Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley ist tot. Sie starb nach schwerer Krankheit am Samstagmorgen, wie die Robert-Havemann-Gesellschaft mitteilte, deren Beiratsmitglied sie war. Bohley wurde 65 Jahre alt. Die gebürtige Berlinerin gehörte im September 1989 zu den Gründern der Bürgerbewegung Neues Forum. Bohley wurde bald zu einer wichtigen Stimme der DDR-Opposition und wurde mehrfach inhaftiert.

Bohley hatte an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studiert und arbeitete in Ost-Berlin als freischaffende Malerin. 1983 wurde sie erstmals wegen "landesverräterischer Nachrichtenübermittlung" verhaftet.
Für das SED-Regime um Erich Honecker galt die streitbare Künstlerin als kaum ruhig zu stellender Störfaktor. Deswegen wurde sie 1988 abgeschoben. Nach sechs Monaten erzwang sie ihre Rückkehr in die DDR und gründete 1989 das Neue Forum mit.

Vor genau 20 Jahren, im September 1990, besetzte Bärbel Bohley zusammen mit anderen Aktivisten das Stasiakten-Archiv in der Berliner Normannenstraße. Sie forderten die Herausgabe ihrer persönlichen Akten. So erzwangen die damaligen Protestler letztendlich die später gesetzlich geregelte Einsicht in die Stasiakten.

Nach dem Mauerfall organisierte die Künstlerin in den 1990er Jahren in ihrer Berliner Wohnung "Montagsrunden", um zu verhindern, dass alte DDR-Seilschaften wieder mächtig werden. 1990 wurde sie als Abgeordnete des Neuen Forums in die Ost-Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt. Enttäuscht reagierte sie auf die Tatsache, dass das Neue Forum schnell an Bedeutung verlor.

Schlagzeilen machte die Bürgerrechtlerin auch nach der Wende immer wieder. Als im Februar 1992 Stasi-Vorwürfe gegen Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) laut wurden, übernahm Bohley die Rolle der Anklägerin. Sie warf Stolpe vor, er habe sich zu sehr auf das DDR-Regime eingelassen. Dem damaligen PDS- Gruppenchef im Bundestag, Gregor Gysi, warf Bohley 1993 vor, ein Stasi-Spitzel gewesen zu sein . Beide bestreiten die Vorwürfe.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat Bärbel Bohley als "eine der bedeutenden Stimmen der Freiheit" gewürdigt. Die Kanzlerin äußerte sich "zutiefst betroffen" über den Tod der DDR- Bürgerrechtlerin. "Unerschrocken ist sie ihren Weg gegangen. Für viele, auch für mich, waren ihr Mut und ihre Gradlinigkeit beispielhaft", erklärte die Kanzlerin in Berlin. Sie sprach den Angehörigen ihr Mitgefühl aus: "Wir Deutsche sind Bärbel Bohley zu Dank verpflichtet."

Die Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, Marianne Birthler, nannte Bohley eine "mutige und streitbare Vorkämpferin der Freiheitsrevolution in der DDR".

Die Grünen haben die Verstorbene als "eine große Freiheitskämpferin, eine große Deutsche" gewürdigt. "Sie wird uns immer in Erinnerung bleiben als eine, die beharrlich für Freiheit kämpfte, als das noch mit wirklichen Gefahren verbunden war und wirklichen Mut erforderte", erklärten die Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Jürgen Trittin am Samstag in Berlin. Die von Bohley mitgegründete DDR-Oppositionsbewegung Neues Forum war zunächst im Bündnis 90 und mit diesem später in den Grünen aufgegangen.

Für ihre Verdienste um die friedliche Revolution in der DDR erhielt Bohley das Bundesverdienstkreuz und den Nationalpreis.

Mitte der 90er Jahre zog es sie auf den Balkan, wo sie sich im zerfallenden Jugoslawien engagierte. In Kroatien bauten Bohley und Freunde ein Ferienheim für Kriegskinder. In Bosnien half ihr Verein "Seestern" Flüchtlingsfamilien beim Wiederaufbau und versorgte Notleidende mit lebenswichtigen Zisternen. Die Mittel stammten teils aus privaten Quellen. Bis zum Ausbruch ihrer Krebserkrankung lebte Bohley in der Nähe von Split in Kroatien. Im Frühjahr 2008 kehrte sie zur Behandlung nach Berlin zurück.