Auf der Wiese steht ein Zirkuszelt. Ein riesiges, ein echtes Zirkuszelt. Zirkusdirektor und Altschüler André Sarrasani hat es auf der Wiese vor der Odenwaldschule aufbauen lassen. Das einstige Vorzeige-Internat, das seit Monaten nicht mehr aus den Schlagzeilen kommt, begeht ein schwieriges 100-jähriges Jubiläum. Lehrer der liberalen Reformschule haben Schüler über Jahrzehnte systematisch manipuliert, sexuell missbraucht und ausgebeutet. "Wir hatten die Einladungskarten schon gedruckt, mit einem Feuerwerk darauf. Es sollte eine Jahrhundertfeier werden. Doch dann kam alles anders", sagt Schulleiterin Margarita Kaufmann.

Es ist Donnerstagmorgen, der zweite Tag der Feierlichkeiten. Dass der Haupttäter Gerold Becker, Schulleiter von 1972 bis 1985, in der Nacht verstorben ist, weiß hier noch niemand. Becker indes ist so allgegenwärtig, wie es ein Toter nur sein kann. Wo man geht und steht, diskutieren Grüppchen von Altschülern über die Geschehnisse. Sein Name fällt, Namen anderer Täter, und "hat der nicht?" und "der hatte doch". Leise wie laut wird in diesen Tagen diskutiert. In der Raucherecke, auf den Bierbänken, auf den Schotterwegen im Wald, morgens um halb neun im Shuttle-Bus und nachts im Taxi nach Heppenheim.

Es war unsicher, ob die Schule überhaupt feiern würde. Zum Hundertjährigen versucht sie nun einen Spagat. Sie muss den Missbrauch thematisieren, und bitte nicht zu knapp. Gleichzeitig soll doch ein wenig gefeiert werden. Viele ehemalige Schüler sind anlässlich des Jubiläums aus dem Ausland angereist, einige sogar aus den USA und Asien. Es findet eben auch ein großes Klassentreffen statt, in der Idylle des Ober-Hambach-Tals, unter der sengenden Sonne. Über das ganze Schulgelände sind kleinere Ausstellungen verteilt, im Zirkuszelt gibt es Konzerte, Theater, Jonglage. Die Stimmung ist recht heiter. Die, die auf der Strecke blieben, sind ja auch nicht da.

Der ganze Donnerstagvormittag ist dem Thema "Missbrauch in der Gesellschaft" gewidmet. Langzeitfolgen und Prävention sind die Themen. Dass mit Andrea Thilo ausgerechnet die ehemalige Moderatorin eines Erotik-Formats im Privatfernsehen ( Liebe Sünde ) die Podiumsdiskussion unter der Zirkuskuppel moderiert, wirkt unfreiwillig komisch. Man will versuchen, das Thema Missbrauch breiter zu diskutieren als nur auf die Schule bezogen. Der Psychiater Thomas Schläpfer erklärt, wie Missbrauch das Gehirn verändern und im Erwachsenenalter Angst- und Depressionserkrankungen auslösen kann. Die Missbrauchsbeauftragte Christine Bergmann berichtet von 1500 Meldungen Betroffener seit dem Start der Hotline der Regierung. Ingo Weiss, der Vorsitzende der Deutschen Sportjugend, verliert sich in Floskeln der Sorte "Wir müssen Kinder fit machen" und erntet dafür Kritik. Schäpfer sagt: So schiebt man den Kindern die Verantwortung zu, das ist falsch." Es bleibt wenig Konkretes. Moderatorin Andrea Thilo fasst ihre Erkenntnis später in der Notwendigkeit einer "Kultur des Hinsehens" zusammen.

Es ist Freitagnachmittag. Johannes von Dohnanyi läuft mit hochgekrempelten Ärmeln übers Gelände. Der Journalist ist Sprecher des vor sechs Wochen neu gewählten Vorstands der Schule, er hat sich die Aufarbeitung auf die Fahnen geschrieben. Dohnanyi war selbst Odenwaldschüler, lebte in der Becker-Familie. Becker habe ihn stets in Ruhe gelassen. "Das lag wahrscheinlich vor allem an der Prominenz meines Vaters. Das hat er sich dann doch nicht getraut."

Auf Dohnanyi ruht die Hoffnung vieler Altschüler, dass er die Aufarbeitung vorantreiben wird. Eine "Wahrheits-Kommission" ist gegründet, die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth sitzt ihr vor. Am Abend hat Dohnanyi ein großes Experiment vor. In der Theaterhalle steht ein öffentliches Hearing zu den Missbrauchsfällen an, es hat den Titel "Wahrheit". Opfer werden reden, Täter wurden eingeladen, Dohnanyi glaubt nicht, dass einer von ihnen kommt. Die Nachricht, dass Gerold Becker nicht mehr lebt, hat inzwischen die Runde gemacht. Aber Dohnanyi hofft, dass andere reden, Lehrer zum Beispiel, die damals geschwiegen haben.

Auf dem Podium sitzen zwei Missbrauchsopfer, der ehemalige Lehrer Salman Ansari und der Anwalt Rüdiger Deckers. Die mit der Aufklärung an der Schule beauftragte Richterin a.D. Brigitte Tilmann ist gekommen, und der Psychoanalytiker Christoph Walken. In der überfüllten Halle steht die Luft. Dohnanyi moderiert. Er liest zu Beginn eindrückliche Briefe von Betroffenen vor, in denen sie die täglichen Übergriffe Beckers unter der Dusche und in den Zimmern beschreiben. "Ich wusste jeden Tag: Auch heute wird es mir nicht gelingen, der Erniedrigung zu entgehen", beschreibt einer seine damalige Verzweiflung.