Die Menschen finden ihren eigenen Ort der Trauer
Doch während die Notfallseelsorger wenige Stunden nach dem Unglück vor Ort waren, hat die Stadt Duisburg bis heute keine weltliche Anlaufstelle für Hilfesuchende eingerichtet. Die Stadtverwaltung scheint gelähmt. "Wir müssen zunächst die Betreuung unserer eigenen Mitarbeiter gewährleisten", sagt eine Sprecherin. Auf Initiative der Staatskanzlei wird nun zumindest bei der Übertragung des Gottesdienstes im Stadion des MSV Duisburg ein psychosozialer Dienst vor Ort sein. "Wie wir weiter verfahren, klären wir nächste Woche in einem Abstimmungsgespräch mit den Kirchen", sagt die Sprecherin.
Eine zertretene Brille, eine Tasche, Sanitäter-Handschuhe: Fotos von den Spuren des Unglücks
"Es ist gut, dass die Menschen schon ihren eigenen Ort der Trauer gefunden haben", sagt Pfarrer Bernhard Lücking. Am Tag vor dem Gottesdienst sitzt er auf dem Sofa im Pfarrhaus von St. Joseph in der Duisburger Altstadt. Das Wohnzimmer sieht nach Besinnlichkeit aus, auf einer Kommode liegt eine aufgeschlagene Bibel. Doch das meditative Ticken der Pendeluhr an der Wand wird alle paar Minuten unterbrochen vom Telefon nebenan. Der katholische Pfarrer ist einer derjenigen, die die Trauer der Stadt organisieren. Gemeinsam mit einem Kollegen von der evangelischen Kirche wird er die Übertragung des Trauergottesdienstes im Fußballstadion der Stadt moderieren.
Wie viele Menschen kommen werden, mag er nicht schätzen. Es können 10.000, es können aber auch 100.000 sein. In der Salvatorkirche wird Angela Merkel erwartet und auch Christian Wulff, der seinen zweiten Auftritt als Präsident absolviert. Der ökumenische Gottesdienst wird vom Essener Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck und dem rheinischen Präses Nikolaus Schneider gehalten und beginnt um 11 Uhr. Die alte Stadtkirche steht gleich neben dem Rathaus. ARD und WDR übertragen die Trauerfeier live, auch auf Leinwänden in zwölf Duisburger Kirchen wird der Gottesdienst übertragen.
Für die trauernde Stadt sei die Feier in der Kirche wichtig, sagt Bernhard Lücking, ein wichtiges Ritual, wie eine Beerdigung. Doch manches ist auch anders als bei anderen Katastrophen, berichten die Seelsorger. Sonst, sagt Notfallseelsorgerin Diemut Meyer, werde ihr oft die Frage gestellt, wie Gott das habe zulassen können. Diese Frage tauche in den Gesprächen dieses Mal nicht auf. Die Katastrophe der Loveparade, da sind sich die Duisburger einig, war Menschenwerk.
Artikel erschienen im Tagesspiegel
- Datum 31.07.2010 - 09:41 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Ich war gestern an der Karl-Lehr-Straße, um mich ins Kondolenzbuch einzutragen. Die Situation ist sehr ergreifend. Der Tunnel ist noch sehr viel enger und dunkler als man es im Fernsehen sieht. Zwischen den beiden Tunnelmündern (Aufgang zur Rampe) sind es nur knapp zwanzig Meter. Im Fernsehen sah´alles großzügiger aus.
Ich stand rd. eine Stunde in der Schlange vor dem Kondolenzbuch und war schon platt. Wenn ich mir vorstelle, dass die Raver zwei Stunden bei deutlich höheren Temperaturen dicht auf dicht im Tunnel standen, wir mir schlecht.
Überall sind Kerzen und Menschen legen Blumen nieder. Ein Freundeskreis hat hat ein Gesteck für die gestorbene Freundin abgelegt - alle haben unterschrieben.
Niemand ist aggressiv, aber viele Fragen werden gestellt.
Ich bin ein Laie, aber die Auswahl dieses Ortes für die LP mit der sehr schwierigen Erschließungssituation über zwei Tunnel erscheint mir als zentraler Fehler.
Peter
Stündlich nehme ich zur Kenntnis, dass Menschen in der Ferne verunglücken. Doch keine Tragödie geht mir so nah wie diese. Fassungslosigkeit ist es, die ich immer damit verbinden werde. Vor allem über ein blindes und völlig falsches Verständnis von Vertrauen und Verantwortung. Dabei sehe ich keinen hier Zuständigen, der frei davon wäre. Egal, ob strafrechtlich, politisch oder moralisch. Hier hatte jeder seine Rolle, indem er sagte oder tat oder eben nicht. Das würde mir erklären, warum offensichtlich ein ganzer Apparat unter Schock steht - und das ist gut so!
Hier gibt es wesentlich mehr aufzuarbeiten, als die strafrechtliche Behandlung der Geschehnisse. Es geht um die Frage, wie eine Gesellschaft und jeder einzelne darin mit Verantwortung umgeht. Tragischer Weise bedurfte es wieder einmal vieler Opfer, um innezuhalten und sich dieser Frage zu stellen. Ebenso bedauerlich ist es, das eine von vielen Medien geschürte Hetzjagd davon ablenkt.
Am heutigen Tag des Trauergottesdienstes ist die einzige Gelegenheit zum Innenhalten und wenigstens den Versuch zu wagen eben genau das zu tun, was wir verantworten können. Dabei ist Verantwortung nicht wähl- oder delegierbar, nicht nach oben, nicht nach unten: man hat sie immer und überall! Eine solche Wende würde 21 Toten einen Sinn geben.
Unterlassen sie das mehrfache Veröffentlichen von identischen Kommentaren, die zudem fehl am Platz sind. Die Redaktion / mh
Bei Anmerkungen zur Moderation, wenden Sie sich an community@zeit.de. Die Redaktion / mh
Es gibt Fragen die uns mit unseren Mitmenschen verbinden und Fragen mit denen wir uns von unseren Mitmenschen distanzieren können.
Es ist für den Bürgermieter nicht entscheidend, ob er im Amt bleibt, oder nicht, sondern ob er sich und der Öffentlichkeit seine Fehler eingesteht und bereit ist daraus Erfahrungen für die Zukunft zu formen. Vielleicht ist es gerade dieses Ereignis, was ihn unausgesprochen zu einem außerordentlich wertvollen Dienst an der Gemeinschaft in Zukunft verpflichten wird, wenn wir es nicht auf die unglückliche Frage nach der Verantwortung reduzieren.
Es ist für die Besucher wichtig, sich zu fragen, warum sie offensichtlich für ihre eigene Sicherheit und die Sicherheit ihrer Mitmenschen nicht gut genug gesorgt haben und ob sie versuchen die Verantwortung für ihr eigenes Handeln abzugeben.
Es ist für die Zuschauer wichtig sich zu fragen ob und warum sie auch die gleichen Fehler gemacht hätten, und welche Konsequenzen sie für ihr eignes Leben daraus ziehen.
Und letztendlich möchte ich auch an die berichtenden Medien die Frage stellen, ob sie wirklich ihre Verantwortung wahrnehmen, wenn sie Menschliches Leiden wie dieses in eine übliche politische und rechtliche Diskussion bringen.
Es geht darum die richtigen Fragen zu stellen, damit wir auch Antworten bekommen die uns wirklich weiter bringen. Und das müssen Fragen sein die uns mit den Opfern und den Beteiligten verbinden und die uns nicht von der eigenen Verantwortung für unser Leben trennt.
Bleiben Sie im Rahmen des guten Geschmacks. Die Redaktion / mh
...was guter Geschmack ist? Das ist zwar lieb, aber es ist auch die Demonstration einer ziemlich illiberalen um nicht zu sagen autokratischen Gesinnung. Diese Grundeinstellung fällt mir in diesem Land immer wieder auf. Man nennt bspw die FDP "liberal", obwohl sie das nun wirklich kaum ist. Die Menschen hier glauben tatsächlich, man sollte Minderheitsmeinungen unterdrücken, damit die Mehrheit sich nicht ärgern muss. Begründen tut man das dann gerne mit Guten Sitten oder Pietät. Aber das ist natürlich Heuchelei. Oder sehen Sie das anders?
...was guter Geschmack ist? Das ist zwar lieb, aber es ist auch die Demonstration einer ziemlich illiberalen um nicht zu sagen autokratischen Gesinnung. Diese Grundeinstellung fällt mir in diesem Land immer wieder auf. Man nennt bspw die FDP "liberal", obwohl sie das nun wirklich kaum ist. Die Menschen hier glauben tatsächlich, man sollte Minderheitsmeinungen unterdrücken, damit die Mehrheit sich nicht ärgern muss. Begründen tut man das dann gerne mit Guten Sitten oder Pietät. Aber das ist natürlich Heuchelei. Oder sehen Sie das anders?
...was guter Geschmack ist? Das ist zwar lieb, aber es ist auch die Demonstration einer ziemlich illiberalen um nicht zu sagen autokratischen Gesinnung. Diese Grundeinstellung fällt mir in diesem Land immer wieder auf. Man nennt bspw die FDP "liberal", obwohl sie das nun wirklich kaum ist. Die Menschen hier glauben tatsächlich, man sollte Minderheitsmeinungen unterdrücken, damit die Mehrheit sich nicht ärgern muss. Begründen tut man das dann gerne mit Guten Sitten oder Pietät. Aber das ist natürlich Heuchelei. Oder sehen Sie das anders?
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