Waldbrände Russland fliegt Kinder aus
Moskau litt unter Smog – und der Bürgermeister weilte im Urlaub. Die Opposition bemängelt das Krisenmanagement, und das Volk erhebt schwere Vorwürfe gegen die Regierung.
© Natalia Kolesnikova / Getty

Die Moskowiter sind über jede Erfrischung dankbar. Nur eine kleine Minderheit kann es sich leisten, die Stadt auf längere Zeit zu verlassen.
Die russischen Atomanlagen sind durch die Waldbrände noch immer in Gefahr. Laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax kamen während Löscharbeiten an der Atom-Forschungsanlage von Sarow ein 22-jähriger und ein 27-jähriger Soldat ums Leben. Auch den Bewohnern in der Nähe der Atomanlage von Sneschinsk im Ural und der Wiederaufbereitungsanlage Majak in der Region Tscheljabinsk bereiten die nahen Brände Sorgen.
Das Katastrophenschutzministerium berichtete, in den vergangen 24 Stunden seien 247 neue Brände ausgebrochen. 238 bestehende Feuer seien gelöscht. An 557 Orten brennt es weiterhin. Nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP schwindet allmählich die Kohlenmonoxidkonzentration in Moskaus Luft. Deren Wert war vor wenigen Tagen noch sechsmal so hoch wie erlaubt. Mittlerweile ist er auf das 1,4-Fache gesunken. Aber auch das ist noch insbesondere für Kinder und Alte ausgesprochen gesundheitsschädlich.
Wie die bulgarische Nachrichtenagentur novonite meldet, haben sich daher Bulgariens Ministerpräsident Bojko Borissow und Russlands Premier Wladimir Putin geeinigt, etwa 10.000 Kinder und circa 1600 ältere Erwachsene nach Bulgarien auszufliegen. Viele lungenkranke Kinder sollen dort in Ferienlagern der russischen Pioniere am Schwarzen Meer unterkommen.
Russlands Premier hat am selben Tag den Bürgermeister von Moskau, Juri Lushkow, zu sich bestellt. Während des Treffens warf Lushkow den Verwaltungen im Moskauer Umland vor, sie hätten es versäumt, Maßnahmen zur Brandverhütung umzusetzen. "Unsere Gesellschaft stellt sich die Frage, ob die Brände in diesem Umfang ausschließlich natürlich verursacht wurden. Wir werden Gremien schaffen müssen, die dieser Frage nachgehen."
Oppositionelle kritisieren das Krisenmanagement der Regierung. In einer Pressemitteilung äußerte Sergej Udalzow, der Führer der Oppositionsbewegung Linke Front: "Man hätte längst klimatisierte Stätten wie Sporthallen, Kinos und Einkaufszentren öffentlich machen müssen, um den Bewohnern ein wenig Erholung zu bieten. Nichts dergleichen ist geschehen." Auch Udalzow kritisiert das Krisenmanagement des Moskauer Bürgermeisters. "Während Lushkow in den Urlaub reiste, ließ er seine Beamten vorgaukeln, man habe die Situation unter Kontrolle. Dabei sind Leichenhallen und Friedhöfe schon lange überlastet." Zurzeit sterben in Moskau etwa doppelt so viele Menschen wie im Durchschnitt.
- Datum 11.08.2010 - 18:47 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







...lasse die Moskauer leiden, steht in der Ankündigung dieses Artikels. Gleich daneben ist wieder von Rauch die Rede.
Wenigstens in unserer Wortwahl sollten wir doch Qualm vermeiden.
"Smog", eine Art Hybridwort, ein britischer Wortwitz, der Bastard aus smoke und fog (Rauch und Nebel) war ursprûnglich eine Londoner Spezialität. Aber wirklich in Moskau?
Auch andere Autoren sollten sich das hinter den Spiegel stecken: Wenn (frei nach Karl Kraus) ein Wort nicht mehr englisch ist, ist es davon noch nicht deutsch, und umgekehrt.
Zwei Journalisten im Moskauer Fernsehen äußerten vor ein paar Monaten ihre kritische Meinungen bezüglich der einzigartig langjährigen Regierung von Bürgermeister Luschkow.
Einer sagte: man muss ihm helfen.Der andere verstand zuerst nicht: müssen wir ihm helfen noch doppelt so lange an der Macht bleiben?
Nein, antwortete der erste, es muss ihm beim
Gehen geholfen sein, beim Gehen.
Angesichts des Urlaubs des Bürgermeisters während der tödlichen Hitzewelle wäre es ziemlich ratsam
unsere, oft ihr Leben opfernde Landsleute an diesen Ratschlag zu erinnern.
in der Tat so dramatisch sind wie uns berichtet wird, dann finde ich es sehr merkwürdig, das nicht mehr Hilfe angeboten wird.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren