Massenpanik in Duisburg Kollaps in der Menge
19 Tote und eine Stadt im Ausnahmezustand: ein langer schrecklicher Loveparade-Tag zwischen wummernden Beats und Notarzt-Sirenen. Lenz Jacobsen berichtet aus Duisburg.
Am stärksten hat sich die Geräuschkulisse in die Erinnerung eingebrannt nach diesem schrecklichen, chaotischen Abend in Duisburg: Da sind die wummernden Bässe, die aus riesigen Boxen, aus Kneipen und von improvisierten Straßenpartys durch die ganze Stadt dröhnen. Und da sind die schneidenden Sirenen der zahllosen Krankenwagen, Polizeiautos und Einsatzwagen der Notärzte. Die Musik der Feiernden und die Erkennungsmelodie des großen Unglücks: Stundenlang erfüllt ihre Kakophonie die Innenstadt.
19 Menschen haben bei der Massenpanik am Rande der Loveparade in Duisburg ihr Leben verloren, fast 350 wurden verletzt. Schon nachmittags gegen 17 Uhr ist es passiert, und doch geht die Party in Duisburg bis in die Nacht weiter. Wie kam es zu dieser Tragödie? Und wie gehen Veranstalter und die 1,4 Millionen Raver mit ihr um?
© Kirsten Neumann/Reuters

People injured in the stampede at the Love Parade "The art of Love", receive first aid in the western German city of Duisburg July 24, 2010. At least 10 people were killed in a stampede at the "Love Parade" techno music festival in Germany on Saturday, after overcrowding at an entrance gate sparked a stampede, police said. REUTERS/Kirsten Neumann (GERMANY - Tags: DISASTER IMAGES OF THE DAY)
Am Abend ist die Loveparade für die Sicherheitskräfte und die Veranstalter vor allem eines: ein Event-Monstrum, das droht, außer Kontrolle zu geraten. Tausende Polizisten sind nach der Katastrophe nach Duisburg geeilt, mit dem Auto kommt man kaum in die Stadt, so zahlreich sind die Straßensperren. Der Hauptbahnhof ist gleich von mehreren Absperrungsringen umgeben, eine Zeit lang war er komplett dicht, weil Loveparade-Flüchtlinge in den Gleisen herumliefen. Die gesamte, fast zwei Kilometer lange Strecke zwischen Hauptbahnhof und Veranstaltungsgelände ist mit Sanitätszelten, Polizeibussen und Absperrungen gesäumt. Man zeigt Präsenz.
- Hilfe für Betroffene
-
Die Polizei hat eine Hotline unter der Telefonnummer 0203/94 000 für Angehörige von Opfern und Vermissten geschaltet.
Unter der Telefonnummer 0201/82 98 091 wird Menschen Hilfe angeboten, die aufgrund ihrer schockierenden Erlebnisse am Samstag ein persönliches Betreuungsangebot in Anspruch nehmen möchten.
Die Helfer sind auch unter der E-Mail-Adresse Betreuungsangebot.Loveparade@polizei.nrw.de zu erreichen.
Duisburg hat keine 500.000 Einwohner, die Loveparade hat rund 1,4 Millionen Gäste mitgebracht. Eine solche Masse kann man nicht einfach wieder wegschicken – besonders nicht, wenn sie zum Feiern gekommen ist. Deshalb ist die Strategie der Verantwortlichen nach dem Unglück vielleicht die einzig mögliche. Sie lassen das gereizte Monster Loveparade sich austoben und passen auf, dass möglichst nicht noch mehr Schaden entsteht. Die Loveparade geht deshalb noch bis in die Nacht weiter.
Das führt zu bizarren, abstoßenden Szenen. Da sind die etlichen Sanitätszelte am Rande der Strecke und in der Innenstadt, Verletzte und Blutende, die notversorgt werden und denen der Schock im Gesicht steht. Und daneben, oft keine fünf Meter weiter, feiern aufgeputschte Raver auf der Straße einfach weiter. "Ja, das ist schon schlimm mit den Toten", sagt eine, "aber ich kann daran ja jetzt auch nichts mehr ändern."
Kneipen und Dönerläden haben auf der Straße spontan Musikanlagen aufgebaut, verkaufen Dosenbier zu überteuerten Preisen. Die komplette Innenstadt stinkt nach Alkohol, und das ist offensichtlich eher eine der harmloseren Drogen, die hier heute genommen werden. Glasig und weggetreten sind die Augen vieler. Die Stimmung unter denjenigen, die einfach weiterfeiern, ist auf dem schmalen Grad zwischen exzessiv und aggressiv. Getanzt wird leidenschaftlich, ab und zu auch ein bisschen geprügelt, zum Adrenalin-Abbau.
Sebastian und Tina Hardt können nicht mehr feiern, sie haben genug gesehen. Die beiden waren dabei, als die Massenpanik losbrach. Was sie erzählen, deutet auf eine sehr schlechte Organisation der Veranstaltung hin, auf zu wenige Sicherheitskräfte und Fluchtwege – auf eine fatale Mischung aus zu wenig Platz und aggressiver Stimmung. Die eigentliche, tödliche Panik, sagen sie, entstand nicht in den Tunneln selbst, sondern dahinter. Die Tunnel münden auf einen knapp 25 Meter breiten Weg, der dann hoch zum eigentlichen Gelände am Alten Güterbahnhof führt. Auch dieser Weg ist auf beiden Seiten durch mehrere Meter hohe Mauern begrenzt. "Das war wie ein Trichter", berichtet das Paar, "es gab überhaupt keine Fluchtwege."
Als die Polizei merkte, dass es an diesem Punkt viel zu voll wurde, "da haben ein paar Polizisten die Eingänge der Tunnel abgesperrt", berichtet Sebastian Hardt, "aber die wurden einfach überrannt." So drückten also von hinten mit voller Wucht Tausende Besucher in den "Trichter", die Angst hatten, nicht mehr auf die Party zu kommen. Vorne ging es kaum weiter, weil das Gelände bereits voll war, und diejenigen, die rein wollten, gegen die strömten, die raus wollten. Der Druck stieg wie in einem Flaschenhals, bis es zur Katastrophe kam.
- Datum 25.07.2010 - 09:11 Uhr
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Verzichten Sie auf Anschuldigungen. Die Redaktion / mh
... ist es immer leicht, falsche Konzepte in der Luft zu zerreißen, aber angesichts dieser Bilder von eingekeilten Menschenmassen in dem Tunnel muss man nicht besonders schlau sein, um die bevorstehende Katastrophe zu erahnen. Die Frage ist, welche Handlungsoptionen die Ordnungskräfte in diesem Augenblick überhaupt noch hatten. Wie stoppt man zigtausend Menschen, die nur wegen DEM Event des Jahres womöglich stundenlang angereist sind und nun ein paar hundert Meter vor dem Gelände stehen? Da an die Vernunft zu appellieren, funktioniert vielleicht gerade noch bei hundert Menschen, aber zu glauben, dass es bei mehreren Tausend funktioniert, halte ich für reichlich naiv.
Insgesamt macht einen dieses fürchterliche Drama wirklich fassungslos. Man kann die Panik der Anwesenden nachfühlen.
... ist es immer leicht, falsche Konzepte in der Luft zu zerreißen, aber angesichts dieser Bilder von eingekeilten Menschenmassen in dem Tunnel muss man nicht besonders schlau sein, um die bevorstehende Katastrophe zu erahnen. Die Frage ist, welche Handlungsoptionen die Ordnungskräfte in diesem Augenblick überhaupt noch hatten. Wie stoppt man zigtausend Menschen, die nur wegen DEM Event des Jahres womöglich stundenlang angereist sind und nun ein paar hundert Meter vor dem Gelände stehen? Da an die Vernunft zu appellieren, funktioniert vielleicht gerade noch bei hundert Menschen, aber zu glauben, dass es bei mehreren Tausend funktioniert, halte ich für reichlich naiv.
Insgesamt macht einen dieses fürchterliche Drama wirklich fassungslos. Man kann die Panik der Anwesenden nachfühlen.
Vermeiden Sie Anschuldigungen. Die Redaktion / mh
Mir ist schleierhaft, wie der Veranstalter davon ausgehen konnte, das nur ein paar Hunderttausend Leute kommen, wenn bereits beim vorigen mal über 1 Million da waren. Man sieht doch auf den ersten Blick, das das Gelände lächerlich klein ist und nicht mal im Ansatz ausreicht. Und dann noch ein Tunnel ohne Ausweichmöglichkeit als einziger Zu- und Ausgang?
Da hat die gesperrte Autobahn ja mehr Fläche, hätten sie lieber dort feiern sollen. Meiner Meinung nach hat der Veranstalter völlig danebengelegen.
.....sollten alle mit ihren Vermutungen. Panik ist ein Zustand der nicht mehr kontrollierbar ist. Man kann versuchen gedanklich Dinge in solchen Situationen zu analysieren. Wird der Druck zu groß, vergessen wir unser Denkvermögen. Es geht nur noch um das Überleben, die niedersten Instinkte werden angesprochen und ausgelebt.
Es geht ausschliesslich nur noch um den Energieeinsatz in einer lebensbedrohlichen Situation!
Auch Lachen und aus unserer Sicht "dumme Sprüche" machen wie "Ja, das ist schon schlimm mit den Toten", sagt eine, "aber ich kann daran ja jetzt auch nichts mehr ändern.", ist eine Reaktion des Stressabbaues.
Drogenkonsum kann eine Rolle spielen, aber eben auch die Angst und das individuelle Gefühl " ich darf weiterleben".
Ich hatte das Erlebnis im Hamburger Elbtunnel in einem Stau einen Fahrer zu erleben, der vor Platzangst fast ausrastete. Der war panisch - ohne einer direkten Bedrohung ausgesetzt zu sein. Und es war eine harte Arbeit ihn vor Aktionen zu schützen, die nicht mehr reparabel gewesen wären.
Wir sollten mit Demut und Achtsamkeit dazu beitragen, dass solche Veranstaltungen besser geplant werden. Verhindern können wir sie nicht, aber vielleicht auch weggehen, wenn ein mulmiges Gefühl entsteht.
Ich bin traurig und denke an die Opfer und die Beteiligten, die dieses miterleben mussten.
Seien wir vorsichtig mit Vorverurteilungen, wir haben in diesem Land schon zu viele an der Seitenlinie stehen.
Sie haben Recht, Panik schaltet die Vernunft aus.
Dennoch: Den Fall der auftretenden Panik in den örtlichen Gegebenheiten hat wohl keiner der veranstaltenden Beteiligten einkalkuliert. Dieser Vorwurf bleibt bestehen.
Ich wusste im Vorfeld nicht, dass dieses Nadelöhr den Eingang bilden soll und ging am Vorabend davon aus, dass der rückseitige Zugang gewählt würde...
Finde ich gut und angemessen, auch das Bild von der Seitenlinie.
wird mir zur Trennlinie eines Dyptichons. Auf der einen Seite Bayreuts hohe Kultur für Geladene und Verwöhnte, auf der anderen Seite eine Industrielandschaft, in der Teile von »Briefe eines Toten« hätten gedreht werden können.
Ungutes Gefühl.
Siehe auch Foto und Kommentar #23 bei http://www.zeit.de/gesell...
Frau Merkel hatte jedenfalls Musse.
Sie haben Recht, Panik schaltet die Vernunft aus.
Dennoch: Den Fall der auftretenden Panik in den örtlichen Gegebenheiten hat wohl keiner der veranstaltenden Beteiligten einkalkuliert. Dieser Vorwurf bleibt bestehen.
Ich wusste im Vorfeld nicht, dass dieses Nadelöhr den Eingang bilden soll und ging am Vorabend davon aus, dass der rückseitige Zugang gewählt würde...
Finde ich gut und angemessen, auch das Bild von der Seitenlinie.
wird mir zur Trennlinie eines Dyptichons. Auf der einen Seite Bayreuts hohe Kultur für Geladene und Verwöhnte, auf der anderen Seite eine Industrielandschaft, in der Teile von »Briefe eines Toten« hätten gedreht werden können.
Ungutes Gefühl.
Siehe auch Foto und Kommentar #23 bei http://www.zeit.de/gesell...
Frau Merkel hatte jedenfalls Musse.
Auch dieser Beitrag, so genau er berichtet, beurteilt diese scheckliche Ereignis im Grunde im Nachhinein und misst die Intention von Freude und Verantwortung am Ergebnis.
300.000 Menschen. Wie will man kontrollieren, ob nicht 500.000 kommen. Die Veranstalter von Woodstock,da kamen statt 50.000 200.000, haben auch Glück gehabt, dass aus dem Fest des Friedens keine Veranstaltung des Unglücks wurde.
Vielleicht ist einen Parade die beser geeignete Fporm für derlei Veranstaltungen. Da gibt es immer Ausweichwege und lose Zusammenkünfte, wie die bislang paniklosen Karnevalszüge und CSD Paraden zeigen.
Sie haben Recht, Panik schaltet die Vernunft aus.
Dennoch: Den Fall der auftretenden Panik in den örtlichen Gegebenheiten hat wohl keiner der veranstaltenden Beteiligten einkalkuliert. Dieser Vorwurf bleibt bestehen.
Ich wusste im Vorfeld nicht, dass dieses Nadelöhr den Eingang bilden soll und ging am Vorabend davon aus, dass der rückseitige Zugang gewählt würde...
If Panic, panic first!
Selbst wenn Du weißt, dass es vernünftiger wäre, wenn Alle ruhig blieben, ist die einzige Überlebenschance: Panic first!
If Panic, panic first!
Selbst wenn Du weißt, dass es vernünftiger wäre, wenn Alle ruhig blieben, ist die einzige Überlebenschance: Panic first!
Nehmen wir an, zu dem Zeitpunkt befanden sich eine Million Besucher auf und um das Gelände. Pro Besucher durchschnittlich 4 Angehörige, die wussten, dass man sich dort befand. Also etwa 4 Millionen Menschen, die sich fragen mussten, ob der oder die Angehörige nicht auch zu den Todesopfern zählt.
Das Handynetz liegt brach. Und nur eine Hotline-Nummer der Duisburger Polizei.
Die Massenpanik zog sich wie ein Lauffeuer auf einmal auch durch den restlichen Teil des Landes.
Es sind also manchmal wirklich nur die Kleinigkeiten, die entscheidend sind. Man möchte angesichts des gestrigen Tages wirklich nur den Kopf schütteln. Man muss einfach zugeben, dass Berlin der bessere Austragungsort für diese Veranstaltung gewesen ist.
a) wussten die Anwohner und Veranstalter seit Jahrzehnten um die Eigenheiten dieser Parade bescheid
b) hatte sich auch das Publikum im Laufe der Zeit eingesessen und die 1-Mio-Marke wurde nur geringfügig gesprengt
c) ist Berlin herrgottnochmal selbst eine Millionenstadt und kann entsprechende Massen auch beherbergen.
Ich liebe das Ruhrgebiet und bin hier aufgewachsen. Aber das ist einfach eine Nummer zu groß.
Finde ich gut und angemessen, auch das Bild von der Seitenlinie.
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