Am zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht Mannheim sagt der ARD-Wettermoderator nicht viel. Nach der Verlesung der Anklageschrift mit dem mittlerweile öffentlich sattsam bekannten Vergewaltigungsvorwurf teilt Jörg Kachelmann bloß seinen Namen, sein Alter und seine Adresse mit. Im Übrigen macht er von dem – jedem Angeklagten zustehenden – Recht Gebrauch, zu schweigen.

Allerdings hat Kachelmann sich Ende März 2010, wenige Tage nach seiner Festnahme, bereits gegenüber einem Ermittlungsrichter geäußert und die Behauptungen der ihn belastenden ehemaligen Geliebten bestritten. Das Protokoll dieser Aussage wird nun vom Gericht vorgetragen.

Der Angeklagte schilderte hier dem Richter den angeblichen Tatabend aus seiner Sicht: Ein ganz normaler Abend, wie er ihn häufig in der Wohnung der Gelegenheitsgeliebten verbracht habe – so normal, dass er nicht mehr sagen kann, was es zu essen gab, ob er die Küche betreten hat, und ob die Frau ihre Monatsregel hatte. Kachelmann weiß bloß noch, dass die Beziehung mit der Freundin an diesem Abend nach heftigen Vorwürfen ihrerseits zu Ende ging – aber auch dieser Trennungsakt kommt in Kachelmanns Schilderung farblos, undramatisch, fast gleichgültig daher.

Dann spricht der Verteidiger. Reinhard Birkenstock, der Rechtsanwalt Kachelmanns, fasst die aktuelle Gutachtenlage zusammen und die sieht nicht gut aus für Staatsanwaltschaft und Nebenklage: Eine Bremer Aussagepsychologin hält in ihrer Expertise die Vergewaltigungsschilderung der Opferzeugin für so dürftig und unplausibel, dass sich damit eine tatsächlich stattgefundene Vergewaltigung nicht beweisen lässt.

Vor wenigen Tagen neu hinzugekommen ist das Gutachten des Sachverständigen Hans-Ludwig Kröber, der Professor für forensische Psychiatrie an der Berliner Charité ist. Kröber hat die Nebenklägerin im Auftrag des Landgerichts Mannheim auf ihre Aussagetüchtigkeit hin untersucht, dabei sollte er sein Augenmerk insbesondere darauf richten, ob die Opferzeugin – wie von deren Traumatherapeuten behauptet – durch die Vergewaltigungshandlungen des Angeklagten Kachelmann in einem Maße schockiert und traumatisiert worden sein könnte, dass ihre Aussagetüchtigkeit darunter gelitten hat und es ihr nun nicht mehr gelingt, den schrecklichen Vorgang in aller Deutlichkeit zu erinnern.

Was Reinhard Birkenstock nun aus dem Kröber-Gutachten zitiert, lässt vermuten, dass dieser Sachverständige die Zunft der Traumatologen bestenfalls für eine Glaubensgemeinschaft hält. Wer eine existenziell bedrohliche Lage erlebt habe, schreibt Kröber, der schalte seine Wahrnehmung doch keineswegs ab – im Gegenteil: "Es findet eine Fokussierung auf das Kerngeschehen statt." Dieses Kerngeschehen werde "nahezu eingebrannt ins Gedächtnis" und werde auch noch nach Jahrzehnten "prägnant erinnert". Dieses Phänomen habe die Wissenschaft zum Beispiel bei KZ-Überlebenden beobachtet, denen mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Internierung noch jede Verästelung des Schreckens gegenwärtig sei.

Bei der Nebenklägerin, der Kröber durchaus einige "manipulative Potenz" zuerkennt, hat der Kriminalpsychiater allerdings kein Trauma gefunden. Auch keine Löschung von Erinnerungen an den Tatablauf und auch keine schamvolle innere Hemmung, vom erzwungenen Geschlechtsverkehr zu berichten – "wohl aber eine normalpsychologisch nachvollziehbare emotionale Labilität, insbesondere durch Kränkungen, die ihr Jörg Kachelmann zugefügt habe".

Vor allem aber entlarvt der Sachverständige in seinem Gutachten das zutiefst Unseriöse der Argumentation des die Nebenklägerin behandelnden Traumatologen. Der hatte bei seiner Patientin erst eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert, um dann von der eigenen Diagnose darauf zu schließen, dass es die behauptete Vergewaltigung wirklich gegeben habe.

Birkenstock zitiert eine Passage aus dem Gutachten des Sachverständigen Kröber, in der dieser ironisch bedauert, dass ein Umkehrschluss vom auffälligen Verhalten eines Patienten auf ein Verbrechen leider nicht möglich sei: "Psychotraumatologen könnten der Kriminalpolizei und den Gerichten sehr viel Arbeit abnehmen, wenn sie beweiskräftig aus den Beschwerden von Opfern den Tatablauf rekonstruieren könnten."

Für die Mannheimer Staatsanwaltschaft, die Kachelmann in den vergangenen Monaten engagiert verfolgt hatte, bleibt nun die Frage, wie sie dem Angeklagten angesichts dieser Gutachten eine Tat noch nachweisen will.