Loveparade-Unglück Warum scheiterte das Sicherheitskonzept?

Nach dem Unglück in Duisburg ermittelt die Staatsanwaltschaft. Mögliche Verantwortliche weisen die Schuld von sich. In Zukunft soll es keine Loveparade mehr geben.

Nach dem Unglück auf der Loveparade in Duisburg wird scharfe Kritik am Sicherheitskonzept der Organisatoren laut. Die Staatsanwaltschaft Duisburg hat Ermittlungen eingeleitet. Dies bestätigte das örtliche Polizeipräsidium während einer Pressekonferenz der Stadt und der Veranstalter. Auf dem überfüllten Gelände war am Samstag Panik ausgebrochen – 19 Menschen starben, mehr als 340 wurden verletzt. Die Toten waren zwischen 20 und 40 Jahre alt. Zwei Strafanzeigen gegen die Veranstalter gingen bisher ein.

Dazu, wie es zu dem Unglück kommen konnte, gab es auf der Pressekonferenz am Sonntagmittag kaum Antworten. Noch sei unklar, wie viele Besucher insgesamt bei der Loveparade waren, sagte Detlef von Schmeling vom Polizeipräsidium Duisburg. Die bisher genannte Zahl von 1,4 Millionen könne er zunächst nicht bestätigen. Als einzige feststehende Zahl nannte er 105.000 Menschen, die in der Zeit von 9 bis 14 Uhr mit der Bahn nach Duisburg gekommen seien.

Anzeige

People injured in the stampede at the Love Parade "The art of Love", receive first aid in the western German city of Duisburg July 24, 2010. At least 10 people were killed in a stampede at the "Love Parade" techno music festival in Germany on Saturday, after overcrowding at an entrance gate sparked a stampede, police said. REUTERS/Kirsten Neumann (GERMANY - Tags: DISASTER IMAGES OF THE DAY)

Die meisten Toten seien auf der westlichen Seite der Zugangsrampe gefunden worden. 16 Opfer seien bislang identifiziert, die Angehörigen seien informiert. Unter den Toten befanden sich ein Niederländer, ein Australier, ein Italiener und ein Chinese.

Die Veranstalter wollten sich nicht dazu äußern, wie der Zugang durch den Tunnel zum Festgelände vor Beginn der Loveparade mit Blick auf die Sicherheit der Besucher bewertet worden war. Der Sprecher des Veranstalters Lopavent , Björn Köllen, verwies auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Von Schmeling sagte, dass die Polizei vor dem Unglück eine zweite Zugangsrampe geöffnet habe, damit der Druck auf den ersten Zugang nachlassen könne. Teil des Sicherheitskonzeptes sei gewesen, den Zugang zum Tunnel zu regulieren. Das sei den ganzen Tag über durch die Polizei erfolgt. Außerdem habe man den Zugang zum Gelände zu keinem Zeitpunkt gesperrt. Zum Zeitpunkt des Unfalls hätten die Besucher noch Bewegungsmöglichkeiten auf der Rampe gehabt, sagte der Polizeisprecher.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft gibt die Schuld für die Katastrophe Stadt und Veranstaltern. Der Vorsitzende der Gewerkschaft, Rainer Wendt, sagte der Bild -Zeitung: "Letztlich sind Stadt und Veranstalter für die Tragödie verantwortlich." Wendt führte weiter aus, er habe schon vor einem Jahr gewarnt, Duisburg sei kein geeigneter Ort für die Loveparade. "Die Stadt ist zu klein und eng für derartige Veranstaltungen." Der Polizeigewerkschafter sieht das Problem nicht beim Festival-Gelände selbst, sondern bei den Wegen dorthin. Eine Schuld der Polizei sieht Wendt nicht.

Der Organisator der Loveparade, Rainer Schaller, verkündete das "Aus" der Technoparade. "Worte reichen nicht aus, um das Maß meiner Erschütterung zu erklären", sagte er. "Mir ist alles daran gelegen, die Geschehnisse vollständig aufzuklären." Die Technoparty, die vor 21 Jahren in Berlin zum ersten Mal veranstaltet wurde, findet damit auch nicht wie geplant im kommenden Jahr in Gelsenkirchen statt.

Fast hätte auch die Loveparade im Kulturstadtjahr "Ruhr 2010" in Duisburg nicht stattgefunden, weil der hoch verschuldeten Stadt Geld für Sonderbusse, Absperrungen und andere Sicherheitsmaßnahmen fehlten. Auch die Tauglichkeit des lange brachliegenden, abgeschlossenen Geländes zwischen einer Autobahn und Bahngleisen war lange vorher von Experten angezweifelt worden.


Karl-Lehr-Straße, Duisburg auf einer größeren Karte anzeigen

Kritikpunkt vieler Augenzeugen war stets das Sicherheitskonzept und die Organisation der Massenparty. Tausende Menschen hatten sich in einem Tunnel zum Gelände gestaut. Die Polizei war mit mehr als 4000 Kräften im Einsatz.

Hilfe für Betroffene

Die Polizei hat eine Hotline unter der Telefonnummer 0203/94 000 für Angehörige von Opfern und Vermissten geschaltet.

Unter der Telefonnummer 0201/82 98 091 wird Menschen Hilfe angeboten, die aufgrund ihrer schockierenden Erlebnisse am Samstag ein persönliches Betreuungsangebot in Anspruch nehmen möchten.

Die Helfer sind auch unter der E-Mail-Adresse Betreuungsangebot.Loveparade@polizei.nrw.de zu erreichen.

Der Leiter der Duisburger Krisenstabs, Wolfgang Rabe, erklärte, er habe am Sonntagmorgen alle seine Unterlagen der Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt. Vor der Presse wollte er wegen der bereits begonnenen Ermittlungen keine weiteren Aussagen machen. Er sagte, der Veranstaltungsplatz auf dem alten Güterbahnhof könne grundsätzlich bis zu 300.000 Menschen aufnehmen. Er sei zum Zeitpunkt des Unglücks nicht vollständig gefüllt gewesen.

Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) warnte vor voreiligen Schuldzuweisungen. Die Staatsanwaltschaft müsse ermitteln, den Behörden seien Akten dazu übergeben worden.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    nach dem Bericht max. für 300.000 Menschen, obwohl mit mehr als 1 Mio gerechnet wurde und noch mehr wohl da waren. Keine Ausweichflächen...

    Wie eine Mausefalle.

    nach dem Bericht max. für 300.000 Menschen, obwohl mit mehr als 1 Mio gerechnet wurde und noch mehr wohl da waren. Keine Ausweichflächen...

    Wie eine Mausefalle.

    • oppeln
    • 25.07.2010 um 14:47 Uhr

    Vermeiden Sie geschmacklose Aussagen. Die Redaktion / mh

  2. nach dem Bericht max. für 300.000 Menschen, obwohl mit mehr als 1 Mio gerechnet wurde und noch mehr wohl da waren. Keine Ausweichflächen...

    Wie eine Mausefalle.

    Antwort auf "Warum?"
  3. als mit diesen beiden Bildern - auch wenn es nicht maßstabsgerecht sein dürfte.

    Aber es zeigte die Flaschenhals-Problematik sehr klar. Wenn der Propfen stockt - zumal er offenichtlich an der falschen Seite hinter dem Tunnel am Aufgang zum Gelände reguliert wurde, statt vorne am Eingang, sind die Probleme vorprogrammiert.

    Falsche Stadt, falscher Veranstaltungsort und unzureichendes (Sicherheits-)Konzept.

  4. Das ist ja unglaublich, dass sich hier der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt in dieser Form zu Wort meldet. Die Polizei und ihre Einsatzleitung haben die Situation völlig falsch eingeschätzt und wie die Videos auf z. B. YouTube zeigen sich durch große Untätigkeit im Vorfeld der Panik ausgezeichnet. Wenn Herr Wendt aus der Entfernung jetzt der Polizei einen Freibrief ausstellt und jede Verantwortung oder Fehlverhalten der Polizei ausschließt, ist dies eine Verhöhnung der Opfer und an Pietätlosigkeit nicht zu überbieten. Herr Wendt hat scheinbar staatsbürgerliche Defizite und kennt das Prinzip der Gewaltenteilung nicht. Nicht die Polizei entscheidet über Recht und Unrecht, sondern die Justiz. Da sollte Herr Wendt in Respekt vor den Opfern den Mund halten. Der Mann muss sofort zurücktreten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Anonym
    • 26.07.2010 um 8:23 Uhr

    leider ist die Polizeit in Deutschland eine Institution, die sich wähnt, einen Freibrief zu haben, was ihr Verhalten angeht. Egal was passiert, wenn Menschen von der Polizei verprügelt oder beleidigt werden oder die Polizei sich sonstiges klares, vorsätzliches Fehlverhalten bis hin zu Straftaten leistet: Die Polizei wird dafür im Prinzip nie verurteilt, nie bestraft. Man lässt sie machen und schützt sie höchstens. Oder sie schützt sich selber, indem sie manipuliert, täuscht und vertuscht. Und wenn dann doch mal jemand angeklagt wird, dann eher die verprügelten Opfer der Polizei. Oder man droht ihnen mit einem strafrechtlichen Prozess, damit sie den Mund halten, die Füße still und nichts davon sagen, dass Polizist X ihnen aus einer Laune heraus die Nase gebrochen hat.

    Die Polizeit Deutschlands hat da scheinbar eine gewisse Immunität, die sie auch selbst durchsetzt. Offenbar wird es aber auch bis in die höchsten Kreise unterstützt oder geduldet. Von daher ist eine Verhöhnung der Opfer relativ normal in Deutschland.

    Die Vertuschungsaktion der Polizei fängt auch bereits an:

    "Nach Informationen von Spiegel Online hat eine Dienststelle der Bundespolizei sämtliche Unterlagen zur Loveparade von den Computern gelöscht."
    (http://www.zeit.de/gesell...)

    • Anonym
    • 26.07.2010 um 8:23 Uhr

    leider ist die Polizeit in Deutschland eine Institution, die sich wähnt, einen Freibrief zu haben, was ihr Verhalten angeht. Egal was passiert, wenn Menschen von der Polizei verprügelt oder beleidigt werden oder die Polizei sich sonstiges klares, vorsätzliches Fehlverhalten bis hin zu Straftaten leistet: Die Polizei wird dafür im Prinzip nie verurteilt, nie bestraft. Man lässt sie machen und schützt sie höchstens. Oder sie schützt sich selber, indem sie manipuliert, täuscht und vertuscht. Und wenn dann doch mal jemand angeklagt wird, dann eher die verprügelten Opfer der Polizei. Oder man droht ihnen mit einem strafrechtlichen Prozess, damit sie den Mund halten, die Füße still und nichts davon sagen, dass Polizist X ihnen aus einer Laune heraus die Nase gebrochen hat.

    Die Polizeit Deutschlands hat da scheinbar eine gewisse Immunität, die sie auch selbst durchsetzt. Offenbar wird es aber auch bis in die höchsten Kreise unterstützt oder geduldet. Von daher ist eine Verhöhnung der Opfer relativ normal in Deutschland.

    Die Vertuschungsaktion der Polizei fängt auch bereits an:

    "Nach Informationen von Spiegel Online hat eine Dienststelle der Bundespolizei sämtliche Unterlagen zur Loveparade von den Computern gelöscht."
    (http://www.zeit.de/gesell...)

  5. Berlin hat gezeigt, dass die Loveparade kein Geschäft ist,
    wenn die Müllbeseitigung, Polizei und etc. bezahlt werden
    muß. Für die bis an die Halskrause verschuldete Stadt Duisburg aber kein Problem, das Land hat ebenfalls abge -
    nickt. Nur wer verdient an den vielen Konzessionen für
    Bier- und Wurstbuden, Musik, Toiletten etc.
    Wurde deshalb alles eingezäunt und kanalisiert?
    Der Staat kommt für die Kosten auf und wer hält die Hand
    auf.
    Obwohl davon ausgegangen werden mußte, dass mehr als 1
    Million Besucher kommen, weiß keiner genau, wie groß das
    Gelände wirklich ist.Der Tunnel, egal wie man`s dreht oder
    wendet war das schwächste Glied in der Kette und war voraus-
    sehbar bei der Planung in Duisburg.
    Duisburg hat sich nicht mit Ruhm bekleckert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Nur wer verdient an den vielen Konzessionen für
    Bier- und Wurstbuden, Musik, Toiletten etc.
    Wurde deshalb alles eingezäunt und kanalisiert?"

    Nein, eingezäunt wurde, weil zu beiden Seiten des Geländes befahrene Eisenbahnstrecken sind. Und eine (allerdings gestern eh gesperrte) Autobahn auch noch.

    Vielleicht erstmal informieren, bevor Sie mit solch lächerlichen Verschwörungstheorien kommen?

    "Nur wer verdient an den vielen Konzessionen für
    Bier- und Wurstbuden, Musik, Toiletten etc.
    Wurde deshalb alles eingezäunt und kanalisiert?"

    Nein, eingezäunt wurde, weil zu beiden Seiten des Geländes befahrene Eisenbahnstrecken sind. Und eine (allerdings gestern eh gesperrte) Autobahn auch noch.

    Vielleicht erstmal informieren, bevor Sie mit solch lächerlichen Verschwörungstheorien kommen?

  6. Das hätte niemals passieren dürfen. Wären die Verantwortlich weniger selbstsüchtig und auf ihre "GUTEN RUF" bedacht, hätten sie die Warnungen die es gab sicher beachtet.

    MEIN MITGEFÜHL GILT DEN VERLETZTEN, DEN ANGEHÖRIGEN DER VERSTORBENEN OPFER UND ALLEN, DIE IRGENDWIE VON DIESER TRAGÖDIE BETROFFEN SIND.

    • leon1
    • 25.07.2010 um 16:14 Uhr

    Verzichten Sie auf zynische Äusserungen. Die Redaktion / mh

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service