparade wegen der Bedenken der Polizei abgesagt. Die Party absagen hätte die Polizei allerdings nicht können. Anders als beispielsweise Neonazi-Demonstrationen, die sie aus Sicherheitsgründen mit Hilfe von Eilanträgen stoppen kann, muss sie Privatveranstaltungen tolerieren, selbst wenn sie mit dem Sicherheitskonzept nicht einverstanden ist.

Erfahrene Veranstalter von Großevents empörten sich ebenfalls. Der Konzertveranstalter Marek Lieberberg bezeichnete das Konzept mit einem einzigen Ein- und Ausgang für Besucher als "eine Todesfalle". Der Mitbegründer der Loveparade und Techno DJ Dr. Motte sagte: "Das konnte nicht gut gehen. Ich hatte schon befürchtet, dass da etwas passieren würde."

 

Hilfe für Betroffene

Die Polizei hat eine Hotline unter der Telefonnummer 0203/94 000 für Angehörige von Opfern und Vermissten geschaltet.

Unter der Telefonnummer 0201/82 98 091 wird Menschen Hilfe angeboten, die aufgrund ihrer schockierenden Erlebnisse am Samstag ein persönliches Betreuungsangebot in Anspruch nehmen möchten.

Die Helfer sind auch unter der E-Mail-Adresse Betreuungsangebot.Loveparade@polizei.nrw.de zu erreichen.

Leser-Kommentare
  1. Sicher gab es bei der diesjährigen Love Parade Fehlentscheidungen. - Doch hätte sich die Katastrophe wirklich vorhersehen und vermeiden lassen? Kann man berechnen, wie sich Menschen in einer Extremsituation verhalten? Insbesondere wenn wahrscheinlich auch Alkohol und Drogen konsumiert worden sind?
    So brutal es klingen mag, letztendlich kann man doch nur froh sein, dass nicht mehr passiert ist... Hätte man bedacht, dass anders als bei einem Konzert, viele Besucher bereits am Nachmittag auch wieder das Gelände verlassen würde, hätte man wohl kaum Ein- und Ausgang zusammengelegt. Fehler Nummer 1, klar. Und wahrscheinlich wäre es sinnvoll gewesen, statt der Absperrung des Geländes die kommenden und gehenden Besucher bereits frühzeitig durch die Notausgänge zu leiten. Fehler Nummer 2, okay. Aber wer die Live-Bilder gegen 15.15 Uhr im WDR gesehen hat, weiß auch, dass vereinzelte Besucher schon zu diesem Zeitpunkt in aggressiver Unruhe einige Absperrungen (erfolgreich) überrannt haben... Friedvolle Raver habe ich mir anders vorgestellt... Und eines ist klar, nach der Eskalation und Katastrophe nach 17 Uhr auf der Eingangsrampe haben es Sicherheitsdienst, Polizei sowie die Organisatoren und Technik-Crew geschafft, eine Massenpanik und somit weitere Verletzte oder gar Tote zu verhindern. Ein professionelle Leistung nach einem unglaublichen Schock für alle Beteiligten.

  2. Das sind alles sehr erschreckende Bilder. Vorab habe ich mich nicht mit dem Thema Sicherheit bei der Loveparade auseinandergesetzt aber diese Bilder sind so erschreckend, dass man sich damit auseinandersetzen muss.

    Ein Gelände, dass für 250.000 Besucher zugelassen ist, soll mit 1,4 Millionen Besuchern gefüllt werden. Dann noch auf die Idee zu kommen diesen Besucherstrom durch so einen Tunnel I/O zu schicken ist für mich unerklärlich. Diesen Massen keine Fluchtmöglichkeiten zu bieten indem man Sie durch eine Unterführung schickt ist ein Skandal.

    Ich empfinde tiefstes Mitgefühl für die Opfer und Wut über die Organisatoren.

  3. ... im Vorfeld der Love Parade in Duisburg gegeben. Weiter hätte das Beispiel der Stadt Bochum herangezogen werden müssen, die 2009 aus naheliegenden Gründen eine solche Massenveranstaltung in ihrer Stadt abgesagt hat. In Duisburg lagen die gleichen Gründe vor, um eine solche Absage zu rechtfertigen. Doch was macht die imagegeile Stadtverwaltung Duisburgs? Genau das Gegenteil. Sie geht das Risiko bewußt ein, weil man im Jahre 2010 zur Feier der Kulturregion glaubte darauf nicht verzichten zu können. Der Imageschaden für Duisburg ist nun gewaltig. Man wird diese Stadt für immer mit dieser Katastrophe verbinden. Ich erwarte, dass die Verantwortlichen ihren Hut nehmen und geschlossen zurücktreten. Aber wahrscheinlich ist, dass diese sich ducken werden bis Gras über die Sache gewachsen ist.

    • th80ej
    • 26.07.2010 um 17:58 Uhr

    Nach meiner Erfahrung darf man es bei solchen Menschenmassen niemals dazu kommen lassen, daß irgendwo ein Stau entsteht. Ich selbst habe bei einem Stau in einem Tunnel des Airbuswerks Hamburg anlässlich eines Warnstreiks oder ähnlichem, es ist schon lange her, erlebt, daß in dem Moment, wenn im vorderen Bereich schon bei einzelnen, aus nachvollziehbaren Gründen, Platzangst auftritt, am hinteren Ende der Gruppe sich völlig gehirnlose Deppen einen Spaß ?!? damit machen, sich schiebend auf die nächstvorderen zu werfen. Dann werden vorn die Kräfte riesengroß. Auf meine Bitte an die Deppen, damit aufzuhören, war die Antwort, ich solle mich mal nicht aufregen, das sei doch nur ein Spaß. Und diese Leute waren nicht betrunken oder bekifft.

  4. Frau Sadigh schreibt: Die meisten Opfer sind durch Sturzverletzungen gestorben. 14 von ihnen sind von der Treppe gestürzt, zwei von einer Plakatwand.

    Diverse Augenzeugenberichte und online gestellte Videos machen deutlich, dass das einfach nicht stimmt. Die meisten Opfer dieser Tragödie sind wohl am Boden liegend totgedrückt worden; sehr viele anscheinend im Gefolge einer abrupten Massenbewegung, die sich unmittelbar nach dem Eindrücken der Stellwände vor der genannten Treppe entwickelt hat.
    Die eng beeinander stehende Menschenmenge "gewann" durch die niedergerissenen Zäune etwa zwei Meter Platz, der ruckartig ausgefüllt wurde, so dass einige Menschen dabei zu Boden fielen und bei der nachrückenden Menge nicht wieder hochkamen.

    Dass es sich bei den Todesfällen um vermeintliche Abstürze kletternder Menschen handelt, ist eine Behauptung des Sicherheitsexperten Schreckenberg, der auch sonst viel Verwirrendes und Unausgegorenes in den letzten 48h von sich gegeben hat. Der Mann ist mehr als dubios.

  5. wie ich sehe, wurden nach meinem "Anmelden" bereits einige Fehler korrigiert, aber dieser Artikel bleibt faktisch, stilistisch, sprachlich, orthographisch und grammatikalisch noch immer eine Zumutung.

    (1) "Der amtierende Duisburger Polizeichef Detlef von Schmeling sagt jedoch, dass es, seinen Informationen zufolge zum Zeitpunkt des Unglücks, noch Bewegungsmöglichkeiten auf der Rampe gab."

    (2) "Ganz besonders am Sicherheitskonzept der Veranstalter wird kritisiert, dass ..."

    (3) "Auch der inzwischen pensionierte Duisburger Polizeipräsident Rolf Cebin hätte arge Bedenken gehabt, sagte Rettinghaus."

    (4) "Allerdings stellt sich nun die Frage, warum die Duisburger Polizeiführung angesichts ihrer starken Zweifel am Sicherheitskonzept im Vorfeld der Loveparade nicht genügend Druck auf die Stadtverwaltung gemacht hatte."

    (5) "Der Konzertveranstalter Marek Liebermann" heißt nicht "Liebermann", sondern "Lieberberg".

    (6) ""Das konnte nicht gut gehen. Ich hatte schon befürchtet, dass da etwa passieren würde"."

    Hierbei handelt es sich um Beispiele von Seite 1. Sie werden verstehen, dass ich unter den Umständen keine Lust verspüre, den Artikel weiterzulesen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Rolf28
    • 27.07.2010 um 10:12 Uhr

    Der Artikel fasst die wesentlichen inhaltlichen Aspekte zum Thema sehr gut zusammen. Wer bei Rechtschreibfehlern nicht weiterlesen möchte, kann es ja lassen, oder? Wenn der Artikel in der gedruckten Version der ZEIT erscheint, wird er schon korrigiert sein.

    Jedenfalls wär's schön, wenn nicht unnötig die Leserkommentare mit Aufzählungen von (teilweise vermeintlichen) Sprachfehlern gespammt würden.

    • Rolf28
    • 27.07.2010 um 10:12 Uhr

    Der Artikel fasst die wesentlichen inhaltlichen Aspekte zum Thema sehr gut zusammen. Wer bei Rechtschreibfehlern nicht weiterlesen möchte, kann es ja lassen, oder? Wenn der Artikel in der gedruckten Version der ZEIT erscheint, wird er schon korrigiert sein.

    Jedenfalls wär's schön, wenn nicht unnötig die Leserkommentare mit Aufzählungen von (teilweise vermeintlichen) Sprachfehlern gespammt würden.

  6. Also wer den Besuchern die Schuld gibt für massive Planungs und Umsetzungsfehler gibt, die ich selbst erlebt habe...
    Zu einem haben mir 2 voneinander getrennte Polizisten um 16:10 und um 16:30 gesagt das, dass Gelände zur Zeit gesperrt sei (was der stell. Polizeichef ja verneinte) und viele Polizisten konnten garnicht helfen da sie seit einer Stunden keine weiteren Infos bekommen haben... was soll man da zu noch sagen.
    Und ja die Menschen wurden Agressiv... kommen von der ganzen Welt und dann heisst es tut uns leid für euch ist kein Platz.
    Hoffe das nicht die "armen" Beamten die nur ihren Dienst getan haben dafür bestraft werden.

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