Neonazis beim Public Viewing in Frankfurt am Main © peter-juelich.com

Sie haben gefeiert, gejubelt und zuletzt getrauert. Auf Deutschlands Fanfesten und Partymeilen fieberten Hunderttausende Menschen mit ihrer Mannschaft. Friedlich war es auf diesen Public-Viewing-Veranstaltungen, die Polizei verzeichnete nur wenige Zwischenfälle, mit Ausnahme der Stadt Magdeburg jedoch, wo rund 200 Fans in der Nacht zu Donnerstag randalierten.

Doch der Eindruck täuscht. Denn im Schatten des sanften Fußballpatriotismus der Massen tummeln sich auch etliche Neonazis. Kurz vor dem Halbfinalspiel gegen Spanien zeigten Rechtsradikale auf der Berliner Fanmeile den Hitlergruß und grölten rechte Parolen. Vier Personen nahm die Polizei fest.

Oder ein Beispiel aus der Vorrunde: Etwa Eineinviertelstunden nachdem der gläubige Moslem Mesut Özil in Johannesburg seine Hände mit den Handflächen nach oben zu einem kurzen Gebet vor den schmächtigen Oberkörper hielt, sorgt er für Jubel – unter Reichskriegsfahnen. Dank seines Tores zum 1:0 gegen Ghana ist Deutschland weiter. Darüber freuen sich auch die Gäste in einem Lokal im niedersächsischen Haste, wo eine solche Fahne – das Ersatzsymbol der verbotenen Hakenkreuzfahne – zur selbstverständlichen Dekoration beim Public Viewing gehört. Sie hing ganz sicher nicht zufällig dort. Schließlich gilt Schaumburg-Lippe als eine der westdeutschen Hochburgen für Neonazis.

"Die breiten sich besonders dort aus, wo Rechtsextremismus von der übrigen Bevölkerung als normal angesehen wird", stellte der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer im vergangenen Jahr in einer Studie fest, die sich mit menschenfeindlichen Einstellungen im Nachbarort von Haste beschäftigt. Nationalismus ist hier normal. Özil hin oder her. Und auch auf der Wuppertaler Fanmeile stören sich die Besucher nicht an der Reichskriegsfahne, die am Tag von Özils Kunstschuss über ihre Köpfe weht. Schließlich strömen die Neonazis an anderen Tagen auch zu den Heimspielen des örtlichen Drittligisten.

Im anonymen Klima des Massenphänomens Fußball fühlen sich Rechtsextreme wohl. Dort verbreiten sie ihre Botschaft von einem völkischen deutschen Reich, in dem Menschen wie Mesut Özil übrigens nichts verloren haben. Neonazis machen sich auch im Schutz der von einer multiethnischen Nationalmannschaft ausgelösten Euphorie breit. Das passiert mittels juristisch unbedenklicher Symbolik, wie sie die NPD über ihr "nationales Warenhaus" vertreibt: Mit kleinen schwarz-weiß-roten Autofähnchen für fünf Euro das Stück, wie man sie derzeit beispielsweise im Berliner Osten gelegentlich an den Autos sieht.

Die Partei ist vorsichtig geworden, seitdem drei ihrer Spitzenfunktionäre, darunter Parteichef Udo Voigt, in diesem Frühjahr wegen eines volksverhetzenden WM-Planers von einem Berliner Gericht verurteilt wurden, den sie bei der WM vor vier Jahren verteilen ließ. Damals diskriminierte sie den Nationalspieler Patrick Owomoyela, Sohn einer Deutschen und eines Nigerianers. Auch Mesut Özil sei bloß ein "Plastikdeutscher, ein Ausweisdeutscher", sagte der ebenfalls verurteilte NPD-Landesvorsitzende von Brandenburg, Klaus Beier, in einem Fernsehinterview.

Und manchmal kommt das Völkische auch unverklausuliert zu den Fans: Etwa auf der Fanmeile am Frankfurter Roßmarkt, wo ein Mann (nach dem Hinweis eines Journalisten) von der Polizei festgenommen wurde, weil er sich ein Hakenkreuz auf den Körper gemalt hatte. Niemand hatte sich zuvor an der eigenwilligen Körperbemalung gestoßen. Auch nicht an dem Hitlergruß, den eine Gruppe einschlägig bekannter jugendlicher Neonazis beim Public Viewing zum Viertelfinalspiel Deutschland-Argentinien in der Frankfurter Commerzbank-Arena vorführte. Die wenigsten dieser Vorfälle werden publik.