Angespannt, aber beherrschbar – so umschreibt Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck die Lage in den Hochwassergebieten seines Bundeslandes. Bislang halten die Deiche der Flut stand, bis zum Morgen gab es keine Meldungen über Deichbrüche oder andere besondere Ereignisse. So wie in Sachsen sinken die Pegelstände der Neiße auch auf brandenburgischer Seite. Trotzdem könne noch keine Entwarnung gegeben werden. "Es ist unklar, wie lange es dauert, bis die Neiße wieder im Flussbett ist", sagte ein Sprecher des Innenministeriums in Potsdam. Am Abend oder am Mittwoch wird die Flutwelle bei Ratzdorf in die Oder fließen. Da dieser Fluss derzeit selbst kein Hochwasser führt, kann er das zusätzliche Wasser gut aufnehmen.

Dennoch ist die Lage in manchen Ortschaften kritisch, etwa im brandenburgischen Guben im Südosten des Landes. Südlich der Stadt war am Vorabend – in einem unbewohnten Gebiet – ein Deich gebrochen. Platzeck hofft, dass größere Evakuierungen vor allem auch des Krankenhauses vermieden werden können. Bis zum Nachmittag werde man absehen können, ob und wieweit die Behörden eingreifen müssen. Zunächst galt die Alarmstufe 3.

Als erster Ort war Klein Bademeusel evakuiert worden. Der Landkreis Spree-Neiße forderte die rund 80 Bewohner der kleinen Ortschaft an der Neiße auf, ihre Häuser zu verlassen. Mehrere Straßenzüge liegen dort direkt an einem Deich und waren deshalb vom Hochwasser bedroht. Den höchsten Stand hatte der Fluss dort mit 5,28 Metern erreicht. Inzwischen ist der  Pegelstand aber gesunken und lag um 5.30 Uhr bei 4,75 Metern. Deshalb könnten die Menschen "mit hoher Wahrscheinlichkeit" wieder in ihre Häuser zurückkehren. 

Dennoch gilt an der Neiße weiterhin die höchste Alarmstufe 4, an der Spree die Stufe 3. Auch bei Spremberg führt der Fluss inzwischen etwas weniger Wasser. Dennoch war vorsichtshalber ein Staubecken geflutet worden. "Das soll viel abfangen", sagte der Ministeriumssprecher. Davon würden Städte im weiteren Flussverlauf wie beispielsweise Cottbus profitieren. Dort soll der Hochwasserscheitel der Spree am Nachmittag durchziehen. Die Stadtverwaltung schließt Deichbrüche dennoch nicht aus. Das sei eine "sehr sensible Angelegenheit", sagte Brandenburgs Landesumweltamt-Chef Matthias Freude. "Wenn wir den heutigen und morgigen Tag vernünftig überstehen, dann ist das Gröbste vorbei."

Dies gilt bereits für die Menschen im benachbarten und am Wochenende vom Hochwasser schwer getroffenen Bundesland Sachsen . Dort sind die Wassermassen weiter zurückgegangen. "Wir haben überall sinkende Pegelstände", sagte eine Sprecherin des Katastrophenschutzstabes in Görlitz. Für die Stadt und den südlichen Teil des Landkreises wurde der Katastrophenalarm aufgehoben, unter anderem auch in Zittau, Ostritz, der Gemeinde Großschönau und Olbersdorf. Die Görlitzer Schulen und Kindertagesstätten sollen mit zwei Ausnahmen wieder ihren normalen Betrieb aufnehmen. Die Grenzübergänge über die Neiße zu Polen und Tschechien bleiben aber noch geschlossen. 

Im Laufe des Tages sollen dann die letzten Einwohner in ihre Häuser zurückkehren dürfen. Bis dahin habe die Polizei in Ostsachsen ihre Präsenz wegen befürchteter "Plünderungen" vorbeugend erhöht. "Anwohner haben Angst vor Einbrüchen und Diebstählen", sagte die Sprecherin, da viele Häuser "zum Trocknen offen stehen". 

Unter Wasser steht auch ein Teil des Fürst-Pückler-Parks in Bad Muskau, der zum Weltkulturerbe gehört . Nach aktuellem Stand, hat dieser das Hochwasser aber offensichtlich glimpflich überstanden. Es habe keine größeren Schäden gegeben, sagte Bürgermeister Andreas Bänder (CDU) im Deutschlandradio Kultur. In dem im Park gelegenen Schloss sei lediglich ein bisschen Grundwasser und etwas Wasser durch die Kellerfenster eingedrungen, das jetzt abgepumpt werden müsse. Im Vergleich zum großen Hochwasser von 1981 habe sich zudem im Park verhältnismäßig wenig brauner Schlamm abgelagert. Bänder geht davon aus, dass der Park zum Wochenende wieder für Besucher geöffnet werden kann. Zuvor waren die vor dem Kurort liegenden Deiche unter dem Druck des Hochwassers gebrochen, zwei Dörfer wurden überflutet. 

Kritik regte sich unter anderem an der Arbeit der polnischen Umweltbehörden. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, der die Flutschäden in Sachsen auf einen dreistelligen Millionenbetrag schätzt, kündigte eine umfassende Untersuchung der Informationsketten nach dem Dammbruch am Witka-Stausee in Polen an. Die Wassermassen hatten die Neiße am Samstag innerhalb kürzester Zeit massiv und quasi ohne Vorwarnung anschwellen lassen. Die sächsischen Behörden seien zunächst nur über eine erhöhte Abflussmenge aus der Talsperre, nicht aber über einen Dammbruch informiert worden, sagte der Regierungschef. Das habe Zeit gekostet.

Beim schlimmsten Hochwasser seit 2002 waren am Wochenende im Dreiländereck mindestens neun Menschen ertrunken – drei davon in Sachsen. In Tschechien wurde weiter ein Mann vermisst. Auch in Polen gab es noch Vermisste. Vielerorts gab es Millionenschäden – eine Gesamtsumme war aber noch nicht bekannt. Tillich schätzte, dass sich die Schäden in einem dreistelligen Millionenbereich bewegen werden. Das Kabinett will ein Darlehensprogramm im Umfang von 100 Millionen Euro auf den Weg bringen.

Sachsen hofft nun auch auf die Hilfe des Bundes. "Wir sind auch in Gesprächen mit Berlin, inwieweit der Bund bereit ist, uns zu helfen", sagte der Ministerpräsident der Sächsischen Zeitung . Bundesinnenminister Thomas de Maizière habe bereits deutlich gemacht, dass dies eine gemeinsame Aufgabe sei. "Darum bin ich auch sehr zuversichtlich. Es wird mit Sicherheit ein Sonderprogramm geben müssen. Mehr kann ich dazu jetzt aber noch nicht sagen", zitiert die Zeitung den CDU-Politiker.