Die beiden Journalisten Arndt Ginzel und Thomas Datt (r.) © Jan Zappner

Freunde haben Thomas Datt und Arndt Ginzel zur Urteilsverkündung zwei Kakteen mitgebracht. "Pressefreiheit. Stachlig bleiben", steht auf den Blumentöpfen. Und um nichts Geringeres geht es hier im Amtsgericht Dresden nach Ansicht vieler Kollegen: um die Pressefreiheit.

Die beiden freiberuflichen Journalisten Datt und Ginzel hatten vor drei Jahren zum sogenannten Sachsensumpf recherchiert. Sie berichteten über das Leipziger Minderjährigen-Bordell Jasmin, in dem Anfang der neunziger Jahre sogar eine Dreizehnjährige anschaffen musste. Sie schrieben über hochrangige Richter, die dort Gerüchten zufolge als Freier verkehrt haben sollten. Und sie recherchierten einen unglaublichen Verdacht: War womöglich auch jener Richter Kunde im Bordell, der den Zuhälter später zu einer vergleichsweise milden Haftstrafe verurteilt hatte?

Die Vorwürfe gegen die Richter bestätigten sich nicht, der Staatsanwalt stellte die Ermittlungen ein. Dies hinterfragten Datt und Ginzel in einem Artikel auf ZEIT ONLINE .

Seit April mussten sich die beiden wegen dieser Veröffentlichung und einem Artikel im Spiegel vor dem Dresdner Amtsgericht verantworten. In seinem heutigen Urteil stellte Richter Hermann Hepp-Schwab ihre Recherchen zwar nicht prinzipiell infrage, sprach die beiden Journalisten aber trotzdem wegen übler Nachrede schuldig. Jeder soll 2500 Euro Strafe zahlen – für eine Frage.

"Es ist absurd", sagt Thomas Datt. "Wir werden das Urteil anfechten. Das Gericht hat entlastende Belege missachtet und die Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichts ignoriert."

In Ihrem Artikel auf ZEIT ONLINE hatten die beiden Autoren am 28. Juni 2008 die Ermittlungen der Dresdner Staatsanwaltschaft zum sogenannten Sachsensumpf kritisiert. Diese hatte sich zuvor darauf festgelegt, dass an sämtlichen Vorwürfen nichts dran sei. "Je tiefer wir graben, um so mehr heiße Luft kommt heraus, die völlig unbescholtene Bürger verbrennt – darunter auch untadelige Mitarbeiter der Justiz", ließ der zuständige Ermittler damals wissen. In ihrem Text führten Datt und Ginzel aber Indizien an, warum hochrangige Richter – entgegen der Annahme der Staatsanwaltschaft – sehr wohl Kunden im "Jasmin" hätten gewesen sein können.

In einem Text-Abschnitt geht es um zwei Polizisten, die bereits im Jahr 2000 ehemalige "Jasmin"-Prostituierte nach ihren Freiern befragt hatten. Eine der Frauen sagt heute, sie habe schon damals einen Mann, eben einen dieser Richter, wiedererkannt. Allerdings findet sich weder das ihr angeblich vorgelegte Bild des Richters noch ein entsprechender Vermerk in den Ermittlungsakten. Datt und Ginzel fragten also in ihrem ZEIT-ONLINE-Text: "Ermittelten die Polizisten möglicherweise illegal oder verdeckt gegen N.? Gerieten sie unter Druck, weil der einflussreiche Richter Dienstaufsichtsbeschwerde gegen sie erhob?"

An der ersten Frage hatte der Dresdner Richter Hepp-Schwab nichts auszusetzen. Es gibt mittlerweile Hinweise, sie mit Ja zu beantworten. Die zweite Frage aber war dem Richter zu viel. "Es handelt sich um eine ehrabschneidende Tatsachenbehauptung gegenüber den beiden Polizisten", sagte er heute in seinem Urteil. "Der Satz ist ganz klar keine offen gestellte Frage."