Da hatte man geglaubt, man sei dem Zeitalter der Rache entwachsen – und dann das. Ein paar Schweizer Bürger reichen eine Volksinitiative ein, die Folgendes verlangt: "Wer in Kombination mit einer sexuellen Handlung mit einem Kind, sexueller Nötigung oder Vergewaltigung eine vorsätzliche Tötung oder einen Mord begeht, wird hingerichtet, unabhängig von Gutachten oder wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Bund vollzieht die Hinrichtung. Die Hinrichtung wird innerhalb von drei Monaten, nachdem die Verurteilung rechtskräftig geworden ist, vollzogen. Das Gericht legt das Hinrichtungsdatum und die Hinrichtungsmethode fest."

Das Komitee, das hinter der Initiative steckt, ist persönlich betroffen. Vergangenes Jahr wurde Sou Ken T. in ihrer Wohnung im Kanton Luzern ermordet, wohl von ihrem Exfreund. Es handelt sich vermutlich um ein Sexualverbrechen, die Ermittlungen der Polizei laufen aber noch. Im Initiativkomitee sitzen unter anderem Sou Kens Bruder You Hoat T. und ihre Schwester Su Graf, die mit dem selbständigen Informatiker Marcel Graf, 36, verheiratet ist. Er ist die treibende Kraft hinter der Initiative, welche die Antwort sei "auf alle Verbrechen, die einem Menschen das Leben und dessen Würde durch unvorstellbare und grausame Handlungen entreißen".

Die Aufregung ist groß. Führende Mitglieder der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) machen sich sofort für eine Abstimmung stark. "Das Volk soll darüber abstimmen. Es verstößt nicht gegen zwingendes Völkerrecht, was in der Schweiz ausschlaggebend ist", sagt etwa der SVP-Politiker Walter Wobmann. Und der Rest des Landes ist entsetzt. Soll das Volk wirklich darüber abstimmen dürfen, die Todesstrafe, die in der Schweiz vor 68 Jahren abgeschafft wurde, wieder einzuführen? Soll der Staat wieder Rache üben dürfen? Sind wir wieder im dunklen Mittelalter?

Doch die Initiative wird von der Bundeskanzlei in Bern formaljuristisch für gültig erklärt. Denn in der Eidgenossenschaft hat das Parlament zu beurteilen, ob ein Volksbegehren, das mindestens 100.000 Schweizerinnen und Schweizer unterschrieben haben, auch inhaltlich rechtsgültig ist. Anfang dieser Woche begann das Komitee online Unterschriften zu sammeln – um am Mittwochmorgen auf ihrer Homepage den Rückzug der Initiative zu verkünden: "Die Initiative war das Einzige, was wir rechtlich machen konnten, um uns Gehör zu verschaffen. Unser Hauptziel war die Bevölkerung auf die Missstände aufmerksam zu machen. Danke an alle, die uns in dieser kurzen und intensiven Zeit geliebt und gehasst haben! Möge Euch diese Hölle erspart bleiben ... ."

Die Todesstrafe-Initiative ist der vorläufige Höhepunkt einer Auseinandersetzung, die die Schweiz bewegt: Darf das Volk alles? Seit der Annahme einer Volksinitiative, die Sexualstraftaten an Kindern für unverjährbar erklärt, spätestens aber seit dem Ja zum Bauverbot von Minaretten im vergangenen November streitet man sich, ob die Bevölkerung auch zu Vorlagen Stellung nehmen soll, die gegen die Europäische Menschenrechtskonvention und internationale Verträge verstoßen. Bislang sind nur Vorlagen ungültig, die gegen zwingendes Völkerrecht verstoßen, also gegen das Verbot von Folter, Genozid, Sklaverei und der Abschiebung eines Menschen in ein Land, wo ihm der Tod droht.

Die Rechte will, dass dies so bleibt, ist sie sich doch einig im Glauben, das Volk sei weise genug zu wissen, was Recht und Unrecht ist. Dazu brauche man keine "sogenannten Experten". Andererseits werden die Stimmen aber immer stärker, die sagen, solche Volksinitiativen zeigten, dass die direkte Demokratie an ihre Grenzen komme.

Aber vorerst dürften jetzt alle erleichtert sein, dass ihnen eine Diskussion über die Wiedereinführung der Todesstrafe vorläufig erspart bleibt.