Homosexualität und IslamSchwuler Tabubruch in einer homophoben Welt

Ganz im Geheimen ist in Marokko das erste Magazin für Homosexuelle in der arabischsprachigen Welt erschienen. Andere Zeitungen hetzen gegen das Blatt. von Adrian Lobe

Das Cover von "Mithly". Der Titel heißt übersetzt schlicht "schwul"

Das Cover von "Mithly". Der Titel heißt übersetzt schlicht "schwul"   |  © Mithly

Er reifte in einem dunklen Hinterzimmer, irgendwo in den verwinkelten Gassen der marokkanischen Hauptstadt Rabat: der Plan zu einer Zeitung für Homosexuelle. Gut ein Dutzend Journalisten erarbeiteten ein Konzept, um das brisante Thema an die Öffentlichkeit zu tragen. Immer wieder fanden sie sich zu konspirativen Treffen ein, feilten an Inhalten, ersannen Verbreitungswege – die Staatsmacht durfte von all dem nichts mitbekommen. Denn: Bei solch subversiven Vorhaben kennen die konservativen Zensoren kein Pardon. Aufhalten konnten sie das Projekt dennoch nicht.

Im April ging die erste Ausgabe in Druck. Die 19 Seiten, die das Magazin umfasst, sind ganz dem Thema Homosexualität gewidmet. Die homosexuelle Gemeinde im Land spart denn auch nicht mit Superlativen: Fortschritt, Quantensprung, sogar Revolution ist zu lesen. Mithly ist das erste Magazin für Schwule und Lesben in einem arabischsprachigen Land. Übersetzt heißt der Titel schlicht "schwul". Ein kleines Wort mit großer Sprengkraft – die Publikation ist ein veritabler Skandal in dem ultrakonservativen Königreich.

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Lange mussten Homosexuelle in Marokko auf eine solche Zeitschrift warten. Ihre Interessen und Anliegen wurden im öffentlichen Diskurs marginalisiert, bisweilen sogar diffamiert. "Was man bis heute in den Zeitungen liest, ist zutiefst beleidigend. Mit Mithly wollen wir unseren Standpunkt darstellen", sagt Mourad, einer der Autoren der Zeitung. Die Intention, die die Journalisten verfolgen, ist klar: Sie wollen Schwulen und Lesben im Land eine Stimme geben.

Wie wichtig ein aufgeklärter und liberaler Zugang ist, offenbart der ignorante Umgang mit Homosexualität: Das Thema wird tabuisiert und aus dem Alltag verbannt. Schwulsein gilt als Sünde, die Schande über die Familie bringt. Im reaktionären Dogmenschema des Königreichs Marokko haben gleichgeschlechtliche Partnerschaften keine Daseinsberechtigung. Im November 2007 wurden Gäste einer mutmaßlichen Männerhochzeit in der Kleinstadt Ksar El Kebir verhaftet. Der Vorwurf: homosexuelle Handlungen. Noch bevor die Polizei eintraf, bewarfen aufgebrachte Demonstranten die umliegenden Häuser mit Steinen. Aufgehetzt von radikalen Islamisten wütete der Mob. Der Gewaltexzess hat sich in das Gedächtnis der Schwulen und Lesben eingebrannt.  

Um sich vor Anfeindungen und Übergriffen zu schützen, veröffentlichen die Journalisten ihre Artikel unter einem Pseudonym. Auch Mourad heißt in Wirklichkeit nicht so. Seine Identität verschweigt er lieber. Die Angst vor der Enttarnung ist sein ständiger Begleiter.

Die ersten 200 Exemplare mussten darum heimlich gedruckt werden. In Jutetüten und Manteltaschen versteckt wurden sie "illegal" verbreitet. Die strengen Späher wachen mit Argusaugen über jede Veröffentlichung. Gleichwohl weisen die repressiven Publikationsbeschränkungen Lücken auf: Das Internet mit seinen vielen Schlupflöchern. Auf der Website des Magazins können die Leser die Ausgaben vollständig einsehen. Die Präsenz im Netz erhöht die Reichweite der Publikation und macht die Journalisten immuner gegen Angriffe. "Anders hätten wir es nicht machen können", sagt Mourad.

Zwar gab es bisher noch keine Übergriffe – die Appelle aufgebrachter Beobachter lassen aber an Schärfe nichts vermissen. Die Zeitung Attajdid hetzte in ihren Leitartikeln gegen die neue Publikation. Attajdid-Chefredakteur Mustapha Khalfi polterte: "Die Behörden müssen die Zeitung verbieten. Sie schadet den islamischen Werten der marokkanischen Gesellschaft." Und: "Homosexualität ist gegen die Zukunft der Menschen gerichtet."

Die Staatsmacht in Rabat ist bislang noch nicht eingeschritten. Die Journalisten wissen aber, dass mit jedem weiteren "subversiven" Artikel die Luft für sie dünner wird. Homosexualität stellt in Marokko einen Straftatbestand dar und wird mit bis zu drei Jahren Gefängnisstrafe geahndet.

Der homosexuelle Student Amine, 23 Jahre alt, offenbarte sich vor Kurzem der belgischen Tageszeitung Le Soir. Auch er wollte dem Blatt gegenüber anonym bleiben. "Auf der Straße zeigte jeder mit dem Finger auf mich und warf mir üble Beleidigungen nach. Mein Leben ist eine Hölle." Amine befindet sich in einem Dilemma. "Entweder heirate ich eine Frau, die ich nicht liebe oder ich riskiere, von meiner Familie verstoßen zu werden."

So wie Amine geht es vielen im Land. Weil sie nicht der Paria der Gesellschaft sein wollen, schweigen sie. Einige führen ein Doppelleben, halten ihre sexuelle Vorliebe geheim – eine beklemmende Situation. Die islamische Gesellschaft kennt nur "echte" Männer. Schwule haben in dieser Welt  keinen Platz. Für sie ist jeder Tag ein Versteckspiel, ein waghalsiges Unterfangen, Kontakt zu anderen Homosexuellen aufzunehmen.

Amine leidet darunter. Und doch stimmt ihn die Gründung des Homosexuellen-Magazins hoffnungsvoll. "Es zeigt, dass sich die Dinge langsam verändern", sagt er.

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Leserkommentare
  1. "– die Publikation ist ein veritabler Skandal in dem ultrakonservativen Königreich."

    Naja.
    Die Publikation wäre wohl in jedem arabischen Land ein veritabler Skandal, und in dieser Gruppe gibt es wohl so einige Länder, die rückständiger sind als Marokko... und die Formulierung impliziert auf eine gewisse Weise, dass für den Konservatismus der marokkanischen Gesellschaft der Status des Landes als Monarchie verantwortlich sei, dabei ist dort gerade der König derjenige, der die Modernisierung gegen teilweise massiven Widerstand durchsetzen musste.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bitte missverstehen Sie die Formulierung nicht. Es ist lediglich ein Attribut. Der Regimetyp sagt noch lange nichts über das soziale Normengefüge einer Gesellschaft aus. In einer Monarchie kann genauso gut eine liberale Werteordnung vorherrschen, wie etwa in den Niederlanden.

    • tisass
    • 06. August 2010 14:17 Uhr

    wäre es auch hier ein veritabler Skandal gewesen. In manchen Familien und Brufsgruppen ist es hierzulande auch heute noch ein veritabler Skandal, wenn sich jemand als homosexuell outet. Denken wir an die armen Fußballspielern.

    Solche Artikel sind natürlich interessant aber man sollte dabei nie vergessen auch vor der eigenen Tür zu kehren.

    Ich persönlich vertraue da auf Bob Dylan: "The times they are changing".

    Eigentlich erstaunlich. Zu Zeiten der arabischen Hochkultur war Homosexualität relativ normal, vergleichbar mit den Hochkulturen der Griechen und der Römer.
    Dort wo es einer Gesellschaft gut geht ist man scheinmal nicht auf ein festbetonniertes Wertesystem angewiesen.

    Eine Leserempfehlung
  2. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik und Pauschalisierungen. Die Redaktion /ft

  3. 5. Sorry

    Entfernt wegen Doppelpostings. Die Redaktion /ft

  4. 6. Sorry

    Die Zeitung Attajdid, die der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung nahe steht, hetzte in ihren Leitartikeln gegen die neue Publikation. Attajdid-Chefredakteur Mustapha Khalfi polterte

    Diese Partei regfiert nicht.

  5. Etfernt. Bitte tragen Sie mit sachlichen Kommentaren zur Diskussion bei. Die Redaktion/cs

  6. Lieber Herr Riexinger, in der Tat: Die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) gehört nicht der Regierungsfraktion an. Sie sitzt in der Opposition. Gleichwohl gibt es zwischen der konservativ-nationalistischen Istiqlal und der PJD programmatische Schnittmengen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Homosexualität | Marokko | Zeitung | Rabat
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