Loveparade in Duisburg : Gegenseitige Schuldzuweisungen

Polizei gegen Politik, Veranstalter gegen Polizei: Die Verantwortlichen für die Loveparade schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Die Zahl der Todesopfer steigt auf 20.

Wenige Tage nach der Katastrophe bei der Duisburger Loveparade richten sich die offenen Fragen besonders an Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU). Sauerland beharrt darauf, nichts von Sicherheitsbedenken vor der Loveparade gewusst zu haben. Kritische Stimmen gebe es vor solchen Veranstaltungen immer, die Stadt habe aber alles genau geprüft. 

Wie mehrere Regionalzeitungen berichten, unterschrieb Sauerland die ordnungsbehördliche Erlaubnis für die Veranstaltung allerdings erst kurz vor Beginn der Loveparade um 9 Uhr. Erfahrene Polizeibeamte sagen, solche Genehmigungen würden üblicherweise Wochen oder Monate vor Massenveranstaltungen ausgestellt.

Bis Freitag aber hätten die Beteiligten über das Sicherheitskonzept debattiert. Die Duisburger Berufsfeuerwehr und Polizisten hätten deutlich gemacht, dass die Veranstaltung so nicht stattfinden könne. "Am Freitag wurde die Loveparade nicht abgesegnet. Am Samstag musste dann eine Entscheidung gefällt werden", zitiert die Kölnische Rundschau einen Beamten. Schließlich seien bereits Tausende Besucher unterwegs gewesen. "So etwas habe ich in den vergangenen 30 Jahren noch nicht erlebt", sagte ein erfahrener Polizist.

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, habe die Duisburger Polizei schon früh vor Mängeln im Sicherheitskonzept gewarnt. Sie sei aber auf politischen Widerstand in der Stadt gestoßen. Vor allem der mittlerweile in Ruhestand gegangene Polizeipräsident Rolf Cebin soll sich heftig gegen die Austragung der Veranstaltung gewandt und damit den Unmut der Lokalpolitik zugezogen haben. Der SZ zufolge verlangte der Duisburger CDU-Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg gar die Absetzung Cebins.

Deswegen sieht die Polizei die Verantwortung bei der Stadtverwaltung. Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Nordrhein-Westfalen, Frank Richter, sagte, die Stadt sei als Genehmigungsbehörde zuständig gewesen, und habe trotz kritischer Stimmen aus der Polizei "darauf bestanden, das in dieser Art und Weise durchzuführen".

Allerdings steht auch die Polizei in der Kritik. Loveparade-Organisator Rainer Schaller warf der Einsatzleitung vor, sie habe alle Schleusen vor dem westlichen Tunneleingang öffnen lassen, wodurch der Hauptstrom der Besucher unkontrolliert in den Tunnel gelangt sei. Zuvor hätten die Veranstalter 10 der 16 Schleusen geschlossen gehalten, weil bereits zu viele Menschen in dem Tunnel waren.

Die Polizeit wies das zurück. Derzeit könnten die Ermittler nicht sagen, was die Katastrophe auslöste, sagte eine Sprecherin. "Wir fänden es gut, wenn sich Herr Schaller nicht in Spekulationen verlieren würde."

Schaller wies seinerseits den Vorwurf von sich, Profitgier habe über Sicherheitsbedenken gesiegt. "Wir haben nie Druck auf eine Herabsetzung der Sicherheit ausgeübt", sagte er. Den Zaun um das Gelände habe er aus Sicherheitsgründen aufstellen lassen und nicht, um den Getränkeverkauf in der Hand zu behalten.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg ermittelt wegen fahrlässiger Tötung gegen unbekannt. Die Polizei übertrug die Ermittlungen von der Duisburger Behörde auf die Polizei in Köln – um sich nicht dem Verdacht der Befangenheit auszusetzen.

Die Ministerpräsidentin in Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft (SPD), forderte, künftig den Landesregierungen mehr Kompetenzen bei Großveranstaltungen zu übertragen. Es sei klar erkennbar, dass das Sicherheitskonzept für die Loveparade nicht gut gewesen sei, sagte Kraft.

Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Hans-Peter Uhl (CSU) forderte den Rücktritt der Verantwortlichen. "Nach dieser Katastrophe sind politische und persönliche Konsequenzen unausweichlich."

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Kommentare

92 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Mitverantwortliche

Laut WDR-Fernsehen und mehreren Tageszeitungen hat sich der CDU-Kreisvorsitzende Thomas Mahlberg beim damaligen NRW-Innenminister Wolf schriftlich über den Duisburger Polizeipräsidenten Cerbin beschwert. Cerbin hatte sich gegen die Durchführung der Loveparade in Duisburg ausgesprochen.
Herr Mahlberg war MdB und verfügt als gelernter Groß- und Einzelhandelskaufmann sicherlich über hinreichend große Kenntnisse über die Durchführung von öffentlichen Großveranstaltungen.

Widersprüche und bewußte Verschleierungstaktik

Wenn man folgende Informationen aus dem Artikel gegenüberstellt:

1. Rainer Schaller (Organisator):
"Wir haben nie Druck auf eine Herabsetzung der Sicherheit ausgeübt", sagte er. Auch habe er den Zaun um das Gelände aus Sicherheitsgründen aufstellen lassen und nicht, um den Getränkeverkauf in der Hand zu behalten.

2. Polizei und Feuerwehr (Sicherheitskräfte):
Bis Freitag hätten die Beteiligten über das Sicherheitskonzept debattiert, wobei die Duisburger Berufsfeuerwehr und Polizisten deutlich gemacht hätten, dass die Veranstaltung so nicht stattfinden könne...

3. Stadt (Genehmigungsbehörde):
...unterschrieb Sauerland die ordnungsbehördliche Erlaubnis für die Veranstaltung erst kurz vor Beginn um 9 Uhr.

und dann...

4. Bürgermeister Sauerland:
...sagte in einem Interview, er habe nichts von Sicherheitsbedenken vor Beginn gewusst. "Mir sind keine Warnungen bekannt."

Wenn das mal keine bewußte Verschleierungstaktik ist.

Es geht um viel Geld für die Hinterbliebenen und Verletzten. Wenn die Verantwortlichen ihre Schuld eingestehen und zugeben, dass ihnen die Mängel des Sicherheitskonzeptes bekannt waren und sie das Risiko bewußt eingegangen sind, dann greift der Versicherungsschutz der AXA nicht mehr.

Nur darum geht es bei dem Verhalten der Beteiligten. Sie versuchen, persönlichen Schaden und Schaden für die Stadtkasse Duisburg abzuwenden.

Der schnöde Mammon...

Re: Wer glaubt, dass einer der Verantwortlichen zurücktritt,

@3: Ja, es mag um Gewinne für die Stadt und auch um Prestige gegangen sein.

Aber warum der OB nicht zurücktritt ist ein juristischer Schachzug: Er darf nicht.

Ich habe Jura in Jena studiert und auch wenn ich mich jetzt für den Berufsstand weit aus dem Fenster hänge... - ich würde den Beteiligten juristisch auch raten, den Mund zu halten.

Grundprinzip: Keinerlei Schuldeingeständnisse. Ansonsten können immense Schadenersatzforderungen auf die handelnden Personen bzw. auf die Kommune zukommen. Bei bewußtem Fehlverhalten greift keine Versicherung mehr.

Ein Rücktritt käme einem Schuldeingständnis gleich (was der OB schon öffentlich so geäußert hat) - und das würde ich ihm als Anwalt verbieten.

politisches taktieren

mit verlaub "user erfurt" - ist doch etwas, was wir bis zum überdruss aus der politik kennen. entscheidungen, die getroffen werden/wurden sind auch zu verantworten. wohin das führt, wenn sich niemand verantwortlich fühlt, ist gut zu beobachten: überall auf der erde. das hat den desolaten gesellschaftlichen zustand, der in den meisten staaten zu sehen ist, verursacht. und nicht nur das - dasselbe phänomen ist im umgang mit der natur zu sehen - siehe BP im golf von mexiko.

was wir alle brauchen ist transparenz und klarheit in der politik und wirtschaft. und menschen, die sich keiner lobby verpflichtet fühlen, sondern der allgemeinheit.

und anwälte, die sich in solchen zusammenhängen auf juristische strategien beziehen sind ebenso entbehrlich, wie die betreffenden politiker.
die erde braucht eine neue verantwortungskultur.

Re: politisches Taktieren

@55: Natürlich sind diese Verhaltensstrategien hinreichend bekannt und auch die dahinter stehenden Mechanismen.

Sie fordern: "Die Erde braucht eine neue Verantwortungskultur."

Mich würde interessieren, welches Konzept Sie zur Erreichung dieses Zieles vorlegen können.

Die von Ihnen angeprangerten Verhaltensweisen sind nicht nur bei Politikern und Wirtschaftsbossen zu finden.

Solange es zu den Grundeigenschaften (fast) jedes Menschen gehört, sich aus unangenehmen Situationen nach dem Motto: "Mein Name ist Hase, ich weiss von Nichts." herauszuwinden, sehe ich da wenig Chancen.

Ende gefunden. Und die Moral der Geschichte

Hier hat eine fragwürdige Veranstaltung verbunden mit der Gier des Geldverdienens und Aufsehen um jeden Preis und einer verirrten Werbung für die Stadt Duisburg ein jähes trauriges Ende gefunden.
Und die Moral der Geschichte, man wusste schon vorher um die gravierenden Mängel aber man wollte unbedingt sich stark machen für diese überdüngte Veranstaltung und wie in der Landwirtschaft die Pflanzen bei Sturm ist vieles platt gemacht worden.
Nur waren es keine Pflanzen, sondern Menschen!