Völkermord : Ein Holocaust-Leugner will nach Treblinka

Mehr als 800.000 Juden starben im Vernichtungslager Treblinka. Der rechtsextreme Hobby-Historiker David Irving will dort hinreisen, die polnischen Behörden sind ratlos.
Holocaust-Leugner und Hobby-Historiker: David Irving © Roland Schlager/Getty Images

Die Wut raubt Artur Hofman fast die Sprache. "Das ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer", empört sich der Theaterregisseur, der zugleich Vorsitzender des jüdischen Kulturvereins in Polen ist. Wenn ein notorischer Holocaust-Leugner auf Bildungsreise ins ehemalige Vernichtungslager Treblinka tingeln dürfe, sei das "ein Skandal", urteilt Hofman. Resigniert fügt er hinzu: "Machen kann man da wohl nichts."

Den polnischen Behörden sind tatsächlich die Hände gebunden. Gegen David Irving liegt nichts vor, was die Justiz auf den Plan rufen könnte. 2006 hatte ein österreichisches Gericht den zwielichtigen britischen Publizisten wegen der Leugnung von Nazi-Verbrechen zu drei Jahren Haft verurteilt. Der Autor von mehreren Dutzend Büchern über den Zweiten Weltkrieg hatte wiederholt behauptet, die Polen hätten die Gaskammern in Auschwitz erst nach der Befreiung des Lagers errichtet. Hitler persönlich habe vom Völkermord an den Juden nichts gewusst. Nach Verbüßung einer Teilstrafe schob die Wiener Justiz Irving nach Großbritannien ab. Der 72-Jährige darf wieder ungehindert reisen.

Diese Freiheit will Irving in der kommenden Woche zu einem "Bildungsurlaub" der finsteren Art nutzen. Über sein US-Management bietet er allen "echten Geschichtsfreaks die Reise Ihres Leben" an, wie es im Prospekt des Veranstalters heißt. Irving werde die Touristen zu den "legendären NS-Sehenswürdigkeiten des Zweiten Weltkriegs führen". Auf dem Programm stehen ein Rundgang durch das ehemalige jüdische Getto in Warschau, ein Abstecher zum Hitler-Hauptquartier "Wolfsschanze" sowie ein Besuch in Treblinka. In dem Vernichtungslager im Nordosten des heutigen Polen ermordeten die Nazis 1942/43 mehr als 800.000 Juden. Der Leiter der dortigen Gedenkstätte, Edward Kopowka, hat von Irvings Plänen "noch nichts gehört". Aber man könne das Museum seinetwegen ja nicht schließen.

Das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz dagegen will Irving nicht ansteuern. Gegenüber der britischen Daily Mail konterte er kritische Fragen nach seiner geplanten "Nazi-Reise" mit dem Vorwurf, die Polen seien es doch, die Auschwitz in "eine Touristenattraktion im Disneyland-Stil" umfunktioniert hätten. "Das ist nichts als eine Gelddruckmaschine." Die Leitung der Gedenkstätte wollte sich auf Anfrage "nicht dazu herablassen, die Worte und Taten dieses Menschen zu kommentieren". Irving, so fügte Museumssprecher Bartosz Bartyzel dann doch noch an, gehe es einzig und allein um den Skandal. "Er will Aufmerksamkeit um jeden Preis."

Irving und der Veranstalter bestreiten das. Er freue sich über das große Interesse, sagte der Publizist gegenüber ZEIT ONLINE. "Aber", fügte seine Managerin Jaenelle Antas hinzu, "dies ist eine private Fahrt, keine öffentliche Vorführung". Nach Angaben der Daily Mail war die Reise schnell ausgebucht. Wer die Touristen sind, die pro Person 1200 Euro für die Tour berappen, war nicht zu erfahren. Die polnische Anti-Rassismus-Organisation "Nie wieder" behauptet, die Gruppe werde sich "hauptsächlich aus Holocaust-Leugnern aus Großbritannien, anderen europäischen Ländern und den USA zusammensetzen". Belege dafür blieben die Irving-Gegner schuldig.

Der Vorsitzende von "Nie wieder", Marcin Kornak, appellierte an die Regierungen in Warschau und London, diese "schändliche Reise, die das Andenken der KZ-Opfer verunglimpft, zu unterbinden". Polnische Kriegsveteranen bezeichneten Irvings Pläne als "ekelhaft". Den Briten, der sich mittlerweile im US-Sonnenstaat Florida niedergelassen hat, lässt die Kritik an seinem Besuch kalt. Seine Bücher verkauften sich in Polen ausgezeichnet, sagte Irving der Daily Mail und fügte hinzu: "Es gibt dort eine morbide Faszination an der Endlösungsideologie der Nazis."

Das offizielle Polen reagiert peinlich berührt auf Fragen zur Irving-Reise. Außenamtssprecher Rafael Sobczak wollte "diese Privatangelegenheit" auf Anfrage nicht kommentieren. Im Übrigen bitte er "zu bedenken, dass die von Herrn Irving vertretenen Thesen von allen bedeutenden wissenschaftlichen Institutionen verworfen worden sind".

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Kommentare

104 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

bitte keine Hysterie

Vorab: Ich halte von Irving und seinen Thesen nix, bin weder rechtsradikal noch Holcaust-Leugner.

Und genau deshalb denke ich, dass man die Kirche im Dorf lassen sollte. Warum ihm eine Plattform geben ? Wer versucht, ihn an der Reise zu hindern, macht ihn sogar noch zu einem Märtyrer. Wir alle sollten mit Andersdenkenden (selbst solchen Irren wie Irving) gelassen umgehen - gelassen und sachorientiert. Was will man denn mehr machen? Jede hysterische Äußerung gibt ihm Recht und macht ihn in den Augen "Anfälliger" nur interessanter.

Und zu guter Letzt gilt für jeden, der das Recht auf Meinungsäußerung Ernst nimmt: "I disagree of what you say, but will fight zu the deaht your right to say it." Von dieser Regel sollte man nicht leichtfertig abrücken, sondern nur nach reiflicher Überlegung.

Denkfehler

@DerKosmopolit: Selbst wenn der Regierung Treblinka "gehören" würde, bezeugt dies erst recht, dass die Gedenkstätte prinzipiell ein öffentlicher Raum ist, aus dem man Herrn Irving nebst Mitreisenden leider Gottes nicht ohne jede Handhabe ausschließen kann.

Warum soll sich Herr Irving nicht in der Gedenkstätte über die Fakten informieren, die er ohne eigene Anschaaung ja wohl nicht verstehen kann und will? Wenn ihn dies von seinen leugnerischen Ansichten abbringen würde, wäre das doch regelrecht zu begrüßen, obwohl ich nicht daran glaube.