Währungsunion Als die Westmark zu uns kam
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Der leere Hinterhof

Der leere Hinterhof

Von Christian Bangel

Als das Westgeld kam und plötzlich aus Kaufhallen Supermärkte wurden, als die Produkte bunt und ausreichend waren, als man in diesen Kaufdingern auf einmal nett behandelt wurde, da war ich elf.

Und nicht nur die Welt änderte sich, sondern auch mein Alltag in Frankfurt/Oder.

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Jeden Nachmittag hatte ich auf dem Hinterhof verbracht, immer schon. Meist bolzten wir. Ein Steinplatz zwischen verwitterten Hauswänden, fünf oder sechs Jungs, kein Schiri. Halbleere Limoflaschen standen neben den Schultaschen, manchmal saß ein Mädchen am Rand und schaute zu. Wenigstens einmal pro Spiel kloppten wir uns. Wir spielten bis es dunkel wurde.

Unsere größte Furcht galt der gemeinen Frau Beer, die den Ball nicht mehr herausgab, bekam sie ihn einmal in ihre Finger. Flog der Ball über den Zaun ihres Grundstücks, wurde aus den fünf oder sechs Jungs ein Rollkommando. Einer kletterte über den Zaun, zwei assistierten ihm, während die anderen drei weiter Fußballgeräusche erzeugten, damit die Beer nix merkte. Das ging zu oft schief.

Und dann kam der 1. Juli 1990 und das neue Geld. Die Dinge wurden türkis und magenta. Wir kriegten einen Farbfernseher, um die Ecke war ein Kiosk und ich hatte jetzt nicht mehr Limogeld, sondern harte Währung in der Tasche. Das reichte täglich für ein Raider, zwei Mars und eine Sprite. Oder lieber zwei Raider, zwei Sprite und ein Mars? Ich setzte mich vor die Glotze, schaute Telebörse und schmatzte. Die fünf oder sechs anderen Jungs auch.

So banal war das. Frau Beer stand jetzt manchmal hinter dem Zaun und schaute auf den immer öfter leeren Hof. 

 
Leser-Kommentare
  1. Als die Ostmark zu uns kam haben wir uns alle gefreut!
    Duisburg.

    • M.M.
    • 01.07.2010 um 18:06 Uhr

    Wenn ich als sog. "Wessi" solche Beiträge hier und anderswo lese, dann fällt mir schlagartig ein ganzer Haufen anderer Sachen ein, die mit der Währungsunion zusammenhängen.

    Ein Auszug:

    - Das Lohngniveau sinkt in Richtung Osten, die Arbeitslosigkeit steigt.
    - Manch einer will die DDR zurück, andere die Mauer (man fasst es nicht !!)
    - Die Einheit (in den Köpfen) gibt es immer noch nicht so recht.
    - Die Ostdeutschen wie die Westdeutschen (beide vielfach) beschäftigen sich nach wie vor am liebsten mit jammern und zetern, mit gegenseitigen Vorwürfen, mit Ausgrenzungen, mit Neid.
    - Seit 20 Jahren pflegt man beiderseits die dämlichsten Vorurteile.
    - Einig Vaterland ist man gesamtdeutsch lediglich beim Fußball - und das ist ein bißchen zu wenig !!
    - ...............

    Ich könnte gut und gern noch eine Weile weiterschreiben, habe aber plötzlich keine Lust mehr dazu.

    Deutschland, traurig Vaterland !!

  2. Ach ja, als die Westmark kam! Ihre Autoren haben in ihrer damaligen Jugendlichkeit eine Entschuldigung für ihre bodenlose Naivität (um es nicht gröber zu formulieren).
    Aus der Sicht eines verständigen Menschen spielte sich eine gleichermaßen geistige wie ökonomische Katastrophe ab. Ein Volk ergab sich schamlos der Allimentierungswirtschaft aus dem Westen. Die Regale in Kaufhallen und Warenhäusern leerten sich zugunsten von Westprodukten. Die Ossis vergaßen, dass sie nicht nur Konsumenten sein würden, sondern Produzenten bleiben müssten. Die Ostprodukte - egal ob gut oder weniger gut - wurden ausgelistet zugunsten der Westprodukte. Der Osten wurde - mit Hilfe der dummen Ossis - zum Marktplatz für Westprodukte.

  3. In der DDR gab es weiße Hühnereier. Im Westen waren braune gerade Mode. Was geschah? Die braunen Eier wurden gekauft, die DDR-Geflügelwirtschaft brach zusammen. Oder: Die riesigen Apfelplantagen an der Havel wurden vernichtet. Oder: Die klassische DDR-Rinderrasse wurde ausgemustert, weil Westkühe natürlich "besser waren". Die Ostkühe wurden in den Osten Europas verramscht oder geschlachtet.
    Aber Ihr Autor konnte immerhin zum kleinen Preis einen Plattenspieler ergattern, bevor die DDR-Produktion auch da zu Boden ging. Ihr Autor kann stolz sein, er stand am Beginn der Geiz-ist-geil-Bewegung, die nun auch westdeutsche Markennamen (mitsamt Arbeitsplätzen) vernichtet.

    • comen
    • 01.07.2010 um 23:29 Uhr

    ...haben offensichtlich auch nichts in den letzten zwanzig Jahren gelernt, nicht wahr, Niccolos Enkel?

    Ich könnte jetzt davon anfangen, wie kurz nach der Wende gewisse Besserwessis im Osten Firmen und Gebäude für ne Mark kauften und sie leider nur in seltenen Fällen zum Wohle der lokalen Bevölkerung erhielten.

    Dann könnte ich die Geschichte erzählen, wie einige Ostprodukte wieder ins Leben zurück fanden und in den letzten Jahren immer beliebter wurden und zwar Dank aller deutschen Konsumenten - auch die in den alten Bundesländern.

    Gott, dieses Ossi/Wessis-Gerede, Schuldzuwesiungen und auf der (geographischen) Herkunft basierende Großkotztum (auf beiden Seiten!) nervt einfach nur noch tierisch.

    Grüße, eine Thüringerin aus Baden-Württemberg

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    ... und verstehe als norddeutscher "Wessi", wohnhaft seit 2006 in Sachsen, absolut nicht, wozu dieses Gejammer dienen soll.

    Einem jungen Menschen die Freude über einen günstigen Plattenspieler vorzuhalten ist jedenfalls nur durch Blödheit erklärbar.

    ... und verstehe als norddeutscher "Wessi", wohnhaft seit 2006 in Sachsen, absolut nicht, wozu dieses Gejammer dienen soll.

    Einem jungen Menschen die Freude über einen günstigen Plattenspieler vorzuhalten ist jedenfalls nur durch Blödheit erklärbar.

  4. Ich finde es bezeichnend für den Geist des Hauses ZEIT, daß hier
    frei nach dem Motto Deutschland sucht den Nachwuchs-Schreiber
    Banalitäten zum Besten gegeben werden. Die Super-Illu wäre der passende Ort für solch ein Kinderkram gewesen.

  5. ... und verstehe als norddeutscher "Wessi", wohnhaft seit 2006 in Sachsen, absolut nicht, wozu dieses Gejammer dienen soll.

    Einem jungen Menschen die Freude über einen günstigen Plattenspieler vorzuhalten ist jedenfalls nur durch Blödheit erklärbar.

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