ZEIT ONLINE: In Duisburg während der Loveparade haben Überlebende, die im Tunnel und auf der Rampe feststeckten, nicht nur entsetzliche Todesangst ausgestanden. Manche sind auch über andere hinweggetrampelt, von der Masse gedrückt. Was haben diese Menschen erlebt?

Sybille Jatzko: Sie müssen sich vorstellen, dass der Drang zum Überleben in derart bedrohlichen Situationen ganz von allein anspringt. Es gibt drei Möglichkeiten, wie wir uns verhalten: Wir kämpfen, fliehen oder fallen in Ohnmacht. Wenn wir aber merken, dass wir keine Gewalt mehr über uns haben, uns nicht mehr selbstbestimmt bewegen können und dann auch noch über jemanden drüberlaufen, dann ist das im wahrsten Sinne des Wortes ein Horrortrip. Manche der Menschen, die das erlebt haben, werden dauerhaft mit Belastungen kämpfen müssen.

ZEIT ONLINE: Wie verhalten sich Menschen, die so etwas erlebt haben?

Jatzko: Für sie ist es nicht einfach, darüber zu sprechen. Viele werden das für sich behalten. Im Fernsehen hören sie auch noch viele Berichte mit Vorwurfshaltung: "Die sind auch noch drüber getrampelt." Das Traurige ist nämlich, dass die Scham und Scheu, die mit den Schuldgefühlen einhergeht, verhindern, dass man das Erlebte verarbeitet und in sein Leben integriert. Aufgrund der traumatisierten Erfahrungen können sich diese Menschen dann verändern. Viele werden aggressiv, schlagen um sich. Damit müssen wir jetzt rechnen.

Loveparade-Katastrophe - Szenen des Loveparade-Unglücks in Duisburg Videoaufnahmen des Hobbyfilmers Thomas Kraus vom Unglücksort

ZEIT ONLINE: Was kann man jetzt sofort für die Opfer dieses Unglücks tun?

Jatzko: Wichtig ist, dass man aufklärt: Das ist ein Meilenstein für die Reduzierung von dauerhaften Störungen. Die Betroffenen wissen ja noch nicht, wie sie reagieren werden. Vielleicht werden sie aggressiv oder sie haben bestimmte Gerüche oder Geräusche abgespeichert, die die Bilder des Grauens wieder aktivieren. Flashbacks nennt man das. Oder sie gehen in die Fußgängerzone zum Einkaufen, plötzlich wird es eng und sie können nicht anders als wegzurennen. Deshalb ist es wichtig, jetzt die Opfer darüber aufzuklären, dass so etwas passieren kann und dass es eine ganz normale Reaktion ist. Wenn es übermächtig wird, kann man Therapien in Anspruch nehmen. Viele können aber auch so damit umgehen.