Irrwitz der Woche Tiere im Sommerloch

Mark Spörrle über die Kunst, mit Tieren berühmt zu werden. Er beobachtet diesen Sommer Krokodile, Schlangen, Kaimane und natürlich die Kraken.

Es ist immer wieder dasselbe: Kaum gehen die Politiker in die parlamentarische Sommerfrische, tauchen sie schon auf: Krokodile, Schlangen, Kaimane, Kängurus.

Sie rennen durch die Straßen von Orten, über die vorher niemand sprach. Machen bis dato unattraktive Gewässer bekannt. Aalen sich unvermittelt in den Koffern oder Toiletten von Menschen, die vorher noch niemals in der Öffentlichkeit waren, aber jetzt um 2:30 im Lokal-TV sind: "Also ich sitze gemütlich auf’m Topf, lese die Bild, da merke ich auf einmal was an meinem Po ...!"

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Sie haben natürlich völlig recht, liebe Tierfreunde: Nur die wenigsten dieser Kreaturen beschließen angesichts hochsommerlicher Temperaturen aus freien Stücken, ihr Gehege zu verlassen und das Urlaubsland Deutschland zu erkunden. Meist werden sie ausgesetzt von ihren ehemals echsen- oder schlangenfreundlichen Besitzern. Oder Leuten, die es cool fanden, ihrem angetrunkenen Freundeskreis zu später Stunden einen Babyalligator in der Badewanne vorzuführen – so ein Tier auf der Autohutablage oder gleich auf der tätowierten Schulter schindet auch Eindruck bei illegalen Autorennen oder beim Geldeintreiben.

So lange jedenfalls, bis das Teil so sehr wächst, die Freunde sich nicht mehr vorbeitrauen oder man selber doch gerne mal wieder sein Badezimmer betreten möchte. Und überhaupt die Eineinhalbzimmerwohnung zu klein wird für ein fleischfressendes Einmeterzwanzig-Kroko.

Also entlassen die Besitzer ihre Echse oder Schlange nach einer letzten Mahlzeit – der Kläffer der Nachbarin – in die Natur. Lehnen sich dann, die Bierdose in der Hand, lächelnd zurück, schalten den Fernseher an, kaufen die Boulevardzeitungen. Und verfolgen stolz, wie ihr Tier, IHR Tier!, das schafft, was ihnen selber nicht vergönnt war: Karriere zu machen. Zum Promi zu werden und sei es nur solange, bis irgendein Politiker wieder mit "Wildsau"-Rufen auf sich aufmerksam macht.

Denn Tiere gehen immer. Denken wir an Vorbilder wie Sammy, Kaiman und "Bestie vom Neusser Baggersee", eine ganze Woche lang von einem Großaufgebot von Sicherheitskräften gejagt und dann in einen Krokodilzoo eingewiesen. Kuno, der Killerwels von Mönchengladbach, der einen Dackel mit einem Haps verschlingen konnte und den sie niemals lebend kriegten. Oder an Skippy, das Känguru, das jeden Sommer wieder irgendwo anders ausbricht. Und wenn es all diese Tiere nicht gäbe, aktuell zwei Krokodile bei Bochum – Regionalsender und -blätter müssten sie erfinden, denn was sonst sollte im Sommer die Quoten oben, die Auflage hoch halten.

Wobei, liebe Tierschützer, ja nicht immer unbedingt überall ein armes echtes Tier mit im Spiel sein muss: Auch wenn man nur über ein großes Osterhasenkostüm verfügt und einigermaßen hüpfen kann, lassen sich in diesen Wochen gerade in der Dämmerung und/oder an Waldrändern beeindruckende Erfolge erzielen.

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