Wie wir ostdeutschen Abiturienten die Währungsunion feierten

Von Evelyn Finger

Natürlich ist es nicht besonders originell, sich zum Abschied zu betrinken. Ich würde gern etwas Abenteuerlicheres erzählen als die Wahrheit: dass meine Freunde und ich unser letztes Geld für poppig bunte, übersüße und viel zu teure Mixgetränke verpulvert haben. Wir waren gerade volljährig geworden und wir verschwendeten noch keinen Gedanken an künftige deutsch-deutsche Jahrestage mit rituellen So-war-das-damals-Erzählungen. Wir sahen nicht ganz den historischen Ernst der Stunde, wir hatten nur so ein merkwürdiges melancholisches Endzeitgefühl.

Für uns Abiturienten des Jahrgangs 1990 ging am Vorabend jenes 1. Juli zweierlei zu Ende: die Schulzeit und das Land, in dem wir aufgewachsen waren. Es war der Tag der Abschlussfeier, eigentlich ein pathetischer Anlass, aber keiner erwähnte, dass wir die allerletzten waren, die zwölf komplette Jahre DDR-Schule absolviert hatten. Unsere Schuldirektoren waren noch im Amt, aber sie hatten schon aufgehört, große Reden zu halten. Das Land, das gerade Revolution gemacht hatte, war dabei, zu verschwinden, und die es einmal repräsentiert hatten, duckten sich weg, verschämt und trotzig zugleich.

Wir Schüler schämten uns nicht. Aber wir hatten das Gefühl, unsere persönliche Freiheitsparty in einer Kulisse zu feiern, die noch während  der Party abgebaut wurde. Die Sause fand zwar noch standesgemäß im Klubhaus der Gewerkschaften statt, aber es fehlten bereits die Honecker-Porträts, die ein Jahr vorher noch allgegenwärtig gewesen waren. Es fehlten überhaupt die Fahnen. Und wir bekamen, anders als zur Jugendweihe, auch kein wegweisendes Buch überreicht mit einem dieser typischen Titel wie: Vom Sinn unseres Lebens .

Die Zukunft war jetzt Privatsache, die Richtung war nicht mehr vorgegeben, schöner Anlass eigentlich für einen lustigen diskokugelglitzernden Rausch. Wenn, ja wenn da nicht am Grunde der allgemeinen Aufbruchstimmung auch diese Atmosphäre von Ausverkauf und Die-Flinte-ins-Korn-werfen und neuer Anpasserei geherrscht hätte. Beim Ball zugegen war ja auch der junge Staatsbürgerkundelehrer, der uns vor einem Jahr noch die DDR als das Alleinseligmachende angepriesen hatte und uns neuerdings euphorisch das Grundgesetz lehrte. Zugegen war der Geschichtslehrer, der den obligatorischen  dicken roten Wälzer Abriss der Geschichte der  Arbeiterklasse nicht mehr benutzte und sich in das Thema Urgesellschaft geflüchtet hatte. Zugegen war der Sportlehrer, der sich im Wehrlager noch als  scharfer Hund hervorgetan hatte, aber dann ein Demogänger mit Deutschlandfahne  geworden war. Und wir? Wir hatten die ewige Rede vom Sieg des Kommunismus  vielleicht seit ein paar Jahren schon nicht mehr für bare Münze genommen, aber die Klassenkampf-Theorien und die Kalte-Kriegs-Pädagogik vom Wettlauf der politischen Systeme doch so weit verinnerlicht, dass wir nun, als unser Geld in Westgeld umgetauscht wurde, auch etwas wie Niederlage empfanden.

Wer dieses Verlierergefühl, das eben etwas anderes als Liebe zur Diktatur ist, nicht versteht, der muss sich einfach den Hallenser Einkaufsboulevard im Juni 1990 vorstellen: Seit Wochen machten ja die Läden des Landes Totalausverkauf,  man konnte für fast nichts fast alles kaufen, und zwar in Mengen. Die Leute ramschten Gewürze, Töpfe, Handtücher, Bettwäsche und vor allem Bücher. Es zeichnete sich schon ab, dass der Rest weggeschmissen würde. Und dieses Wegwerfen zusammen mit dem Wissen, dass die Bundesrepublik für uns arme Ossis ein Milliardenpaket geschnürt hatte, wirkte nunmal demoralisierend auf eine Übergangsgesellschaft, die aus der Mangelwirtschaft kam und an Überfluss noch nicht gewöhnt war. Deshalb, und nicht weil wir alle Stalinisten gewesen wären, schwang an jenem Vorabend der Währungsunion auch etwas wie Verlust mit. Aber wir haben es ganz gut überspielt. Wir haben getanzt und getrunken und getanzt und getrunken. Wir haben die künftigen Möglichkeiten erörtert: Ferienziele und  Studienplätze. Später im Juli unternahm ich mit einer Freundin die erste Westreise mit eigenem Westgeld, eine Radtour von Hamburg nach Halle, wobei unsere altmodischen Zonenräder auf den schicken niedersächsischen Campingplätzen mächtig bestaunt wurden. Zehn Jahre später bin ich dann mit dem  Auto von Halle nach Hamburg zur ZEIT gefahren und geblieben. Wie die D-Mark in Euro umgetauscht wurde, daran kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern.