Kulturpolitik Wenn Kultur zur Ware verkommt

Loveparade, Elbphilharmonie: Scheinbar um jeden Preis inszeniert die Politik prestigeträchtige Kulturprojekte. Kulturpolitik wird zur Standortpolitik. Das kann nicht funktionieren. Ein Kommentar

In den vergangenen Jahren hat sich der Konkurrenzkampf gerade zwischen den Städten mittlerer Größe in Deutschland verschärft. Für viele Kommunen, auch und gerade im Ruhrgebiet, ist die Situation dramatisch. Sie sind so hoch verschuldet, dass sie Schwimmbäder schließen und die Straßenbeleuchtung reduzieren. Jetzt müssen sie sich neu erfinden, wie die beliebte Floskel bei Stadtplanern heißt, und eher gestern als heute ökonomische Ressourcen erschließen.

Doch wem die Ruhr bis zum Halse steht, der ist auch zu (fast) jedem Risiko bereit. "Das Ruhrgebiet ist ein Zukunftslabor: hier werden Modelle ausprobiert für eine Gesellschaft, die den Scheitelpunkt der Industrialisierung längst hinter sich hat", kommentierte dazu die ZDF-Kultursendung Aspekte . "Welche Stadt bietet die besten Anknüpfungspunkte für Zukunftstechnologie, welche hat den besten Freizeitwert?" Lösungen erhofft man sich durch Kreativwirtschaft. "Kultur durch Wandel, Wandel durch Kultur" – so lautet das Motto der Kulturhauptstadt Essen (Essen wurde stellvertretend für das Ruhrgebiet auswählt). Und mit "Hier wird eine neue Energie gefördert. Sie heißt Kultur" bewirbt Ruhr 2010 das Kulturprogramm für das besondere Jahr in der Region.

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Das Motto gilt auch anderswo – eigentlich überall, wo strukturschwache Gebiete um den Anschluss kämpfen und Kultur-Hochburgen ihre Pfründe verteidigen wollen. Die regionalen Wirtschaftsförderer scheinen sich alle an die Prognose des amerikanischen Ökonomen Richard Florida vom Aufstieg der "Creative Class" (2002) zu klammern. "Können altindustrialisierte Städte zu 'Hot Spots' der Kreativwirtschaft werden?" fragt man sich auf dem Portal Kreatives Leipzig . Für die Hamburger Kultursenatorin wiederum gehört die Kreativwirtschaft zu den wichtigsten Wachstumsbranchen. Dem schärfer werdenden Standortwettbewerb wolle die Hansestadt jetzt mit systematischer Förderung begegnen.

Derzeit gibt es viele Beispiele –  das Desaster der Loveparade in Duisburg, auf der 21 Menschen starben, ist jedoch das Schlimmste – für die hohen Risiken und zu großen Hoffnungen, die Stadtverwaltungen in Kultur-Prestigeobjekte setzen. Die Hamburger Elbphilharmonie ist auch so ein ehrgeiziges Projekt, an dem sich die Stadt überhoben hat – die Kosten sind nämlich dreimal so hoch wie anfänglich projektiert. Die Endlosdebatte um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses ein anderes.

Kulturpolitik ist zur Standortpolitik mutiert. Sie ist längst kein "weicher" Faktor mehr – die Bundesregierung deklariert die "Kultur- und Kreativwirtschaft" zur Wachstumsbranche schlechthin. Mit einer Bruttowertschöpfung von 63 Milliarden Euro und einer Million Beschäftigten im Jahr 2008. "Ihr Bruttoinlandsprodukt von 2,6 Prozent ist höher als das der chemischen Industrie", rechnet Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) vor.

Angesichts der riesigen Erwartungen, die mit dem "Wandel durch Kultur" verbunden sind, erhält der Kulturbegriff eine schon fast religiöse Aura. Die Kultur soll eo ipso liefern, was den darbenden Kommunen und Regionen fehlt: Inspirationen und Arbeitsplätze, Lebensfreude und unternehmungslustige junge Menschen. Sie soll retten, Identität und Sinn stiften.

Doch zugleich wird sie mit betriebswirtschaftlichem Kalkül inszeniert. Damit wir ein Kulturbegriff geschaffen, der einen eklatanten Widerspruch in sich trägt. Denn: Kultur geht ihre eigenen Wege und passt ihr Image nicht den jeweiligen Wünschen der Regierenden an, die sich den "erfolgreichen Wandel des Ruhrgebiets" letztendlich an ihre eigene Brust heften wollen.

Dem Gedanken, Kultur solle einen Imagewechsel befördern, haftet eine feste Vorstellung davon an, wie diese Kultur denn auszusehen habe: optimistisch, jung, fröhlich. Darum sollte ja auch die Loveparade entsprechende Fernsehbilder liefern. Eben andere als: Sterbende Zechen, aus der Region ziehende junge Menschen, Arbeitslosigkeit. Aber kreative Tätigkeit ist per se ein ergebnisoffener Prozess, sie entsteht oft in einem chaotischen, ungeplanten Moment. Von den 150 Teilnehmern der ersten Loveparade, die 1989, noch vor dem Mauerfall, unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen", (ein Motto, das in der geteilten Stadt, dem Symbol des Kalten Krieges schlechthin, eine ganz eigene Bedeutung hatte), über den Berliner Ku'damm zogen und einen neuen, körperbetonten und radikal-minimalistischen Musikstil zelebrierten, hatte wohl niemand damit gerechnet, dass ein paar Jahre später daraus die größte Party der Welt entstehen würde.

Kultur kann keinen Imagewechsel herbeizaubern, sondern ist, in ihrer originären Ausprägung, eher selbst ein Produkt des Identitätswandels. Erst finden Veränderungen statt, dann zeigt die Kunst wie ein Seismograph diese auf. Der Anspruch einer marktkonformen Kreativwirtschaft geht genau den umgekehrten Weg. Hier ist das Ergebnis bereits schon von den Stadtverwaltern definiert, bevor die Party überhaupt beginnt. Damit wird aber das eigentliche kreative Potenzial, dass gerade auch in Regionen wie dem Ruhrgebiet vorhanden ist, erstickt.

Während in Duisburg in den letzten Jahren Gelder für Museen, Theater und Volkshochschulen gestrichen wurden, also Kultur in ihrer bürgernahen und regionalen Variante zweitklassig behandelt wurde, wurde auf Kultur als Mega-Spektakel gesetzt. Dazu passt, dass der Hauptakteur der Duisburger Loveparade der Gründer einer Billig-Fitness-Kette ist. Kreativität und Kultur werden damit zu einer Ware, von der alle profitieren wollen: Die Stadtverwaltung, weil sie sich ein neues Images verspricht, der Sponsor, der damit neue Kunden akquirieren will.

Über das megalomane Unterfangen kann man sich insgesamt nur wundern: Eine derart große Agglomeration wie das Ruhrgebiet kann man nicht per Beschluss, von staatlicher Seite her, in ihrem Charakter, ihrer Identität, umpolen. Das ist anmaßend und, was den Bürger betrifft, bevormundend und führt in vielerlei Hinsicht – nicht nur unter dem Aspekt der Sicherheit – zu eklatanten Fehlentscheidungen wie der, die Loveparade nach Duisburg holen zu wollen.

 
Leser-Kommentare
  1. "Derzeit gibt es viele Beispiele – das Desaster der Loveparade in Duisburg, auf der 21 Menschen starben, ist jedoch das Schlimmste – für die hohen Risiken und zu großen Hoffnungen, die Stadtverwaltungen in Kultur-Prestigeobjekte setzen."

    In Berlin hat die Loveparade viele Male stattgefunden. Sie wurde abgeschafft, nicht weil sie riskant war, sondern weil kein Geld da war, den Dreck weg zumachen. Beim "bürgernahen" Kölner Karneval ist genug Geld da, die Kamellen nachher von der Strasse zu fegen. Und wenn bei Karnevalszügen Menschentotgefahrewn werden, weil sie sich nach Kamelle bücken, spricht auch keiner davo, wie toll eine Stadtverwaltung war, die dieses tödliche Risiko nicht eingehen wollte. Für Fussball gilt das gleich. In Südafrika sind auch bei den Qual.-spielen für die WM Menschen tot gedrückt worden. Dennoch haben die Spiele stattgefunden.

    Wenn Kommunen knapp bei Kasse sind und wie Moers das Schlosstheater schliessen, dann liegt das an der absurden Gewerbesteuer. Der Bund hat Geld genug und leiht sich rekordmäßig 80 Mrd €, um sinnlose Kriege zu führen, die auf beiden Seiten nur Tote und keine Siege produzieren. Wir schmeißen unsere Zukunft in Afgh. dank Merkel weg. Die Chinesen sind nicht so blöd. Die beteiligen sich nicht an Opium- und Ölkriegen. Die investieren lieber in ihre Zukuft: 8% Wachstum jedes Jahr. Und fahren zum Urlaub nach Europa: Rom, Venedig, Villach, Prag, Neuschwanstein.

    Und die Chinesen führen keine Diskussionen mit grob unsinngen Argumenten.

    • delsa
    • 02.08.2010 um 15:04 Uhr

    Santander- Neues Museum von Gehry beweist das Gegenteil !

    • Schawn
    • 02.08.2010 um 15:08 Uhr

    Warum bekommen die Grünen eigentlich immer mehr Zuspruch gerade in Städten der "creative class"? Und warum würden die Grünen auch mit den Linken koalieren; schreibt hier zumindest Eva Quistorp (http://bit.ly/crFsXX)?
    Muss man jetzt Angst haben, dass wir Landesebene bald Rot-Rot-Grün haben und noch mehr sinnfreie Kulturprojekte in die Tat umgesetzt werden?

    • skycop
    • 02.08.2010 um 15:22 Uhr

    Die Autorin hätte das Kind auch beim Namen nennen können und ihren Artikel unter "Bilbao-Effekt in Deutschland?" titulieren können, denn genau darauf läuft es doch hinaus. Schaffe etwas Spektakuläres, wie das Guggenheim in Bilbao und es werden genügend Interessierte kommen, investieren und hoffentlich auch bleiben...

  2. Die Menschen versuchen verzweifelt, die letzten noch auszumachenden Werte zu kapitalisieren. Dabei ist diese Ära der Kommerzialisierung schlicht und einach vorbei. Kaum einer will es wahrhaben. Es muss also erst richtig knallen. Schade, dass es immer eine Opfergeneration geben muss, bevor sich etwas ändert.

  3. Warum wurden beim Theater Festival in Avignon fast 96% der Karten verkauft mehr als 120000 das ist keine Gross Stadt und erst recht nicht reich. Insgesmmt haben Festivals, open Air und alles in France eine anderen Stellenwert......was die da mit der Love Parade gemacht haben ist Schwachsinn, Wochen vorher waren mehr Leute auf der A49 und da passierte fast nix, Flucht ist da nach recht und links moeglich und das auf 19 km

    Kulturprojecte brauchen viel Zeit, Engagement und Liebe und Erfahrung in diesem Feld, im uralten Amphiteather von Orange finden immer noch tolle acts statt, das braucht keine Protzburgen, ber jedesmal halt so 200 Feuerwehrmaenner "bei Fuss"

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