Die Journalisten Arndt Ginzel und Thomas Datt © Jan Zappner

Plötzlich geht es um eine Haftstrafe. "Dafür hatten Sie doch anfangs plädiert", sagt der Richter. Der Nebenkläger nickt. "Ja selbstverständlich", antwortet seine Rechtsanwältin.

Amtsgericht Dresden Ende Mai. Auf der Anklagebank sitzen die Leipziger Journalisten Thomas Datt und Arndt Ginzel. Zum ersten Mal in ihrem Leben stehen sie vor Gericht. Für einen Text, den sie mitrecherchiert, aber nicht selbst geschrieben haben. Und für zwei Fragen, die sie nach eigenen Worten auch als Aussagen hätten formulieren können. Haftstrafe. Thomas Datt schüttelt ungläubig den Kopf.

"Wir haben uns nichts vorzuwerfen", sagt er wenige Tage später in Leipzig. "Wir haben ordentlich gearbeitet", sagt auch sein Partner Arndt Ginzel. Die beiden freien Journalisten kennen sich mit schwierigen Themen aus. Sie haben zur Leuna-Affäre recherchiert. Einen Film über Angehörige von getöteten Afghanistan-Soldaten gedreht. Vor Gericht geht es nun um einen Aspekt im sogenannten Sachsensumpf. Um Zwangsprostituierte und ihre Kunden. Um die Frage, was geschrieben werden darf. Und es geht um die Ehre. "Am Anfang war ich geradezu beleidigt, als man uns vorwarf, wir hätten schlecht recherchiert", sagt Datt.

Doch ihre Geschichte ist so unglaublich, dass mancher Krimiautor sie konstruiert finden könnte. Sie reicht zurück ins Jahr 1992, als der Ex-Boxer Michael W. in Leipzig ein Wohnungsbordell mit Minderjährigen betrieb. Bis zu acht Mädchen mussten dort ihre Körper verkaufen. Die Jüngste war gerade einmal 13 Jahre alt. Ende Januar 1993 stürmten Polizisten das sogenannte Jasmin. Der Zuhälter wurde festgenommen und zu vier Jahren Haft verurteilt. Ein relativ mildes Urteil. Das fanden einige schon damals.

Seitdem wurde in Leipzig viel spekuliert. Warum hat damals niemand die Mädchen zu ihren Freiern befragt? Gab es einen Deal zwischen Richter und Angeklagten? Was meinte der Zuhälter, als er Jahre später aussagte, er habe "keine dreckige Wäsche gewaschen"?

Im Spätsommer 2007 beschließen Datt und Ginzel, nach den ehemaligen Prostituierten zu suchen. In allen Medien erscheinen bereits lange Texte zur sächsischen Korruptionsaffäre. Die Gerüchte rund um das Jasmin sind ein Teil davon. "Wir waren spät dran", erinnert sich Ginzel. "Wir haben erst angefangen, uns mit der Sache zu beschäftigen, als tagesschau.de uns um eine Übersicht zu den Vorwürfen bat."

Sie machen sieben Frauen aus dem Jasmin ausfindig, die heute fast alle ein normales Leben mit Beruf und Familie führen. Vier von ihnen stimmen einem Treffen zu. Eine beschreibt, wie sie nach einem gescheiterten Fluchtversuch aus dem Bordell misshandelt wurde. Eine andere erzählt, dass sie jede Woche 1000 Mark anschaffen mussten. Datt und Ginzel legen ihnen bis zu 30 Fotos vor. Sie fragen, ob darauf Freier zu sehen sind. Und sie landen einen Volltreffer. Zumindest sieht es erst einmal danach aus.

"Zwei Frauen haben hochrangige Justizangehörige identifiziert", sagt Datt. Sie hätten auf ein Foto gezeigt, auf dem ein Freier abgebildet war, den sie beide Ingo nannten. "Sie konnten sich sehr gut erinnern, weil sie um ihn gestritten hatten, weil Ingo das Doppelte bezahlte." Das Foto zeigte laut Datt niemand Geringeren als jenen Richter, der den Zuhälter des Jasmin 1994 zu vier Jahren Haft verurteilt hatte. Er macht eine Pause. War das möglich? Saß der Bordellbetreiber im Prozess einem ehemaligen Freier gegenüber? "Die Schwere der Anschuldigungen war uns sofort klar", ergänzt Ginzel. "Für uns wäre es auch eine Geschichte gewesen, wenn die Frauen niemanden erkannt hätten."

Die beiden Journalisten übergaben ihre Recherchen dem Spiegel . Dort entschied man sich zu warten, bis zwei der Frauen auch vor der Staatsanwaltschaft ausgesagt haben. Danach schrieb ein Spiegel -Redakteur auf Grundlage des Rechercheprotokolls einen Text unter der Überschrift "Dreckige Wäsche". Er nannte keine Namen. Doch wer sich in der sächsischen Justiz auskannte, wusste, wer Freier Ingo angeblich sein soll: Jürgen Niemeyer. Der ehemalige Vizepräsident des Leipziger Landgerichts.