Währungsunion Als die Westmark zu uns kam

Vor zwanzig Jahren wurde in der DDR die D-Mark eingeführt, die "Ost-Mark" war Geschichte. Drei Autoren aus Ostdeutschland erzählen, wie sie die Währungsunion erlebten.

Wie wir ostdeutschen Abiturienten die Währungsunion feierten

Von Evelyn Finger

Natürlich ist es nicht besonders originell, sich zum Abschied zu betrinken. Ich würde gern etwas Abenteuerlicheres erzählen als die Wahrheit: dass meine Freunde und ich unser letztes Geld für poppig bunte, übersüße und viel zu teure Mixgetränke verpulvert haben. Wir waren gerade volljährig geworden und wir verschwendeten noch keinen Gedanken an künftige deutsch-deutsche Jahrestage mit rituellen So-war-das-damals-Erzählungen. Wir sahen nicht ganz den historischen Ernst der Stunde, wir hatten nur so ein merkwürdiges melancholisches Endzeitgefühl.

Für uns Abiturienten des Jahrgangs 1990 ging am Vorabend jenes 1. Juli zweierlei zu Ende: die Schulzeit und das Land, in dem wir aufgewachsen waren. Es war der Tag der Abschlussfeier, eigentlich ein pathetischer Anlass, aber keiner erwähnte, dass wir die allerletzten waren, die zwölf komplette Jahre DDR-Schule absolviert hatten. Unsere Schuldirektoren waren noch im Amt, aber sie hatten schon aufgehört, große Reden zu halten. Das Land, das gerade Revolution gemacht hatte, war dabei, zu verschwinden, und die es einmal repräsentiert hatten, duckten sich weg, verschämt und trotzig zugleich.

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Wir Schüler schämten uns nicht. Aber wir hatten das Gefühl, unsere persönliche Freiheitsparty in einer Kulisse zu feiern, die noch während  der Party abgebaut wurde. Die Sause fand zwar noch standesgemäß im Klubhaus der Gewerkschaften statt, aber es fehlten bereits die Honecker-Porträts, die ein Jahr vorher noch allgegenwärtig gewesen waren. Es fehlten überhaupt die Fahnen. Und wir bekamen, anders als zur Jugendweihe, auch kein wegweisendes Buch überreicht mit einem dieser typischen Titel wie: Vom Sinn unseres Lebens .

Die Zukunft war jetzt Privatsache, die Richtung war nicht mehr vorgegeben, schöner Anlass eigentlich für einen lustigen diskokugelglitzernden Rausch. Wenn, ja wenn da nicht am Grunde der allgemeinen Aufbruchstimmung auch diese Atmosphäre von Ausverkauf und Die-Flinte-ins-Korn-werfen und neuer Anpasserei geherrscht hätte. Beim Ball zugegen war ja auch der junge Staatsbürgerkundelehrer, der uns vor einem Jahr noch die DDR als das Alleinseligmachende angepriesen hatte und uns neuerdings euphorisch das Grundgesetz lehrte. Zugegen war der Geschichtslehrer, der den obligatorischen  dicken roten Wälzer Abriss der Geschichte der  Arbeiterklasse nicht mehr benutzte und sich in das Thema Urgesellschaft geflüchtet hatte. Zugegen war der Sportlehrer, der sich im Wehrlager noch als  scharfer Hund hervorgetan hatte, aber dann ein Demogänger mit Deutschlandfahne  geworden war. Und wir? Wir hatten die ewige Rede vom Sieg des Kommunismus  vielleicht seit ein paar Jahren schon nicht mehr für bare Münze genommen, aber die Klassenkampf-Theorien und die Kalte-Kriegs-Pädagogik vom Wettlauf der politischen Systeme doch so weit verinnerlicht, dass wir nun, als unser Geld in Westgeld umgetauscht wurde, auch etwas wie Niederlage empfanden.

Wer dieses Verlierergefühl, das eben etwas anderes als Liebe zur Diktatur ist, nicht versteht, der muss sich einfach den Hallenser Einkaufsboulevard im Juni 1990 vorstellen: Seit Wochen machten ja die Läden des Landes Totalausverkauf,  man konnte für fast nichts fast alles kaufen, und zwar in Mengen. Die Leute ramschten Gewürze, Töpfe, Handtücher, Bettwäsche und vor allem Bücher. Es zeichnete sich schon ab, dass der Rest weggeschmissen würde. Und dieses Wegwerfen zusammen mit dem Wissen, dass die Bundesrepublik für uns arme Ossis ein Milliardenpaket geschnürt hatte, wirkte nunmal demoralisierend auf eine Übergangsgesellschaft, die aus der Mangelwirtschaft kam und an Überfluss noch nicht gewöhnt war. Deshalb, und nicht weil wir alle Stalinisten gewesen wären, schwang an jenem Vorabend der Währungsunion auch etwas wie Verlust mit. Aber wir haben es ganz gut überspielt. Wir haben getanzt und getrunken und getanzt und getrunken. Wir haben die künftigen Möglichkeiten erörtert: Ferienziele und  Studienplätze. Später im Juli unternahm ich mit einer Freundin die erste Westreise mit eigenem Westgeld, eine Radtour von Hamburg nach Halle, wobei unsere altmodischen Zonenräder auf den schicken niedersächsischen Campingplätzen mächtig bestaunt wurden. Zehn Jahre später bin ich dann mit dem  Auto von Halle nach Hamburg zur ZEIT gefahren und geblieben. Wie die D-Mark in Euro umgetauscht wurde, daran kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern.

Der Plattenspieler vom Lkw

Von Tilman Steffen

In meiner Stadt, in Zittau, gab es damals noch eine Fabrik, die Plattenspieler herstellte. Die meisten waren billig und simpel gemacht. Im Sortiment war aber auch ein richtig gutes Teil, eines mit Tangential-Arm, der sich im rechten Winkel auf die Rille senkt. Der Preis war vierstellig, unbezahlbar. Doch die D-Mark rettete mich. Die Planwirtschaftler hatten erkannt, dass ihre Produkte nach der Währungsunion nicht mehr lange gegen die Konkurrenz von Sony und Co bestehen würden können. Und deshalb leerten sie ihre Lager, solange man noch mit DDR-Mark zahlen konnte.

Die Währungsunion am 1. Juli

Sämtliche DDR-Bürger mussten bis zum Stichtag ein Bankkonto eingerichtet haben. 156 Milliarden DDR-Mark tauschte die Bundesrepublik in harte, frei konvertierbare Währung. 65 Milliarden davon 1:1, den größeren Rest 1:2. Großeltern parkten Erspartes auf den Konten der Enkel, um ihr Vermögen möglichst verlustarm umtauschen zu können.

Statt also die Hauptstadt zu beliefern oder den Westen, schickten sie im Juni ihre Lkws am Markttag in die Stadt. Männer in Latzhosen reichten auf einer Seitenstraße gegen Bares Plattenspieler, Kassettendecks und Verstärker von der Laderampe. Für ein Viertel des Ladenpreises hatte ich mein Traumgerät. Verramschen nennt man das, wie ich später lernte. Am nächsten Markttag ging ich wieder hin und kam mit einem Radiotuner und einem Verstärker zurück.

Am Wochenende der Währungsunion spähten wir durch die Fenster des Lebensmittelladens, um zu erahnen, was wir ab Montag alles kaufen können. In meiner ostsächsischen Ecke hatte Spar das Rennen gemacht. Die Handelskette füllten die Regale mit Unmengen an Orangen- und Apfelsaft-Tetrapaks und anderen Sachen, die ich bisher nur aus Westpaketen kannte. Oder von meinen Samstagstouren nach Westberlin. Frischware kam erst später in die Sortimente.

Doch dem Ende der Mangelwirtschaft folgte eine neue Herausforderung: sich entscheiden zu müssen. Es gab nicht mehr bloß Joghurt Natur und Joghurt Frucht. Im Regal stand nicht einfach Milch für 34 Pfennig, Bier für 51 und Brot für 56. Stattdessen: ein Wirrwarr an Angeboten und Preisen.

Weil damals noch niemand Werbezeitungen in unsere Briefkästen streckte, tauschte man mit Freunden Tipps, was wo wie günstig zu kaufen war. Wir hamsterten nicht mehr, weil es gerade mal Apfelmus zu kaufen gab. Sondern weil es ein Laden gerade vermeintlich besonders preiswert anbot.

Das hat sich gelegt. Der Plattenspieler aber spielt noch. Nur den Tangentialarm muss man heute etwas bremsen, sonst hüpft er über die ersten Rillen hinweg. 

Der leere Hinterhof

Von Christian Bangel

Als das Westgeld kam und plötzlich aus Kaufhallen Supermärkte wurden, als die Produkte bunt und ausreichend waren, als man in diesen Kaufdingern auf einmal nett behandelt wurde, da war ich elf.

Und nicht nur die Welt änderte sich, sondern auch mein Alltag in Frankfurt/Oder.

Jeden Nachmittag hatte ich auf dem Hinterhof verbracht, immer schon. Meist bolzten wir. Ein Steinplatz zwischen verwitterten Hauswänden, fünf oder sechs Jungs, kein Schiri. Halbleere Limoflaschen standen neben den Schultaschen, manchmal saß ein Mädchen am Rand und schaute zu. Wenigstens einmal pro Spiel kloppten wir uns. Wir spielten bis es dunkel wurde.

Unsere größte Furcht galt der gemeinen Frau Beer, die den Ball nicht mehr herausgab, bekam sie ihn einmal in ihre Finger. Flog der Ball über den Zaun ihres Grundstücks, wurde aus den fünf oder sechs Jungs ein Rollkommando. Einer kletterte über den Zaun, zwei assistierten ihm, während die anderen drei weiter Fußballgeräusche erzeugten, damit die Beer nix merkte. Das ging zu oft schief.

Und dann kam der 1. Juli 1990 und das neue Geld. Die Dinge wurden türkis und magenta. Wir kriegten einen Farbfernseher, um die Ecke war ein Kiosk und ich hatte jetzt nicht mehr Limogeld, sondern harte Währung in der Tasche. Das reichte täglich für ein Raider, zwei Mars und eine Sprite. Oder lieber zwei Raider, zwei Sprite und ein Mars? Ich setzte mich vor die Glotze, schaute Telebörse und schmatzte. Die fünf oder sechs anderen Jungs auch.

So banal war das. Frau Beer stand jetzt manchmal hinter dem Zaun und schaute auf den immer öfter leeren Hof. 

 
Leser-Kommentare
  1. Als die Ostmark zu uns kam haben wir uns alle gefreut!
    Duisburg.

    • M.M.
    • 01.07.2010 um 18:06 Uhr

    Wenn ich als sog. "Wessi" solche Beiträge hier und anderswo lese, dann fällt mir schlagartig ein ganzer Haufen anderer Sachen ein, die mit der Währungsunion zusammenhängen.

    Ein Auszug:

    - Das Lohngniveau sinkt in Richtung Osten, die Arbeitslosigkeit steigt.
    - Manch einer will die DDR zurück, andere die Mauer (man fasst es nicht !!)
    - Die Einheit (in den Köpfen) gibt es immer noch nicht so recht.
    - Die Ostdeutschen wie die Westdeutschen (beide vielfach) beschäftigen sich nach wie vor am liebsten mit jammern und zetern, mit gegenseitigen Vorwürfen, mit Ausgrenzungen, mit Neid.
    - Seit 20 Jahren pflegt man beiderseits die dämlichsten Vorurteile.
    - Einig Vaterland ist man gesamtdeutsch lediglich beim Fußball - und das ist ein bißchen zu wenig !!
    - ...............

    Ich könnte gut und gern noch eine Weile weiterschreiben, habe aber plötzlich keine Lust mehr dazu.

    Deutschland, traurig Vaterland !!

  2. Ach ja, als die Westmark kam! Ihre Autoren haben in ihrer damaligen Jugendlichkeit eine Entschuldigung für ihre bodenlose Naivität (um es nicht gröber zu formulieren).
    Aus der Sicht eines verständigen Menschen spielte sich eine gleichermaßen geistige wie ökonomische Katastrophe ab. Ein Volk ergab sich schamlos der Allimentierungswirtschaft aus dem Westen. Die Regale in Kaufhallen und Warenhäusern leerten sich zugunsten von Westprodukten. Die Ossis vergaßen, dass sie nicht nur Konsumenten sein würden, sondern Produzenten bleiben müssten. Die Ostprodukte - egal ob gut oder weniger gut - wurden ausgelistet zugunsten der Westprodukte. Der Osten wurde - mit Hilfe der dummen Ossis - zum Marktplatz für Westprodukte.

  3. In der DDR gab es weiße Hühnereier. Im Westen waren braune gerade Mode. Was geschah? Die braunen Eier wurden gekauft, die DDR-Geflügelwirtschaft brach zusammen. Oder: Die riesigen Apfelplantagen an der Havel wurden vernichtet. Oder: Die klassische DDR-Rinderrasse wurde ausgemustert, weil Westkühe natürlich "besser waren". Die Ostkühe wurden in den Osten Europas verramscht oder geschlachtet.
    Aber Ihr Autor konnte immerhin zum kleinen Preis einen Plattenspieler ergattern, bevor die DDR-Produktion auch da zu Boden ging. Ihr Autor kann stolz sein, er stand am Beginn der Geiz-ist-geil-Bewegung, die nun auch westdeutsche Markennamen (mitsamt Arbeitsplätzen) vernichtet.

    • comen
    • 01.07.2010 um 23:29 Uhr

    ...haben offensichtlich auch nichts in den letzten zwanzig Jahren gelernt, nicht wahr, Niccolos Enkel?

    Ich könnte jetzt davon anfangen, wie kurz nach der Wende gewisse Besserwessis im Osten Firmen und Gebäude für ne Mark kauften und sie leider nur in seltenen Fällen zum Wohle der lokalen Bevölkerung erhielten.

    Dann könnte ich die Geschichte erzählen, wie einige Ostprodukte wieder ins Leben zurück fanden und in den letzten Jahren immer beliebter wurden und zwar Dank aller deutschen Konsumenten - auch die in den alten Bundesländern.

    Gott, dieses Ossi/Wessis-Gerede, Schuldzuwesiungen und auf der (geographischen) Herkunft basierende Großkotztum (auf beiden Seiten!) nervt einfach nur noch tierisch.

    Grüße, eine Thüringerin aus Baden-Württemberg

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    ... und verstehe als norddeutscher "Wessi", wohnhaft seit 2006 in Sachsen, absolut nicht, wozu dieses Gejammer dienen soll.

    Einem jungen Menschen die Freude über einen günstigen Plattenspieler vorzuhalten ist jedenfalls nur durch Blödheit erklärbar.

    ... und verstehe als norddeutscher "Wessi", wohnhaft seit 2006 in Sachsen, absolut nicht, wozu dieses Gejammer dienen soll.

    Einem jungen Menschen die Freude über einen günstigen Plattenspieler vorzuhalten ist jedenfalls nur durch Blödheit erklärbar.

  4. Ich finde es bezeichnend für den Geist des Hauses ZEIT, daß hier
    frei nach dem Motto Deutschland sucht den Nachwuchs-Schreiber
    Banalitäten zum Besten gegeben werden. Die Super-Illu wäre der passende Ort für solch ein Kinderkram gewesen.

  5. ... und verstehe als norddeutscher "Wessi", wohnhaft seit 2006 in Sachsen, absolut nicht, wozu dieses Gejammer dienen soll.

    Einem jungen Menschen die Freude über einen günstigen Plattenspieler vorzuhalten ist jedenfalls nur durch Blödheit erklärbar.

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