Am stärksten hat sich die Geräuschkulisse in die Erinnerung eingebrannt nach diesem schrecklichen, chaotischen Abend in Duisburg: Da sind die wummernden Bässe, die aus riesigen Boxen, aus Kneipen und von improvisierten Straßenpartys durch die ganze Stadt dröhnen. Und da sind die schneidenden Sirenen der zahllosen Krankenwagen, Polizeiautos und Einsatzwagen der Notärzte. Die Musik der Feiernden und die Erkennungsmelodie des großen Unglücks: Stundenlang erfüllt ihre Kakophonie die Innenstadt.

19 Menschen haben bei der Massenpanik am Rande der Loveparade in Duisburg ihr Leben verloren, fast 350 wurden verletzt. Schon nachmittags gegen 17 Uhr ist es passiert, und doch geht die Party in Duisburg bis in die Nacht weiter. Wie kam es zu dieser Tragödie? Und wie gehen Veranstalter und die 1,4 Millionen Raver mit ihr um?

Am Abend ist die Loveparade für die Sicherheitskräfte und die Veranstalter vor allem eines: ein Event-Monstrum, das droht, außer Kontrolle zu geraten. Tausende Polizisten sind nach der Katastrophe nach Duisburg geeilt, mit dem Auto kommt man kaum in die Stadt, so zahlreich sind die Straßensperren. Der Hauptbahnhof ist gleich von mehreren Absperrungsringen umgeben, eine Zeit lang war er komplett dicht, weil Loveparade-Flüchtlinge in den Gleisen herumliefen. Die gesamte, fast zwei Kilometer lange Strecke zwischen Hauptbahnhof und Veranstaltungsgelände ist mit Sanitätszelten, Polizeibussen und Absperrungen gesäumt. Man zeigt Präsenz.

Duisburg hat keine 500.000 Einwohner, die Loveparade hat rund 1,4 Millionen Gäste mitgebracht. Eine solche Masse kann man nicht einfach wieder wegschicken – besonders nicht, wenn sie zum Feiern gekommen ist. Deshalb ist die Strategie der Verantwortlichen nach dem Unglück vielleicht die einzig mögliche. Sie lassen das gereizte Monster Loveparade sich austoben und passen auf, dass möglichst nicht noch mehr Schaden entsteht. Die Loveparade geht deshalb noch bis in die Nacht weiter.

Das führt zu bizarren, abstoßenden Szenen. Da sind die etlichen Sanitätszelte am Rande der Strecke und in der Innenstadt, Verletzte und Blutende, die notversorgt werden und denen der Schock im Gesicht steht. Und daneben, oft keine fünf Meter weiter, feiern aufgeputschte Raver auf der Straße einfach weiter. "Ja, das ist schon schlimm mit den Toten", sagt eine, "aber ich kann daran ja jetzt auch nichts mehr ändern."

Kneipen und Dönerläden haben auf der Straße spontan Musikanlagen aufgebaut, verkaufen Dosenbier zu überteuerten Preisen. Die komplette Innenstadt stinkt nach Alkohol, und das ist offensichtlich eher eine der harmloseren Drogen, die hier heute genommen werden. Glasig und weggetreten sind die Augen vieler. Die Stimmung unter denjenigen, die einfach weiterfeiern, ist auf dem schmalen Grad zwischen exzessiv und aggressiv. Getanzt wird leidenschaftlich, ab und zu auch ein bisschen geprügelt, zum Adrenalin-Abbau.

Sebastian und Tina Hardt können nicht mehr feiern, sie haben genug gesehen. Die beiden waren dabei, als die Massenpanik losbrach. Was sie erzählen, deutet auf eine sehr schlechte Organisation der Veranstaltung hin, auf zu wenige Sicherheitskräfte und Fluchtwege – auf eine fatale Mischung aus zu wenig Platz und aggressiver Stimmung. Die eigentliche, tödliche Panik, sagen sie, entstand nicht in den Tunneln selbst, sondern dahinter. Die Tunnel münden auf einen knapp 25 Meter breiten Weg, der dann hoch zum eigentlichen Gelände am Alten Güterbahnhof führt. Auch dieser Weg ist auf beiden Seiten durch mehrere Meter hohe Mauern begrenzt. "Das war wie ein Trichter", berichtet das Paar, "es gab überhaupt keine Fluchtwege."

Als die Polizei merkte, dass es an diesem Punkt viel zu voll wurde, "da haben ein paar Polizisten die Eingänge der Tunnel abgesperrt", berichtet Sebastian Hardt, "aber die wurden einfach überrannt." So drückten also von hinten mit voller Wucht Tausende Besucher in den "Trichter", die Angst hatten, nicht mehr auf die Party zu kommen. Vorne ging es kaum weiter, weil das Gelände bereits voll war, und diejenigen, die rein wollten, gegen die strömten, die raus wollten. Der Druck stieg wie in einem Flaschenhals, bis es zur Katastrophe kam.