Presseschau "Russlands Führung und Bevölkerung leben in getrennten Realitäten"

Die Wälder brennen, die Brotpreise steigen – die russische Presse ist sich einig: Der Kreml versagt in der Katastrophe und wird seinem Allmachtsanspruch nicht gerecht.

Viele Russen sind mit dem Krisenmanagement von Wladimir Putin und Dmitrij Medwedjew unzufrieden

Viele Russen sind mit dem Krisenmanagement von Wladimir Putin und Dmitrij Medwedjew unzufrieden

Das englischsprachige Blog russia.foreignpolicyblogs.com glaubt nicht, dass die Brände politische Folgen haben: "Vergesst Politik. Die Brände werden mit Sicherheit nicht dazu beitragen, die Bekämpfung des Klimawandels in die Köpfe zu tragen. Es reicht nicht, die Unfähigkeit der russischen Führung auf ihr absurdes Verlangen nach Kontrolle zurückzuführen, ohne die Frage nach generellem menschlichem Masochismus zu stellen."

Die Onlinezeitung gazeta.ru attestiert der russischen Regierung Ineffizienz: "Die russische Vertikale der Macht verhält sich in dieser Situation wie gewohnt: ein Minimum an Schnelligkeit und Effizienz in der direkten Bekämpfung von Katastrophen, aber hinterher beispiellose Agilität bei Versprechungen und Zusicherungen, dass alles in die Wege geleitet wird, damit so etwas nicht wieder passiert. Was hätte getan werden können, damit die Katastrophe gar nicht erst geschehen wäre, darüber spricht kaum jemand."

Die englischsprachige Tageszeitung The Moscow Times vergleicht Moskau mit New York: "Russlands Regierung versucht gar nicht zu verstecken, dass sie ihre Bürger für Dummköpfe hält. Bürgermeister Luschkows Urlaubsabwesenheit ist dafür ein gutes Indiz. Schwierig vorzustellen, dass New Yorks Bürgermeister Rudy Giuliani kurz nach 9/11 in den Urlaub gefahren wäre.

Iswestija, eine von Russlands ältesten Zeitungen, beklagt mangelnde Zivilcourage: "Erwachsene zu erziehen ist oft peinlich, unangenehm, zuweilen gar gefährlich. Aber angesichts einer solche Katastrophe notwendig. Dieses Land gehört uns und wir haben ein Recht auf einen freien Himmel, frische Luft, einen sauberen Wald und klare Gewässer. Dass wir gerade durch feuchte Tücher atmen müssen, heißt deshalb nicht, dass wir auch in diese Tücher hinein schweigen müssen."

Die englischsprachige Zeitung Russlands The Moscow News glaubt an einen Bedeutungszuwachs von Umweltpolitik: "Ökologie war nie ein bedeutendes Thema für Russlands Menschen und schon gar nicht für die nationale Politik. Dies könnte sich bald ändern. Die hohen Todeszahlen und lang anhaltenden Folgen der Brandkatastrophe haben Umweltschutz an die Spitze der politischen Tagesordnung gehievt. Politiker könnten nun erkennen, dass die Profite der Holzindustrie, die für viele Brände verantwortlich gemacht werden muss, die enormen begangenen Umweltschäden nicht aufwiegen können."

Die liberale Novaya Gazeta beschreibt die Distanz zwischen Volk und Regierung: "Die Brände haben noch mal das demonstriert, was den meisten Russen ohnehin schon intuitiv bewusst war. Die russische Führung und die russische Bevölkerung existieren in zwei getrennten Realitäten. In der einen Realität geschieht Brandbekämpfung kamerawirksam mit hochmodernen Maschinen, haben alle Feuerwehrleute die neueste Ausrüstung und werden keine Kosten und Mühen gescheut, um das Land zu schützen. In der anderen Realität laufen alte Menschen und Kinder panisch mit Eimern durch qualmende Straßen, auf der Suche nach Wasser um ihre Habseligkeiten zu retten."

Das populäre Anti-Putin-Blog La Russophobe analyisert die Machtverteilung im Kreml: "In dieser extremen Krisensituation ist deutlich geworden, dass Präsident Dmitrij Medwedjew nicht der Herr seiner Domäne ist, er nicht einmal die Autorität besitzt, selbst zu entscheiden, ob er 2012 zur Wiederwahl antritt oder nicht. Mal wieder hat sich seine Präsidentschaft als schamloser Schwindel entpuppt, den man seiner umnachteten Bevölkerung überstülpt."



 

 
Leser-Kommentare
    • Yroc
    • 12.08.2010 um 16:08 Uhr

    zu Deutschland. Oder jeder anderen Regierung auf der Welt, oder?

  1. Die Differenz liegt im Volk und seinem unbedingten Autoritätsglauben. In der Autoritätsvorstellung des einfachen russischen Menschen in den russischen Weiten besteht kaum ein Unterschied zwischen Väterchen Zar, Väterchen Stalin oder Väterchen Putin im unendlich fernen Moskau. "Unser Väterchen wird's schon machen."

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    In westlichen Demokratien geschieht das ganze etwas subtiler.
    Wie Huxley schon 1949 schrieb, braucht der moderne Staat keine Zwang, weil er die Menschen dazu bringt ihre Unterdrückung zu lieben.

    In westlichen Demokratien geschieht das ganze etwas subtiler.
    Wie Huxley schon 1949 schrieb, braucht der moderne Staat keine Zwang, weil er die Menschen dazu bringt ihre Unterdrückung zu lieben.

  2. ...und der Unterschied liegt nur geringfügig am Volk selber. Ich denke da an die Gerichte - Rechtssprechung allgeimein - Pressefreiheit ...
    -Naja, wenn man so vergleicht, Putin und Medwedjev; dazu die deutsche Ausgabe Merkel und Guido ... doch, schlimm wäre es erst wenn Schröder, der GazProm-Mann ... ja ja, irgendwie sind die Unterschiede doch nicht so groß.

  3. In westlichen Demokratien geschieht das ganze etwas subtiler.
    Wie Huxley schon 1949 schrieb, braucht der moderne Staat keine Zwang, weil er die Menschen dazu bringt ihre Unterdrückung zu lieben.

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    ja darum gehen wir auch freiwillig zum Mac Donold, weil wir das schlechte Essen lieben und wir kaufen bei Ikea weil wir ... was Menschen lieben die Unterdrückung ... Huxley war wohl nicht gut gelaunt als er das schrieb?
    Menschen lieben keine Unterdrückung, sie erdulden sie.

    ja darum gehen wir auch freiwillig zum Mac Donold, weil wir das schlechte Essen lieben und wir kaufen bei Ikea weil wir ... was Menschen lieben die Unterdrückung ... Huxley war wohl nicht gut gelaunt als er das schrieb?
    Menschen lieben keine Unterdrückung, sie erdulden sie.

  4. ja darum gehen wir auch freiwillig zum Mac Donold, weil wir das schlechte Essen lieben und wir kaufen bei Ikea weil wir ... was Menschen lieben die Unterdrückung ... Huxley war wohl nicht gut gelaunt als er das schrieb?
    Menschen lieben keine Unterdrückung, sie erdulden sie.

    Antwort auf "Kleiner Unterschied"
  5. hoffe das war nur als scherz gemeint aber ich möchte nicht mit der russischen Bevölkerung tauschen wollen ... das sind schon noch Welten zwischen unserer Regierung und derer ...

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    Natürlich gibt es in der Praxis noch erhebliche Unterschiede. Die Bevölkerung wird auf relativ hohem Niveau ruhig gestellt;Brot und Spiele und so...

    Russland hinkt in dieser Richtung sicherlich um einiges zurück und hat uns damit auch einiges voraus.
    Nicht nur in Sachen Netzneutralität (man beachte die entsprechenden Artikel auf dieser Seite) ist die Entwicklung rückwärts gewandt. Auch soziale Errungenschaften müssen zunehmend der Prämisse des wirtschaftlichen Nutzens weichen, nicht nur im Bereich der Bildung.

    Muss natürlich alles nicht so kommen, wäre aber denkbar.

    Natürlich gibt es in der Praxis noch erhebliche Unterschiede. Die Bevölkerung wird auf relativ hohem Niveau ruhig gestellt;Brot und Spiele und so...

    Russland hinkt in dieser Richtung sicherlich um einiges zurück und hat uns damit auch einiges voraus.
    Nicht nur in Sachen Netzneutralität (man beachte die entsprechenden Artikel auf dieser Seite) ist die Entwicklung rückwärts gewandt. Auch soziale Errungenschaften müssen zunehmend der Prämisse des wirtschaftlichen Nutzens weichen, nicht nur im Bereich der Bildung.

    Muss natürlich alles nicht so kommen, wäre aber denkbar.

  6. Das sehe ich etwas anders, oftmals wird etwas außerhalb der vorgegeben "Leitplanken" doch schon gar nicht mehr in Erwägung gezogen.

    Vielen gilt das größte erreichbare Glück eine Anstellung zur finanziellen Sicherung des Lebensunterhaltes und ansonsten eine kleine Mietwohnung. Mehr wagt man gar nicht mehr vom Leben zu verlangen.

    Erdulden setzt immer auch ein darunter Leiden voraus, das wiederum erfordert eine denkbare Alternative. Diese ist vielen Menschen in ihren Augen nicht gegeben.

  7. Natürlich gibt es in der Praxis noch erhebliche Unterschiede. Die Bevölkerung wird auf relativ hohem Niveau ruhig gestellt;Brot und Spiele und so...

    Russland hinkt in dieser Richtung sicherlich um einiges zurück und hat uns damit auch einiges voraus.
    Nicht nur in Sachen Netzneutralität (man beachte die entsprechenden Artikel auf dieser Seite) ist die Entwicklung rückwärts gewandt. Auch soziale Errungenschaften müssen zunehmend der Prämisse des wirtschaftlichen Nutzens weichen, nicht nur im Bereich der Bildung.

    Muss natürlich alles nicht so kommen, wäre aber denkbar.

    Antwort auf "kleine unterschiede ?"

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