Demo in Duisburg "Wir haben die Schnauze voll"

Das Verhalten der Behörden nach der Loveparade treibt wütende Duisburger auf die Straße – manche zum ersten Mal in ihrem Leben. Ihr Zorn ist groß und wahllos.

Zwei Loveparade-Teilnehmer während der Demonstration vor dem Duisburger Rathaus

Zwei Loveparade-Teilnehmer während der Demonstration vor dem Duisburger Rathaus

Markus Schröder zittert am ganzen Körper, als er zum Megaphon greift. "Danke, dass Ihr alle gekommen seid", ruft er den Leuten vor dem Duisburger Rathaus zu. "Wir sind hier, weil wir die Schnauze voll haben!" Jubel bricht aus. Er hat den Ton getroffen, Schröders Gesichtzüge entspannen sich ein wenig.

Fünf Tage nach der Katastrophe von Duisburg haben sich an diesem Morgen über 300 Menschen vor dem Sitz des Oberbürgermeisters versammelt, um ihre Wut loszuwerden. Ihre Wut auf den Stadtchef, aber auch auf die Veranstalter, die Behörden und die Polizei; alle, die aus ihrer Sicht für die Toten vom Samstag verantwortlich sind.

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Markus Schröder ist der Veranstalter der Demonstration, es ist überhaupt das erste Mal, dass der 40-jährige Maler sich politisch engagiert, ganz zu schweigen von der Organisation einer solchen Veranstaltung. Doch die Duisburger Katastrophe und das Verhalten der Stadtspitze in den Tagen danach machen einen Menschen wie ihn, der sichtbar mit dem Megaphon und seiner Rolle im Mittelpunkt fremdelt, zu einem Polit-Aktivisten.

"Wenn zu viele Leute kommen, habe ich ein Problem", sagt er vor Beginn sorgenvoll. Auch ein Polizist berichtet, man sei ein bisschen besorgt gewesen, dass da einer eine Demo veranstaltet, der davon gar keine Ahnung hat. 

Ein Teilnehmer der Demonstration f¸r die Opfer der Loveparade-Katastrophe schildert am Donnerstag (29.07.2010) in Duisburg seine Erlebnisse. Bei der Protestaktion vor dem Rathaus haben etwa 200 Menschen den R¸cktritt von Oberb¸rgermeister Sauerland geforder und eine Schweigeminute eingelegt. Am Samstag (24.07.2010) waren bei einer Massenpanik w‰hrend der Loveparade 21 Menschen ums Leben gekommen, hunderte wurden verletzt. Foto: Oliver Berg dpa/lnw +++(c) dpa - Bildfunk+++

"Der Oberbürgermeister sagt, das Sicherheitskonzept habe gegriffen – ja hat der sie noch alle?" ruft Markus Schröder von der Rathaustreppe. Er zittert immer noch, aber jetzt vielleicht vor Wut. Schröder ruft, es solle "endlich irgendjemand die Verantwortung übernehmen für die Toten". Irgendjemand müsse aus dem Rathaus kommen und sich erklären.

Antworten und Rücktritte – das ist es, weswegen sie alle heute gekommen sind. "Blut klebt an euren Händen", steht auf einem Plakat. Einer trägt gar einen Galgen vor sich her, an dem eine Stoffpuppe mit dem aufgeklebten Gesicht des Oberbürgermeisters baumelt. Die Vorwürfe der Redner richten sich an alle, die mit der Loveparade zu tun hatten. "Die Polizisten haben uns nicht geholfen, die haben nur zugeguckt", beschwert sich einer per Megaphon, der am Samstag eine Freundin verloren hat.

Die Demonstration wird auch zur Bühne derjenigen, die einmal ihre generelle Abscheu vor der Politik, vor dem System, loswerden wollen. "Kapitalismus tötet" steht unbestimmt auf einem Banner, "Schluss mit der Politik gegen die Bürger" und "Ihr wollt doch nur Profit machen" auf einem anderen. Als eine linke Rednerin sich über die "Verantwortungslosigkeit in der Gesellschaft" beschwert, die man auch in Afghanistan beobachten könne, reicht es einem Demonstranten: "Keine Politik hier, hau ab!", scheucht er sie weg.

Leser-Kommentare
    • lepkeb
    • 29.07.2010 um 15:14 Uhr

    es ist bedauerlich, dass es erst Toter bedarf, damit Deutsche ihrer Unzufriedenheit gegenüber dem Staat Ausdruck verleihen.

    "Die Demonstration wird auch zur Bühne derjenigen, die einmal ihre generelle Abscheu vor der Politik, vor dem System, loswerden wollen."

    Leider wird dies bald wieder in Vergessenheit geraten und die Lethargie wird wieder die Oberhand gewinnen und es geht weiter wie bisher.

    • Afa81
    • 29.07.2010 um 15:21 Uhr

    Ich kann es echt verstehen. Jeden Tag sterben Deutsche in diesem Deutschen Staat bei schlecht organisierten Festen!!! Wann ist endlich Schluß damit!!! Schuld ist Westerwelle und der Kapitalismus!!! Ich hätte es gleich besser gemacht!!!

    [Der Rest wurde gelöscht. Aufrufe zu Gewalt sind hier nicht erwünscht. Danke. /Die Redaktion pt.]

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    • Afa81
    • 29.07.2010 um 16:24 Uhr

    Sorry, das war eigentlich alles ironisch gemeint... ist vielleicht nicht so ganz rüber gekommen.

    Ich formuliere die gelöschte Frage um, weshalb man nach nichtmal einer Woche noch niemanden dafür bestraft hat.

    Damit meinte ich, dass man bei solchen komplexen Dingen nicht vorschnell handeln sollte, dann aber konsequent.

    [Entfernt, da wir auch den Kommentar, auf welchen Sie sich beziehen, in der Zwischenzeit moderiert haben. /Die Redaktion pt.]

    • Afa81
    • 29.07.2010 um 16:24 Uhr

    Sorry, das war eigentlich alles ironisch gemeint... ist vielleicht nicht so ganz rüber gekommen.

    Ich formuliere die gelöschte Frage um, weshalb man nach nichtmal einer Woche noch niemanden dafür bestraft hat.

    Damit meinte ich, dass man bei solchen komplexen Dingen nicht vorschnell handeln sollte, dann aber konsequent.

  1. Natürlich muß der OB die Demonstration ertragen , auch muß der Veranstalter die Wut ertragen. Wohin sollen die leidenden Menschen denn sonst mit Ihrer Trauner bzw.Wut.Was ich nicht verstehen kann , ist , daß die Medien erst jetzt und zwar bundesweit so detailliert über die Vorgänge berichten , die vor dem 24.07.2010 liegen. Was ist das für eine erbärmliche Medienwelt , die erkennt , daß die Sicherheitskonzepte nicht stimmen, daß das Veranstaltungsgelände nicht passt, daß die gesamte Veranstaltung nicht durchgeführt werden dürfte , da alles aber auch wirklich alles viel zu gefährlich ist.Wenn die Medien sich vorher so kritisch geäußert hätten , wie sie es jetzt tun , hätten wohl nicht die 1,4 Mio Menschen den Weg nach Duisburg angetreten und zwar aus ganz Deutschland . Ich will den Medien keine Mitschuld geben , natürlich nicht , aber für die Zukunft wäre es sinnvoll, wenn die Medien kritischer über solche events berichteten und sich nicht in die allgemeine Euphorie einbinden ließen.Die Genehmigung wäre sicher nicht erfolgt , wenn die Medien ihre Kritik veröffentlicht hätten. Der Veranstalter hätte sich sicher auch zurückgezogen , da er dann keine positive Werbung für McFit gesehen hätte.Hätte , hätte , hätte , ich weiß!Nur lernen wir daraus in der Zukunft???

  2. "... Die Genehmigung wäre sicher nicht erfolgt , wenn die Medien ihre Kritik veröffentlicht hätten...." - das heißt doch aber auch, OB Sauerland kennt seine Verantwortung nicht, die er kraft Amtes hat, ob nun ein Medium eine Kritik veröffentlicht oder nicht! - OB Sauerland wie andere haben Amtseide geleistet; sie wissen das auch. Ob alle solche für die Zukunft lernen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden, ist eine Sache der gereiften Person und nicht der Veröffentlichung in Medien. - Im übrigen hätte ich auch gerne einmal eine Generalstaatsanwaltschaft, die amtsmeineidige Amtsträger wie beim Offizialdelikt zur Rechenschaft zieht. -

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    Ich sehe in Ihrem Kommentar keinen Widerspruch , glaube jedoch , daß durch öffentlichen Druck , durchaus ausgelöst durch Medienberichte die Unterschrift unter die Genehmigung nicht so leicht gefallen wäre. Im Nachhinein ist man immer schlauer.Daher mache ich den Medien auch keinen Vorwurf , sondern fordere sie auf , zukünftig umsichtiger zu handeln.Das , was jetzt herauskommt , war doch sicher größtenteils vor dem 24.07.2010 bekannt.Vielleicht , ich sage wirklich nur vielleicht hättte diese Katastrophe abgewendt werden können.Aber....

    Ich sehe in Ihrem Kommentar keinen Widerspruch , glaube jedoch , daß durch öffentlichen Druck , durchaus ausgelöst durch Medienberichte die Unterschrift unter die Genehmigung nicht so leicht gefallen wäre. Im Nachhinein ist man immer schlauer.Daher mache ich den Medien auch keinen Vorwurf , sondern fordere sie auf , zukünftig umsichtiger zu handeln.Das , was jetzt herauskommt , war doch sicher größtenteils vor dem 24.07.2010 bekannt.Vielleicht , ich sage wirklich nur vielleicht hättte diese Katastrophe abgewendt werden können.Aber....

  3. [Entfernt, da wir auch den Kommentar, auf welchen Sie sich beziehen, in der Zwischenzeit moderiert haben. /Die Redaktion pt.]

    • Dispot
    • 29.07.2010 um 16:04 Uhr

    Auch wenn der Anlaß ein Trauriger ist, stark, daß es Menschen wie Markus Schröder gibt, die dem Unmut der schweigenden Maße Stimme verleihen. Und noch stärker, daß es einer ist, der noch nie etwas mit Politik zu tun hatte. Dann gleich eine Demo zu organisieren und auch zu sprechen: wie innerlich betroffen und verzweifelt muss man sein, wenn man als Otto Normalbürger zu solcher Hochform auflaufen kann... Wahrscheinlich versucht er auch, die Reputation seiner Heimatstadt irgendwie zu retten. Allerhöchster Respekt vor dem Mann.

    Daß da nun einer mit Galgen mitgelaufen ist, verbuche ich mal als über's Ziel hinaus geschossene Geschmacklosigkeit. Was der guten Absicht des Demoveranstalters in keinster Weise Abbruch tut.

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    Es handelt sich um eine zugegebenermaßen plakative Metapher, gewiß. Geschmacklos ist das Gebaren von Adolf S. Diesen Vorfall bis Oktober auszusitzen, um danach bestens alimentiert auf das "politische Lebenswerk" zurückblicken zu können - das würde auch Stalinorgeln, Machentenbewerte Mobs oder Plakate mit Parolen wie "Osama steh' uns bei" rechtfertigen, mit Verlaub (und Sarkasmus).

    (So sollte die Überschrift lauten, aber die Begeisterung über Duisburger Lokalpolitiker ließ meinen kleinen Finger zucken)

    Es handelt sich um eine zugegebenermaßen plakative Metapher, gewiß. Geschmacklos ist das Gebaren von Adolf S. Diesen Vorfall bis Oktober auszusitzen, um danach bestens alimentiert auf das "politische Lebenswerk" zurückblicken zu können - das würde auch Stalinorgeln, Machentenbewerte Mobs oder Plakate mit Parolen wie "Osama steh' uns bei" rechtfertigen, mit Verlaub (und Sarkasmus).

    (So sollte die Überschrift lauten, aber die Begeisterung über Duisburger Lokalpolitiker ließ meinen kleinen Finger zucken)

  4. Ich sehe in Ihrem Kommentar keinen Widerspruch , glaube jedoch , daß durch öffentlichen Druck , durchaus ausgelöst durch Medienberichte die Unterschrift unter die Genehmigung nicht so leicht gefallen wäre. Im Nachhinein ist man immer schlauer.Daher mache ich den Medien auch keinen Vorwurf , sondern fordere sie auf , zukünftig umsichtiger zu handeln.Das , was jetzt herauskommt , war doch sicher größtenteils vor dem 24.07.2010 bekannt.Vielleicht , ich sage wirklich nur vielleicht hättte diese Katastrophe abgewendt werden können.Aber....

    Antwort auf "@Berniebär:"
  5. Es handelt sich um eine zugegebenermaßen plakative Metapher, gewiß. Geschmacklos ist das Gebaren von Adolf S. Diesen Vorfall bis Oktober auszusitzen, um danach bestens alimentiert auf das "politische Lebenswerk" zurückblicken zu können - das würde auch Stalinorgeln, Machentenbewerte Mobs oder Plakate mit Parolen wie "Osama steh' uns bei" rechtfertigen, mit Verlaub (und Sarkasmus).

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