Es könnte ein Ort der Trauer sein, der Würde und des Respekts. Hart Island aber ist Sperrgebiet. Höchstens aus der Luft kann man einen Blick auf das Eiland erhaschen: Eine Einflugschneise des Airports La Guardia führt genau über die geheimnisvolle Insel hinweg. Dort herrscht trotz des generellen Zutrittsverbots jeden Tag Hochbetrieb. Verurteilte Strafgefangene gehen hier ihrer gruseligen Arbeit nach.

Fast täglich bringt eine Fähre neue Holzsärge vom Festland. Auf den Kisten stehen, soweit bekannt, die Namen der Toten. Wenn ein Mensch im Stadtgebiet von New York stirbt, dann haben die Verwandten zwei Wochen Zeit, die Verantwortung für den Leichnam und die Beerdigung zu übernehmen. Wenn sich niemand meldet oder den Angehörigen das Geld für eine Bestattung auf einem Friedhof fehlt, dann landen die Toten automatisch auf Hart Island. Rund 1500 Menschen werden jährlich auf der Insel verscharrt. Insgesamt sollen es rund 800.000 Tote sein, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben. Dass die Leichen nicht verbrannt werden, hat auch religiöse Gründe. Traditionell lehnen Katholiken und Juden eine Feuerbestattung ab.

"Warum gibt es diesen Ort?", ist die Frage, die Melinda Hunt seit 20 Jahren umtreibt. Die Künstlerin hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, an die Toten auf Hart Island zu erinnern.  "Die Stadt versucht, es unsichtbar zu machen", sagt Hunt. "Es ist wie der Versuch, Beweise zu verschleiern." Beweise für eine Gesellschaft, die die Armen ausgrenzt, im Leben wie im Tod. Hunt hat Galerien gefüllt mit ihren Arbeiten, nun baut sie eine Datenbank auf mit all den Namen der Vergessenen. "Ich will sie sichtbar machen, darum geht es", sagt Hunt.  "Das Internet schafft das, überall, jederzeit."

Nur Obdachlose und Drogenabhängige seien auf der Insel begraben, ist die Vorstellung mancher New Yorker. Das stimmt zwar auch, doch so viele Obdachlose und Drogenabhängige gibt es selbst im Big Apple nicht. Die Krankenhäuser in der Stadt müssen Verstorbene nur zwei Wochen aufbewahren. Wenn in dieser Zeit niemand erklärt, die Kosten für ein Begräbnis zu übernehmen, werden die Leichen weggeschafft – Kühlräume sind ein Kostenfaktor.

Häufig gelingt es ärmeren Familien einfach nicht, in dieser Zeit das nötige Geld aufzutreiben. Oder die Verwandten leben weit weg und bekommen die Nachricht zu spät. Außerdem sprechen viele New Yorker kein englisch. Illegale haben Angst vor der Polizei. Sie melden sich auch dann nicht, wenn sie jemanden vermissen. Und manchmal, auch das gehört zur anonymen Großstadt, ist es den Hinterbliebenen einfach egal. Sie würden das Grab ohnehin nicht pflegen wollen.

Freitags sind die Särge auf der Fähre kleiner als an den anderen Wochentagen. Die tot geborenen Babys der vergangenen Woche enden auch auf Hart Island. Viele Mütter überlassen in ihrem Schock dem Krankenhaus den toten Körper. Vom Massengrab auf dem East River wissen die wenigsten zu diesem Zeitpunkt. Die bittere Wahrheit kommt erst dann ans Licht, wenn die Frage nach dem Grab des Kindes aufkommt – es gibt keines.

Auch Touristen landen auf Hart Island. In Zeiten von SMS und Facebook-Updates kommt es zwar seltener vor, dass sich jemand tagelang lang nicht bei seiner Familie meldet. Vor einigen Jahren noch aber wunderte sich niemand, wenn der New York-Besucher länger nichts von sich hören ließ. Ein Herzinfarkt beim Sightseeing reicht dann aus, um seine letzte Ruhe nicht in der Heimat, sondern auf Hart Island zu finden. Für die Hinterbliebenen beginnt dann häufig ein jahrelanger kafkaesker Albtraum – einen Leichnam wieder ausgraben zu lassen, erfordert einen zähen Kampf mit den Behörden.

"Mein Vater starb vergangene Woche in New York", erzählt Katelijn Mesman* aus den Niederlanden. "Weil wir nicht genug Geld haben, um den Transport zu bezahlen, haben wir seinen Körper in die Obhut der amerikanischen Behörden gegeben." Danach erst hat Mesman von Hart Island erfahren. "Jetzt schäme ich mich, dass ich ihn nicht nach Hause holen kann. Es macht mich so traurig. Man hat mir gesagt, dass es kein Grab gibt und ich die Insel nicht besuchen kann, um mich zu verabschieden." Die offizielle Begründung für das generelle Zutrittsverbot sind die Häftlinge, die auf der Insel arbeiten. Hart Island ist de facto Teil eines riesigen Gefängnisses, weshalb auch die Gefängnis-Behörde zuständig ist.

Zwar gibt es keine Grabsteine, aber es wird genau dokumentiert, in welchem Sektor des Massengrabes welcher Sarg unter der Erde liegt. Wer bei seinem Tod einen Ausweis dabei hat, kann zumindest wieder gefunden werden. Jede Leiche wird fotografiert, auch Fingerabdrücke werden genommen, um eine spätere Identifizierung zu ermöglichen. Es gibt Fälle, in denen nach 20 Jahren die Knochen wieder ausgegraben werden, um etwa einen Mord aufzuklären. Häufig steht in den Todeslisten aber auch nur "nicht identifizierter schwarzer Mann". Und "José González" gibt es in New York so oft, dass diese Spur die Hinterbliebenen oft ins Leere führt.

Beata Swiecinska war vier Jahre alt, als ihr Vater in den achtziger Jahren Polen verließ, um in New York nach Arbeit zu suchen. Kazimierz Szymanski hielt so gut es ging Kontakt mit seiner Familie. Plötzlich kamen keine Briefe mehr, nichts. Viele Jahre später, in diesem Frühjahr erst, stößt Beate Swiecinska, die inzwischen selbst in den USA lebt, bei ihren Recherchen auf die Künstlerin Melinda Hunt und ihre Datenbank.

Nun weiß Beata, dass ihr Vater auf Hart Island begraben ist. Er starb an einem 13. Januar, dem Geburtstag von Beatas eigener Tochter. "Es tut mir weh, dass mein Vater auf Hart Island begraben ist, aber nun weiß ich zumindest, wo er ist. Jetzt tue ich alles dafür, um die Insel besuchen zu dürfen." Wer beweisen kann, dass ein Angehöriger auf der Insel begraben ist, der darf bei seltenen Gelegenheiten die Insel betreten. Doch viele Hinterbliebene bringen nicht die Kraft für den Kampf mit den Behörden auf.

"Hart Island umspült eine tiefe Traurigkeit", sagt Kenneth Jackson, Geschichtsprofessor an der Columbia University. "Das schlimmste ist, dass die Insel abgesperrt ist." Wenn sich in der Zukunft Historiker oder Anthropologen mit New York beschäftigen, werden sie wohl zu  dem Schluss kommen, dass "wir  eine Gesellschaft haben, die sich nicht in dem Maß um ihre schwächsten Mitglieder kümmert, wie das andere Gesellschaften tun, die deutlich ärmer sind als wir", sagt Jackson. "Die Ungleichheit im Leben setzt sich bei uns sogar nach dem Tod fort."

*Name auf Wunsch der Familie geändert