Shirin Neshat"Der Schleier ist nicht von Bedeutung"

Shirin Neshat zeigt in ihrem Film "Women without Men" schöne Bilder und verstörende Frauen. Ein Interview über Iranerinnen und die Schönheit von 

Fakhri im Garten

Nach der Trennung von ihrem Ehemann erwirbt Fakhri (Arita Shahrzad) einen Landsitz mit großem Garten vor den Toren Teherans. Hier finden auch die Prostituierte Zarin und die vergewaltigte Faezeh Zuflucht  |  © NFP marketing & distribution

ZEIT ONLINE: Ihr Film Women without Men spielt in Iran im Sommer 1953, als der gewählte Premierminister Mohammed Mossadegh gestürzt und der Schah wieder an die Macht gebracht wurde. Haben Frauen damals eine andere Rolle gespielt als während der aktuellen Proteste vor einem Jahr?

Shirin Neshat: In Iran waren sowohl in den fünfziger Jahren als auch während der islamischen Revolution und in den Revolten vor einem Jahr Frauen aktiv dabei. Sie waren nie nur passiv. Die Motivation der Frauen, aus ihrer Unterdrückung auszubrechen, ist auch für den Film relevant. Aber natürlich gibt es große Unterschiede.

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ZEIT ONLINE: Inwiefern? Glauben Sie, dass sich für Frauen heute in Iran im Vergleich zu denen der fünfziger Jahre etwas verbessert hat? Oder haben sie nur Rechte eingebüßt?

Neshat: Die Frauen sahen damals in den fünfzigerer Jahren freier aus, sie mussten sich beispielsweise nicht verschleiern. Politisch waren sie weniger unterdrückt als heute, allerdings hatten sie mehr Probleme mit ihren Familien und der Tradition. Ein entscheidender Unterschied ist, dass die Frauen heute viel gebildeter sind als damals. Es ist auch keine Frage mehr, ob Frauen arbeiten gehen. Mein subjektiver Eindruck ist, dass es in Iran gar keine Frauen mehr unter 45 Jahren gibt, die ausschließlich Hausfrauen sind. Das ist auch ein Grund, warum  sie so stark motiviert sind, ihre doppelte Unterdrückung zu bekämpfen: die der Gesellschaft und die der Politik. 

ZEIT ONLINE: Eine der Frauen im Film, Munis, sagt, dass sie nicht mehr nur zuschauen, sondern handeln möchte. Im Leben wird sie von ihrem Bruder daran gehindert, das Haus zu verlassen. Sie stürzt sich vom Dach des Hauses und nimmt danach als eine Art Geist am kommunistischen Widerstand teil. Auf ganz unterschiedliche Weise sind alle Frauen im Film Opfer männlicher Gewalt und ihre einzige Möglichkeit, selbstbestimmt zu leben, ist der Rückzug aus der Stadt in einen Garten oder  sogar in den Tod. Ist das eine sehr pessimistische Sicht auf die Möglichkeiten der Frauen?

Neshat: Zunächst einmal habe ich mir die teilweise magischen Figuren nicht ausgedacht. Der Film ist nach der Vorlage des Romans von Shahrnush Parsipur gedreht. Aber ich sehe den Rückzug in den Garten nicht pessimistisch, sondern als eine Chance für die Frauen, sich neu zu kreieren.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet der Garten für Sie?

Neshat: Der Garten steht für mich für einen beschützenden Ort. Generell in der iranischen Kultur und auch in meinem Film symbolisiert er eine politische und spirituelle Utopie. Der Film will beides zeigen: Er ist sehr geerdet einerseits, denn es geht um historische, politische Tatsachen. Andererseits geschehen mystische Dinge. Je besser die drei Frauen sich fühlen, umso schöner wird der Garten. Alle blühen auf. In Parsipurs Vorlage ist aber auch die Vorstellung vom Garten Eden enthalten. Als die Frauen mit der Sünde in Berührung kommen, das heißt als sie zu egoistisch werden, werden sie aus dem Garten vertrieben

ZEIT ONLINE: Die besonders mystische Figur, die Prostituierte Zarin, stirbt gleichzeitig mit der Besetzung des Landes und des Gartens. In einer früheren Szene schrubbt sich die nackte und deutlich magersüchtige Zarin im Hamam blutig. Ein kleiner Junge schaut fasziniert zu. Sind schöne Frauen doch schwach und zerbrechlich?

Neshat: Ja, Frauen sind zerbrechlich. Aber ich wollte sie nicht schwach zeigen. Denn die Figuren im Film sind alle sehr mutig. Sie sind bereit, ihr altes Leben hinter sich zu lassen.

Leserkommentare
    • jum
    • 20. Juli 2010 12:12 Uhr

    Selbstverliebt in die "Ästhetik der Bilder", langweiliger Film, alles vorhersehbar, eine Bildidee, die stundenlang durchgezogen wird - erinnert der Film mich mehr an Sie Art von Musikvideos als an spannende Filme über den Nahen Osten und seine Geschichte. Da gibt es viel interessantere Filme (Persepolis, Lemontree, ...)
    Ausserdem "schaffen" es auch syrische Frauen schön mit Kopftuch auszusehen. Aber darum geht es gar nicht.

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  • Schlagworte Shirin Neshat | Film | Garten | Iran | Kopftuch | Revolte
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