Nach dem Unglück Einer Stadt fehlen die Worte
Die Menschen in Duisburg trauern. Auch die Verwaltung wirkt wie gelähmt. Bis heute hat sie keine eigenen Opferbetreuer losgeschickt. Aus Duisburg berichtet Anna Sauerbrey
© Thomas Peter/ Reuters

Gedenken an die Opfer der Loveparade: 21 Kreuze stehen am Veranstaltungsgelände in Duisburg
Duisburg ist nahe am Wasser gebaut. Topografisch schon immer, menschlich seit einer Woche. Fragt man etwa Frau Zimmermann auf dem Rathausvorplatz nach der Loveparade, steigen ihr sofort die Tränen in die Augen. "Wir haben davon in unserem Schrebergarten gehört. Unser Sohn und unsere Schwiegertochter waren dort", sagt sie. "Eineinhalb Stunden hat es gedauert, bis wir endlich etwas von ihnen gehört haben." Diese Geschichte gibt es in Duisburg in diesen Tagen in unendlichen Varianten. Die Menschen tauschen sie aus, beim Bäcker, im Bus, auf der Arbeit. Es scheint, alle habe jeder der 500.000 Einwohner mindestens einen Bekannten oder Verwandten, der mittendrin war. In den Stunden nach dem Unglück hielt eine Stadt gemeinsam den Atem an. Nun versucht sie, mit dem Erlebten fertig zu werden.
Die Krankenhäuser werden bald die letzten Opfer der Loveparade entlassen. Am Freitag wurden nur noch fünf Personen stationär betreut. Die meisten der mehr als 500 Verletzten konnten im Laufe der Woche die Krankenhäuser verlassen. Brüche und Quetschungen waren die häufigsten Verletzungen. Sie werden verheilen. Doch die seelischen Verletzungen, die Traumata, bleiben und suchen einen Ausdruck.
Vorerst ist die Unglücksstelle zum Pilgerort geworden. Dort standen auch am Freitag Menschen in der Warteschlange, um sich in das Kondolenzbuch einzutragen. Viele stehen auch einfach vor dem Zaun, der die Rampe absperrt, und blicken hinauf zu den Gebäuden des alten Güterbahnhofs. Der Ort ist symbolisch aufgeladen, ein Duisburger Traumort. Norman Foster soll hier Büro- und Wohngebäude schaffen. Etwas Glitzerndes, Modernes soll auf der alten Industriebrache entstehen. Nun ist der Ort vorerst der Trauer gewidmet.
"Es kommen täglich mehr Leute her", sagt Diemut Meyer. Die Pfarrerin aus Mettmann und ihr Kollege Joachim Wolff aus Wesel sitzen in einem Container, den die Feuerwehr unweit des Unglücksortes aufgestellt hat. Sie tragen violette Jacke mit Reflektorstreifen, Notfallseelsorge steht auf dem Rücken. Seit dem Abend des Unglücks sind die beiden christlichen Kirchen vor Ort, in Zwei-Stunden-Schichten wechseln sich 50 Pfarrer ab. Auf dem Tisch steht ein Pappteller mit Süßigkeiten. Nervennahrung für die Helfer, die mit Trauernden sprechen, aber auch mit Traumatisierten.

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"Viele Hilfesuchende haben typische Symptome", erzählt Joachim Wolff. Sie klagen über Schlaflosigkeit, werden von Schweißausbrüchen, von Ängsten und von Aggressionen geplagt. Die Menschen berichten den Seelsorgern davon, dass die Bilder unkontrolliert wiederkommen oder umgekehrt: dass sie geradezu süchtig sind nach den Bildern im Internet oder im Fernsehen. Viele, erklärt Notfallseelsorger Wolff, fühlten sich auch der Realität entrückt, könnten kaum an das eigene Überleben glauben. Andere fühlten sich leer und antriebslos. Die Pfarrer berichten auch von Menschen, die mit der Masse vorwärtsgedrängt wurden, die spürten, dass sie über am Boden liegende Körper traten. "Sie fühlen sich als Täter und Opfer zugleich, dass ist sehr schwer zu bewältigen", sagt Diemut Meyer.
- Datum 31.07.2010 - 09:41 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Ich war gestern an der Karl-Lehr-Straße, um mich ins Kondolenzbuch einzutragen. Die Situation ist sehr ergreifend. Der Tunnel ist noch sehr viel enger und dunkler als man es im Fernsehen sieht. Zwischen den beiden Tunnelmündern (Aufgang zur Rampe) sind es nur knapp zwanzig Meter. Im Fernsehen sah´alles großzügiger aus.
Ich stand rd. eine Stunde in der Schlange vor dem Kondolenzbuch und war schon platt. Wenn ich mir vorstelle, dass die Raver zwei Stunden bei deutlich höheren Temperaturen dicht auf dicht im Tunnel standen, wir mir schlecht.
Überall sind Kerzen und Menschen legen Blumen nieder. Ein Freundeskreis hat hat ein Gesteck für die gestorbene Freundin abgelegt - alle haben unterschrieben.
Niemand ist aggressiv, aber viele Fragen werden gestellt.
Ich bin ein Laie, aber die Auswahl dieses Ortes für die LP mit der sehr schwierigen Erschließungssituation über zwei Tunnel erscheint mir als zentraler Fehler.
Peter
Stündlich nehme ich zur Kenntnis, dass Menschen in der Ferne verunglücken. Doch keine Tragödie geht mir so nah wie diese. Fassungslosigkeit ist es, die ich immer damit verbinden werde. Vor allem über ein blindes und völlig falsches Verständnis von Vertrauen und Verantwortung. Dabei sehe ich keinen hier Zuständigen, der frei davon wäre. Egal, ob strafrechtlich, politisch oder moralisch. Hier hatte jeder seine Rolle, indem er sagte oder tat oder eben nicht. Das würde mir erklären, warum offensichtlich ein ganzer Apparat unter Schock steht - und das ist gut so!
Hier gibt es wesentlich mehr aufzuarbeiten, als die strafrechtliche Behandlung der Geschehnisse. Es geht um die Frage, wie eine Gesellschaft und jeder einzelne darin mit Verantwortung umgeht. Tragischer Weise bedurfte es wieder einmal vieler Opfer, um innezuhalten und sich dieser Frage zu stellen. Ebenso bedauerlich ist es, das eine von vielen Medien geschürte Hetzjagd davon ablenkt.
Am heutigen Tag des Trauergottesdienstes ist die einzige Gelegenheit zum Innenhalten und wenigstens den Versuch zu wagen eben genau das zu tun, was wir verantworten können. Dabei ist Verantwortung nicht wähl- oder delegierbar, nicht nach oben, nicht nach unten: man hat sie immer und überall! Eine solche Wende würde 21 Toten einen Sinn geben.
Unterlassen sie das mehrfache Veröffentlichen von identischen Kommentaren, die zudem fehl am Platz sind. Die Redaktion / mh
Bei Anmerkungen zur Moderation, wenden Sie sich an community@zeit.de. Die Redaktion / mh
Es gibt Fragen die uns mit unseren Mitmenschen verbinden und Fragen mit denen wir uns von unseren Mitmenschen distanzieren können.
Es ist für den Bürgermieter nicht entscheidend, ob er im Amt bleibt, oder nicht, sondern ob er sich und der Öffentlichkeit seine Fehler eingesteht und bereit ist daraus Erfahrungen für die Zukunft zu formen. Vielleicht ist es gerade dieses Ereignis, was ihn unausgesprochen zu einem außerordentlich wertvollen Dienst an der Gemeinschaft in Zukunft verpflichten wird, wenn wir es nicht auf die unglückliche Frage nach der Verantwortung reduzieren.
Es ist für die Besucher wichtig, sich zu fragen, warum sie offensichtlich für ihre eigene Sicherheit und die Sicherheit ihrer Mitmenschen nicht gut genug gesorgt haben und ob sie versuchen die Verantwortung für ihr eigenes Handeln abzugeben.
Es ist für die Zuschauer wichtig sich zu fragen ob und warum sie auch die gleichen Fehler gemacht hätten, und welche Konsequenzen sie für ihr eignes Leben daraus ziehen.
Und letztendlich möchte ich auch an die berichtenden Medien die Frage stellen, ob sie wirklich ihre Verantwortung wahrnehmen, wenn sie Menschliches Leiden wie dieses in eine übliche politische und rechtliche Diskussion bringen.
Es geht darum die richtigen Fragen zu stellen, damit wir auch Antworten bekommen die uns wirklich weiter bringen. Und das müssen Fragen sein die uns mit den Opfern und den Beteiligten verbinden und die uns nicht von der eigenen Verantwortung für unser Leben trennt.
Bleiben Sie im Rahmen des guten Geschmacks. Die Redaktion / mh
...was guter Geschmack ist? Das ist zwar lieb, aber es ist auch die Demonstration einer ziemlich illiberalen um nicht zu sagen autokratischen Gesinnung. Diese Grundeinstellung fällt mir in diesem Land immer wieder auf. Man nennt bspw die FDP "liberal", obwohl sie das nun wirklich kaum ist. Die Menschen hier glauben tatsächlich, man sollte Minderheitsmeinungen unterdrücken, damit die Mehrheit sich nicht ärgern muss. Begründen tut man das dann gerne mit Guten Sitten oder Pietät. Aber das ist natürlich Heuchelei. Oder sehen Sie das anders?
...was guter Geschmack ist? Das ist zwar lieb, aber es ist auch die Demonstration einer ziemlich illiberalen um nicht zu sagen autokratischen Gesinnung. Diese Grundeinstellung fällt mir in diesem Land immer wieder auf. Man nennt bspw die FDP "liberal", obwohl sie das nun wirklich kaum ist. Die Menschen hier glauben tatsächlich, man sollte Minderheitsmeinungen unterdrücken, damit die Mehrheit sich nicht ärgern muss. Begründen tut man das dann gerne mit Guten Sitten oder Pietät. Aber das ist natürlich Heuchelei. Oder sehen Sie das anders?
...was guter Geschmack ist? Das ist zwar lieb, aber es ist auch die Demonstration einer ziemlich illiberalen um nicht zu sagen autokratischen Gesinnung. Diese Grundeinstellung fällt mir in diesem Land immer wieder auf. Man nennt bspw die FDP "liberal", obwohl sie das nun wirklich kaum ist. Die Menschen hier glauben tatsächlich, man sollte Minderheitsmeinungen unterdrücken, damit die Mehrheit sich nicht ärgern muss. Begründen tut man das dann gerne mit Guten Sitten oder Pietät. Aber das ist natürlich Heuchelei. Oder sehen Sie das anders?
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