Sie kämpfte und lächelte, stritt und gluckste. Am Ende hat ihre Kraft nicht gereicht. Nicht mal ihre.

Bärbel Bohley ist am Samstagmorgen gestorben , die bekannteste Ostdeutsche nach Angela Merkel. Oder besser gesagt: vor Angela Merkel. Denn ohne Bärbel Bohley, diese starke kleine Kämpferin aus Berlin, wäre heute Deutschland nicht wieder ein ganzes Land, sondern immer noch zwei halbe. Und Angela Merkel nicht Bundeskanzlerin der ehemaligen BRD, die in diesen Tagen 20 Jahre deutsche Einheit feiern kann. Bärbel Bohley hat mit den Hunderttausenden, die auf den Straßen erst "Wir sind das Volk" riefen und dann "Wir sind ein Volk", den Staat abgeschafft, der sich Deutsche Demokratische Republik nannte. Jenes Land, das weder demokratisch war noch eine Republik. Und doch Heimat war von 16 Millionen.

Sie wurde in Berlin geboren, 1945 zweieinhalb Wochen nach dem Ende des Krieges. Die Stadt war zerbombt und vernarbt, und mitten im Aufbau wurden in Berlins Mitte schon neue Wunden geschlagen von der Weltpolitik. Ihre Kindheit verbrachte Bohley in der Trümmerlandschaft um den Reichstag. Die Menschen holzten den Tiergarten ab, weil es nichts mehr zum Heizen gab. Und Bärbel Bohleys Vater, ein Konstrukteur, fing als Lehrer neu an, die Mutter hielt den Haushalt am Leben. Schon beim Aufstand der Ost-Berliner Arbeiter am 17. Juni 1953, der von sowjetischen Panzern niedergerollt wurde, spürte die Familie die große Politik: Bärbel Bohleys Vater wurde arbeitslos, weil er sich weigerte, in die Staatspartei SED einzutreten. Die Tochter suchte sich schnell ein Feld, auf dem sie sich anders ausdrücken konnte. Und anders, das hieß: selbst einen Ausdruck zu finden. Sie wollte kreativ sein, studierte an der Kunsthochschule Weißensee, wurde Malerin. Leben konnte sie davon zunächst nicht: Sie verkaufte bemalte Ton-Eierbecher – in der jungen DDR eine von vielen Mangelwaren.

Aber es war nicht der Mangel an Materialien, der Bohley schnell schmerzte, es war der Mangel an Freiheit, der sie immer öfter ausbrechen ließ. Sie schloss sich der auch östlich der Mauer entstehenden Friedensbewegung an – und wenn sie sich anschloss, dann hieß das: Bärbel Bohley ging vorneweg. 1982 gründete sie mit ihrer Freundin Katja Havemann, der Witwe des bekanntesten DDR-Dissidenten Robert Havemann, die Gruppe "Frauen für den Frieden". Eine von vielen kleinen Revolutionen, ohne die eine große nie möglich gewesen wäre.

Katja Havemann und andere Freundinnen haben Bärbel Bohley bis zuletzt gepflegt. Bis zum sonnigen Samstag, an dem sie zu atmen aufhörte. Gegen den Lungenkrebs konnten sie nichts ausrichten, die starken Frauen.

Ihr größter Moment war ein Moment der Macht. Sie lag auf der Straße, und Bärbel Bohley hob sie auf, für einen Moment. Am 4. November 1989 standen eine Million Menschen auf dem Alexanderplatz , um ihre Rede zu hören. Die DDR, gerade 40 Jahre alt und tatterig geworden wie ihr Anführer Erich Honecker, sah sich der größten Opposition überhaupt gegenüber: dem eigenen Volk, das mal nicht auf Befehl demonstrierte , sondern ganz freiwillig und mit eigener Fantasie. Für Reformen, ganz grundlegende. Und Bärbel Bohley sah, wie Markus Wolf, ein Vertreter der alten Stasi-Macht, zitterte. Da sagte sie zu ihren Mitstreitern: "So, jetzt können wir gehen, jetzt ist alles gelaufen. Die Revolution ist unumkehrbar."