ZEIT ONLINE: Herr Welzer, hat Sie die Debatte um Thilo Sarrazin überrascht?


Welzer: Mich hat die Freundlichkeit verwundert, mit der diese Thesenfabrik aufgenommen wurde. Und ich finde es erstaunlich, dass daraus tatsächlich eine Migrationsdebatte entstanden ist.

ZEIT ONLINE: Was ist daran verwunderlich?

Welzer: Dieses Buch hat einen klar rassistischen Kern. Allein der Titel "Deutschland schafft sich ab" zeigt ein biologistisches Nationenverständnis. Da geht’s wirklich ums Blut. Deutschland schafft sich doch nicht ab, selbst wenn hier nur noch ein Prozent Deutsche leben würden. Was würde denn ein Amerikaner dazu sagen? Amerika schafft sich ab, weil es zu viele Latinos gibt? Ist das Ruhrgebiet verschwunden, weil da lauter Polen eingewandert sind?

ZEIT ONLINE: Vermutlich nicht.

Welzer: Eben. Ich verstehe einfach nicht, warum der rassistische Kern des Buches so schnell aus der Debatte verschwunden ist. Jetzt wird nur noch über die Skandalisierten gesprochen, in diesem Fall die Muslime. Der eigentliche Skandal, zum Beispiel, dass ein renommierter Verlag nur des Marktes wegen ein im Kern rassistisches Buch veröffentlicht, wird vergessen.

ZEIT ONLINE: In Deutschland teilen einige Ihre Haltung. Allerdings hieß es über Sarrazin auch: Endlich sagt das mal jemand.



Welzer: Dass man Applaus bekommt, wenn man eine solche Meinung artikuliert, ist bedenklich, und man muss sich damit beschäftigen. Der Fall Sarrazin aber ist kein harmloser "Tabubruch". Spätestens als das jüdische Gen ins Spiel kam, war das Buch für mich nicht mehr diskutabel.  Man kann gerne über Migration oder fehlgeleitete Integrationspolitik diskutieren, sollte man auch, aber nicht anhand dieses Akteurs und dieses Buches. Das ist so, als diskutiere man plötzlich mit Holocaustleugnern oder Klimaskeptikern.



ZEIT ONLINE: Viele Menschen werden jetzt sagen: Jetzt kommt auch noch der Wissenschaftler Welzer und will eine Debatte ersticken, die wir gerne führen wollen.

Welzer: Wer wäre ich denn, dass ich das könnte? Jeder hat seine Meinung in dieser und anderen Debatten tausendfach äußern können, keiner wurde deshalb belangt. Auch Thilo Sarrazin kann sagen, was er will – nebenbei verkauft er damit eine Menge Bücher. Dass die Bundesbank sich von ihm trennt,  ist völlig in Ordnung. Eine Institution, die unter anderem von öffentlicher Reputation lebt, muss keinen Rassisten in seinem Vorstand dulden. Was laufend erstickt wird, sind die Versuche, selbst zu denken. Es gibt eine starke Tendenz zu vorgestanzten Redeformaten, an denen die 68er mit ihrer Rechthaberhetorik sicherlich nicht unschuldig sind. Man darf ein paar Dinge einfach nicht denken. Wenn sich diese Korrektheitsoberfläche an der Wirklichkeit bricht –  also am Lehrer etwa, der aus einer Problemschule mit hohem Migrantenanteil erzählt – dann entsteht so etwas wie ein verengter Raum des Sagbaren. Das ist durchaus ein Problem. Das Blöde ist nur, die Menschen empfinden diese Erstickung oft an der falschen Stelle.


ZEIT ONLINE: Warum ist Sarrazin der falsche Anlass?

Welzer: Gegenfrage: Warum entlädt sich die Wut ausgerechnet beim Migrationsthema und ausgerechnet bei Sarrazin? Warum nicht beim Klimawandel oder in der Atompolitik oder am Afghanistankrieg, an anderen echten Problemen?

ZEIT ONLINE: Weil die Menschen offenbar über Migration reden wollen.

Welzer: Wenn wir schon über Migration diskutieren, warum nicht anhand  dieses Buches von Kirsten Heisig, das ein ganz anderes Niveau hat und dem auch eine ganz andere Empirie zugrunde liegt? Das wäre ein substanzieller Diskussionsanlass. Jetzt erleben wir die einfachste Variante: Da werden die ganzen Bilder aufgerufen von den Kopftuch tragenden Mädchen. Und dann nickt jeder und sagt, das bestell ich mir mal bei Amazon. Vorurteilsbedienung. Mehr ist das doch nicht. Das ist keine politische Auseinandersetzung im eigentlichen Sinne.


ZEIT ONLINE: Womöglich war Sarrazin nur der Auslöser für ein Gefühl, dass viel tiefer liegt. Es gibt viele, die sagen: Das ist auch eine  Abrechnung mit dem politischen Betrieb, den so viele verachten.

Welzer: Kann sein. Man merkt das an diesem Tabubruch-Denken, diesem "man wird das doch wohl noch sagen dürfen". Was mich daran stört, ist Folgendes: Die 90 Prozent, die für Sarrazins Thesen sind, haben ja sonst kein Bedürfnis, sich zu artikulieren. Hier spricht nicht das bürgerliche, politische Subjekt oder der demokratische Idealbürger, der für das eintritt, was er denkt.



ZEIT ONLINE: Beklagen sich die Bürger nicht zu Recht, dass die Politik und Medien sich zu weit entfernt haben?

Welzer: Die Entfernung ist maximal groß. Man könnte sogar sagen, dass eine politische Öffentlichkeit nicht mehr existiert. Also ein gesellschaftlicher Raum, in dem erwogen, gestritten, protestiert und kritisiert wird. Auf der einen Seite gibt es diese Politikerpolitik, die für sich in Anspruch nimmt, in Allmacht zu entscheiden. Auf der anderen Seite steht der Rest der Bürger, der, wenn’s hochkommt, Anne Will guckt und vor dem Fernseher schimpft. Dieser Rest findet in keiner Weise eine öffentliche Artikulation.