Patriotismus Suche nach dem Sinn
Das schwarz-rot-goldene Fahnenmeer der WM sollte uns nicht täuschen: Uns fehlt der Gemeinsinn. Dazu gehört weit mehr als Autokorsos und Fanmeilen.
© Matthias Kern/Getty Images

Deutschland einig Partyland? Fans beim Public Viewing in Berlin
Wochenlang beseelten sich Millionen Deutsche am schwarz-rot-goldenen Frohsinn. Und wieder war zu lesen, diese Begeisterung beweise, dass das Land bunt, freundlich und tolerant sei. Weil wir endlich Patrioten sein dürfen, hätten wir unseren chronischen Selbsthass überwunden. Meist gipfeln diese Unverkrampftheitsatteste in der schlecht argumentierten Behauptung, dass sich unter dieser Flagge alle wiederfinden könnten: Westdeutsche, Ostdeutsche, Migranten, Junge, Alte, Arme, Reiche. Man fühlt sich an ein Familienfest erinnert, das ganz okay verläuft – bis die Tischreden beginnen und die Lobpreisungen auf den Zusammenhalt der Familie.
Das Wir-gehören-wieder-zusammen-Gerede verstellt uns die Sicht darauf, dass das Gegenteil davon der Fall ist, was in der Presse steht: Uns Deutsche verbindet in Wahrheit immer weniger.
Meinungsforscher und Wissenschaftler sagen, dass die Deutschen seltener wählen, weil sie den Politikern nichts zutrauen. Zunehmend stellen sie auch die Demokratie oder die rechtliche Gleichheit aller infrage. Leiden müssen Schwächere: Schwule, Migranten, Hartz-IV-Empfänger.
Bildungs- und Besitzbürger schotten sich ab, wie ganz früher. Man weiß dort wieder, wie man Austern isst und seine Kinder vom Pöbel fernhält. Studien belegen, dass Ehen außerhalb des eigenen Bildungsmilieus immer seltener werden. In Hamburg wird die Gemeinschaftsschule womöglich am gut organisierten Widerstand der Wohlhabenden scheitern. Diese Prozesse sind beängstigend. Und niemand – auch nicht ein Apologet des Schland – kann schlüssig erklären, warum diese Tendenzen nicht noch stärker werden sollten. Jetzt, da Zeit, Geld und Raum wieder knapper werden.
Es stimmt, dass das massenhafte Flaggeschwenken zumindest einen potenziell positiven Umgang mit dem Land zeigt. Viele Deutsche wären wohl bereit, sich als Teil eines deutschen Gemeinwesens zu sehen. Dazu gehört aber ein Inhalt; etwa das Versprechen, dass das Gemeinwesen zurückgibt, was man einzahlt. Mit Fußball ist es nicht getan. Fußball mag ein großartiger Sport sein und die Weltmeisterschaft ein weltumspannendes Ereignis, sinnstiftend ist beides nicht.
- Datum 12.07.2010 - 14:22 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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doch wie kann mans ändern? die medienmeinungsmaschine in gute und böse selektieren und das böse verbieten? die angst umdie eigene existenz verdrängen und anderen helfen, ohne danach zu fragen, was ihr anteil dabei sein kann? ein sehr spannendes thema zum diskutieren! und natürlich eine riesen aufgabe
haben wir bei der WM ein Team bejubelt, dass das ideal einer Gesellschaft, von uns, verkörpert UND damit Erfolg hat- weil sie zusammen kämpfen- für ein Ziel.
Wir bejubeln unser Ideal- da steht man doch gern dahinter und wedelt mit dem Fähnchen, oder?
jepp - klar wär eine public sinnsuche medial ein weitaus feineres ding - ganzes land auf sinnsuche ( füllt ja auch das sommerloch der politikferien )- mann/frau kann ja auch fast überall ein haar in der suppe finden - und lieber bunt fröhlich und tolerant als schwarz gemalt, mies drauf und intolerant
haben wir bei der WM ein Team bejubelt, dass das ideal einer Gesellschaft, von uns, verkörpert UND damit Erfolg hat- weil sie zusammen kämpfen- für ein Ziel.
Wir bejubeln unser Ideal- da steht man doch gern dahinter und wedelt mit dem Fähnchen, oder?
jepp - klar wär eine public sinnsuche medial ein weitaus feineres ding - ganzes land auf sinnsuche ( füllt ja auch das sommerloch der politikferien )- mann/frau kann ja auch fast überall ein haar in der suppe finden - und lieber bunt fröhlich und tolerant als schwarz gemalt, mies drauf und intolerant
"Heute fehlt uns ein solcher Sinn. Und die Konsequenz ist millionenfacher Eigensinn. Wer nicht glaubt, dass die anderen das Geschirr abwaschen, wird es auch selbst nicht tun. Das ist die Einsicht, zu der auch viele der Flaggenschwenker von den Fanmeilen längst gelangt sind."
Ich denke, man vergisst hier einfach auch unseren Lebenstil. Es gibt Länder oder Staaten, in denen die Meschen sehr eng zusammenhalten müssen, um zu überleben. Deshalb ist es gerade in ärmeren Ländern vielleicht selbstverständlicher, alles zu teilen, wenn die Ernte des Nachbarn in einer Saison verdorrt ist. So etwas ist dort selbstverständlich und überlebensnotwendig.
In Deutschland ist jeder mehr ein Individualist...
Das mit dem Stolz... sehe ich auch etwas anders. Ich glaube, dass die Leute, die am meisten für das Land tun, am meisten Steuern zahlen oder sich ehrenamtlich einsetzen eher genervt sich von dem Staat, der ihnen viel abverlangt.
Hingegen Menschen, die unsere Gesellschaft nicht unbedingt zum positiven mitgestalten (Nazis etc.), sind stolz darauf, von was sie alles provitieren können.
In der Tat: Stolz resultiert aus Eigenleistung und hat nichts mit Heimatverbundenheit zu tun.
Gesellschaftliche Geschlossenheit ist je nach Wirtschaftskraft unterschiedlich ausgeprägt und lässt dementsprechend ein unterschiedliches Maß an Konkurrenz zu.
geht es wirklich nur um den eigenen stolz? ich glaube, hier liegt das größte missverständnis. ich finde, dass man gerade seinen eigenen stolz überwinden muss, um gemeinschaftlich zu wirken.
"stolz, ein deutscher zu sein" ist , glaub ich, die meist gestellte falsche frage.
welche frage ?
In der Tat: Stolz resultiert aus Eigenleistung und hat nichts mit Heimatverbundenheit zu tun.
Gesellschaftliche Geschlossenheit ist je nach Wirtschaftskraft unterschiedlich ausgeprägt und lässt dementsprechend ein unterschiedliches Maß an Konkurrenz zu.
geht es wirklich nur um den eigenen stolz? ich glaube, hier liegt das größte missverständnis. ich finde, dass man gerade seinen eigenen stolz überwinden muss, um gemeinschaftlich zu wirken.
"stolz, ein deutscher zu sein" ist , glaub ich, die meist gestellte falsche frage.
welche frage ?
"Ohnehin ist der Schwarz-Rot-Geil-Hype mit dem Abschluss des Festes beendet. Das zeigt die Studie des Berliner Soziologen Jürgen Gerhards, der vor, während und nach der WM 2006 in Umfragen die Akzeptanz des Bekenntnisses "Ich bin stolz darauf, Deutscher zu sein" maß. Das Ergebnis: Drei Wochen nach der WM waren die Werte wieder auf dem Stand von vorher."
Vielleicht liegt es auch daran, dass nach dem kollektiven Hype wieder Normalität eingekehrt ist, was ja prinzipiell nichts schlechtes ist. Dauernde Verliebtheit führt irgendwann zu Verblödung, sagte schon der Phylosoph Precht (Liebe, ein unordentliches Gefühl).
Ich habe noch nie verstanden, wie man stolz auf ein Land sein kann, in das man zufällig geboren wurde. Die Frage, ob man froh ist, Deutscher zu sein würde bestimmt anders beantwortet (wahrscheinlich positiver) also die Frage, ob man stolz darauf ist, Deutscher zu sein. Ich war noch nie stolz, Deutscher zu sein, sondern froh. Und das ziemlich konstant innerhalb und außerhalb von WM-Phasen.
ich scheine ja doch nicht der Einzige zu sein, der so denkt. Meist stoße ich mit dieser Einstellung gelinde gesagt auf Unverständnis. Wenn man auf sich selbst nicht stolz sein kann, müssen eben Land, Partei, Fußballmannschaft herhalten.
Panem et circenses.
würde ich es auch formulieren.
Fahnen sind Symbole, die sinnvoll und
sinnlos zum Einsatz kommen.
Wenn Sie etwas Gemeinsinn hätten, dann würden Sie auch begreifen, daß Sie sehr wohl stolz auf Ihr Land sein können, denn es sind die Bürger die das Land formen und somit hoffentlich auch Sie, oder begreifen Sie sich ausschließlich als Nutzniesser ohne Beitrag? Ich finde daß wir unsere Gemeinschaft in Deutschland ganz gut hinbekommen haben, wenn ich mir auch vieles anders Wünschen würde. Auf meinen Beitrag dazu bin ich stolz und somit auch auf unser Land.
ich scheine ja doch nicht der Einzige zu sein, der so denkt. Meist stoße ich mit dieser Einstellung gelinde gesagt auf Unverständnis. Wenn man auf sich selbst nicht stolz sein kann, müssen eben Land, Partei, Fußballmannschaft herhalten.
Panem et circenses.
würde ich es auch formulieren.
Fahnen sind Symbole, die sinnvoll und
sinnlos zum Einsatz kommen.
Wenn Sie etwas Gemeinsinn hätten, dann würden Sie auch begreifen, daß Sie sehr wohl stolz auf Ihr Land sein können, denn es sind die Bürger die das Land formen und somit hoffentlich auch Sie, oder begreifen Sie sich ausschließlich als Nutzniesser ohne Beitrag? Ich finde daß wir unsere Gemeinschaft in Deutschland ganz gut hinbekommen haben, wenn ich mir auch vieles anders Wünschen würde. Auf meinen Beitrag dazu bin ich stolz und somit auch auf unser Land.
Diesem Beitrag kann ich vollumfänglich zustimmen.
Unabhängig von den dort genannten Beispielen frage ich mich, wie man zu einem Staat, einem Gemeinwesen stehen kann, wenn sich gefühlte 80% noch nicht einmal dafür interessieren, wie dieser Staat eigentlich funktioniert.
Der Zeitgeist diktiert den Menschen das große "ICH", traditionelle Werte wie Gemeinsinn, Höflichkeit, Genügsamkeit, Emphatie und vieles andere in dieser Richtung sind aussterbende Werte, dafür ist die Anspruchsmentalität für kurzlebige Genüsse und "Events", die schnelle Befriedigung kurzfristiger Genüsse um so wichtiger.
Gemeinsinn?? Nein danke.
die schulddigen zu benennen, aber ich würde mir auch von der regierung wünschen, mehr die werte hochzuhalten. eine werteorientierung kann nicht dem bundespräsidentenamt innewohnen
Die ganzen Fahnen sind doch bloß Accessoires einer gelangweilten Spaßgesellschaft.
Spektakel nur der Begriff "Partyotismus" ein.
Wenn es etwas zu feiern gibt holt man halt die Federboa... in schwarz-rot-gold raus.
zeigen doch das es ein paar Gewitzte Deutsch gibt die sich mit Fanrtikeln eine goldene Nase verdienen!
Spektakel nur der Begriff "Partyotismus" ein.
Wenn es etwas zu feiern gibt holt man halt die Federboa... in schwarz-rot-gold raus.
zeigen doch das es ein paar Gewitzte Deutsch gibt die sich mit Fanrtikeln eine goldene Nase verdienen!
...spätestens, wenn wir uns die Kartoffeln wieder vom Acker klauben müssen. Oder beim Pfarrer um Zucker betteln für die sechs Kinder. Uns gehts noch zu gold!
Der Verfasser trifft den Nagel auf den Kopf. Während der WM wurde schnell die Gesundheitsreform durch das Parlament gepeitscht. Diese Reform trifft in hohem Maß die Arbeitnehmer der unteren Mittelschicht und die prekären Arbeitsverhältnisse. Zu allem Überfluss bekommt nun auch noch nach dem Willen des neuen BP der Joggi Löw das Bundesverdienstkreuz. Für was? Dafür, dass er seinen gut dotierten Job halbwegs ordentlich gemacht hat? Hoffen wir, dass nach kollektiven WM-Rausch wieder der Blick für das Wesentlich in Deutschland einkehrt!
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