Während der Recherchen sind die Autoren auf einige Verdachtsfälle gestoßen, bei denen eine rechte Tatmotivation zwar naheliegt, aber die Belege für eine Einordnung als politisches Tötungsverbrechen nicht ausreichen. Teilweise fehlen Informationen über den genauen Tatablauf, die Täter konnten nicht ermittelt werden oder Tatverdächtige mussten aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden. Hier bitten wir um Ihre Mithilfe. Falls Sie zu einem unserer Verdachtsfälle Informationen haben oder von einem bislang unbekannten Tötungsdelikt wissen, bei dem es Anhaltspunkte für ein rechtes Gewaltverbrechen gibt, schicken Sie eine Mail an rechtegewalt@zeit.de. Wir werden versuchen, den Hinweisen nachzugehen.

Die Autoren zum Projekt "Todesopfer rechter Gewalt"

Am 1. Juni 1991 wird der 43-jährige Gerhard Sch. am Leipziger Hauptbahnhof (Sachsen) von zwei Neonazis verprügelt und aus der Straßenbahnlinie 17 gestoßen. Zuvor hatten die beiden Männer mit Springerstiefeln und einem T-Shirt mit Reichsadler andere Fahrgäste angepöbelt und angerempelt. Als Gerhard Sch. daraufhin das Verhalten lautstark als "unglaublich, diese Nazis" bezeichnet, beginnen die beiden Naziskins, ihn zu treten und zu schlagen. Dann werfen sie Gerhard Sch. aus der fahrenden Straßenbahn. Wenige Tage später stirbt der 43-Jährige an seinen schweren Verletzungen. In der anschließenden Berichterstattung der Leipziger Volkszeitung heißt es, der Täter sei als "stark tätowierter Skinhead" beschrieben, identifiziert und zur Fahndung ausgeschrieben worden. Auf eine parlamentarische Anfrage im Jahr 2014 antwortet die Sächsische Landesregierung, der Fall sei ihr unbekannt.

Ingo Ludwig – 5. Januar 1992

In der Nacht zum 5. Januar 1992 stirbt der 18-jährige Ingo Ludwig in Klein-Mutz bei Gransee (Brandenburg). Im Polizeibericht heißt es: "Am vergangenen Sonntag kam es in Klein-Mutz in der Gaststätte 'Wolfshöhle' zu einer Auseinandersetzung, die tödlich endete. Der 18-jährige Ingo L. aus Grüneberg trug Verletzungen im Gesicht, am Hals und am Körper davon. Der zu Hilfe gerufene Arzt stellte gegen 1.20 Uhr den Tod fest. Als Ingo L. am Boden lag, versetzte Oliver Z. ihm mehrere Fußtritte. Er trug sogenannte 'Doggs', Schuhe mit Eisenspitzen." In der Antwort auf eine Bundestagsanfrage 1994 wird das Geschehen ganz anders dargestellt: "Nach Auskunft der Landesbehörde für Verfassungsschutz Brandenburg ist der Tod nicht auf die gewalttätigen Angriffe der Jugendlichen zurückzuführen." Ingo Ludwig sei betrunken die Treppe heruntergefallen und sei "von mehreren Jugendlichen, die der 'rechten' Szene zuzurechnen sind, zu einem Kraftfahrzeug gebracht. Als er die Jugendlichen beschimpfte, schlugen diese auf ihn ein. Im Krankenhaus verstarb er dann. Der Tod ist eindeutig auf Verletzungen zurückzuführen, die er sich beim Treppensturz zugezogen hatte." Im Jahr 2013 beschreibt die Journalistin Manja Präkels als Augenzeugin die Situation in der "Wolfshöhle" in einem Artikel für die Wochenzeitung Jungle World: "In der Nacht zum 5. Januar 1992 kamen sie im Dutzend, fielen mit Baseballschlägern bewaffnet in die Disko ein. (...) Wenn man die drei flachen Stufen der Dorfkneipe vor Augen hat und die Pogromstimmung jener Jahre in den Knochen, zerfällt die Geschichte von der hilfsbereiten Horde Skins." Als das Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam im Auftrag des Brandenburger Innenministeriums von 2013 bis 2015 rund zwei Dutzend Verdachtsfälle rechtsmotivierter Gewalt näher untersuchte, zählte dieser Fall nicht dazu – eine Untersuchung war nicht mehr möglich, weil die Ermittlungsakten aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen in Jugendstrafsachen zwischenzeitlich vernichtet worden waren.

Peter Konrad – 25. April 1992

Am 25. April 1992 wird beim "Baumblütenfest" in Werder an der Havel (Brandenburg) Peter Konrad (31), damals Mitglied der Brandenburger Motorradgruppe "MC Roadrunner" brutal zusammengeschlagen und zu Tode getreten. Antifaschistische Initiativen und der Verein Opferperspektive vermuten, dass Peter Konrad wegen seiner langen Haare von Mitgliedern der rechtsextremen Hooligan-Gruppe "Wannseefront" und Naziskins angegriffen wurde. Der Haupttäter wurde im Juli 1993 vom Landgericht zu vier Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt.

Grigore Velcu und Eudache Calderar – 29. Juni 1992

In den frühen Morgenstunden des 29. Juni 1992 werden in einem Wintergerstenfeld bei Nadrensee (Mecklenburg-Vorpommern) Grigore Velcu und Eudache Calderar durch Jäger erschossen. Die beiden rumänischen Roma hatten gemeinsam mit einer circa 25-köpfigen Gruppe die nahe gelegene deutsch-polnische Grenze illegal überquert und sich bei Tagesanbruch in dem Feld versteckt. Die Jäger geben hinterher an, sie hätten die beiden Männer mit Wildschweinen verwechselt und im Morgenlicht aus knapp 70 Metern Entfernung auf "zwei oder drei Silhouetten" bzw. "schwarze Gestalten" geschossen.

Sie werden im Oktober 1999 in erster Instanz vom Amtsgericht Pasewalk vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Der Prozess hatte sich verzögert, weil ein Gutachten fehlte, das die Herkunft des tödlichen Geschosses einem der beiden Gewehre zuordnen sollte. Im Januar 2002 verwirft das Landgericht Stralsund in zweiter Instanz die Berufung der Staatsanwaltschaft und bestätigt den Freispruch. Das Gericht stellt dabei fest, die Jäger hätten sich nach den Schüssen vom Ort des Geschehens entfernt, ohne direkt zu prüfen, wen oder was sie getroffen hätten, da sich nach den Schüssen eine 25-köpfige Gruppe aus dem Feld erhoben hätte. Die Menschen hätten zwar durch Rufen und Gesten zu erkennen gegeben, dass sie sich "ergeben" würden. Die Jäger hingegen seien jedoch aus Angst vor den gestikulierenden Leuten weggefahren. Einer der Jäger behauptete vor Gericht, er sei später alleine an den Ort zurückgekehrt und habe das Feld vom PKW aus abgesucht, dabei aber nichts entdeckt. Erntehelfer fanden dann in den Mittagsstunden die beiden Roma, nachdem das Feld aus ungeklärten Ursachen in Flammen aufgegangen war. Im Prozess werden die illegalen Grenzgänger, die die tödlichen Schüsse miterlebt hatten, nicht als Zeugen gehört. Die Familien der Getöteten können ihr Recht auf Nebenklage nicht wahrnehmen, weil sie nicht über den Prozessbeginn informiert werden.

Der Regisseur Philipp Scheffner hat in seinem Film Revision den Fall durch die Befragung von Zeugen neu aufgerollt, die vor Gericht nicht gehört worden waren. So hatte beispielsweise ein ärztlicher Gutachter im Obduktionsbericht festgestellt, dass Eudache Calderar noch längere Zeit, nachdem er von einem Geschoss im Kopf getroffen worden war, gelebt habe. Von einer bestätigenden Zeugenaussage eines der nach den tödlichen Schüssen abgeschobenen Rumänen hatte der Gutachter nichts gewusst.

Bruno Kappi – 15. Dezember 1992

Aus "Abneigung gegen Behinderte" und "ungezügelter Aggressionslust", so die Staatsanwaltschaft, überfallen zwei Naziskins am 15. Dezember 1992 in Siegen (Nordrhein-Westfalen) den stark sehbehinderten Bruno Kappi. Nach einer "Skinhead-Fete" in der Wohnung einer der beiden Angreifer fahren sie in den frühen Morgenstunden auf der Suche nach "Fun" mit einigen Kumpanen zum Einkaufszentrum Weidenau. Kurz nach fünf Uhr morgens treffen sie auf Bruno Kappi, der auf dem Weg zu seinem Job als Lagerarbeiter bei der Bundeswehr ist. Die Naziskins drängen ihn in einen dunklen Kaufhauseingang und schlagen "aufgrund ihrer rechtsextremen Denkweise" – so das Landgericht Siegen im Urteil – dann auf Kappi ein. Auch als ihr Opfer schon am Boden liegt, treten die Angreifer mit ihren Springerstiefeln weiter auf Kopf, Hals und Oberkörper ein. Der 55-Jährige stirbt noch am Tatort, die Liste der ihm zugefügten Verletzungen füllt im Urteil eine halbe DIN A4-Seite. Einer der Tatverdächtigen brüstet sich hinterher, man habe "einen Alten umgeknockt", das sei "geil" gewesen. Weil Zeugen ihre polizeilichen Aussagen teilweise widerrufen und sich in Widersprüche verstricken, kann das Gericht die Täterschaft im Fall Bruno Kappi jedoch nicht zweifelsfrei klären und spricht die angeklagten 16- und 20-jährigen Naziskins von der Mordanklage frei. Wegen anderer Raubüberfälle erhält einer der Angeklagten eine dreijährige Jugendstrafe.

Ali Bayram – 18. Februar 1994

Am Abend des 18. Februar 1994 wird der fünffache Familienvater Ali Bayram vor den Augen seiner damals zwölfjährigen Tochter von einem 29-jährigen Nachbarn in der Tür seiner Wohnung in Darmstadt (Hessen) erschossen. Das Mädchen wird mit einem Schuss aus der 9-Millimeter-Pistole am Oberarm verletzt. Als Motiv gibt der Täter an, er habe sich durch den Lärm der über ihm wohnenden türkischen Nachbarn belästigt gefühlt. Im Prozess berichtete die Ehefrau des Getöteten, der Mann habe schon Monate vor der Tat gedroht "Ihr Scheiß Türken, geht in euer Land zurück. Ich bring' euch noch um." Gegenüber einem psychiatrischen Gutachter hatte der Mann in der Untersuchungshaft erklärt, er habe "ein Bedürfnis gehabt, denen zu zeigen, dass sie sich nicht alles erlauben können." Das Landgericht Darmstadt verurteilte ihn im Februar 1995 wegen Totschlags zu neun Jahren Haft, verneinte aber sowohl eine rassistische Motivation als auch eine Planung für die tödlichen Schüsse.

Piotr Kania – 6. November 1994

Am 6. November 1994 gerät der 18-jährige Piotr Kania am Bahnhof Rotenburg/Fulda (Hessen) in eine Auseinandersetzung mit fünf Bundeswehrrekruten. Nach Zeugenaussagen war einer der Rekruten durch Bomberjacke, Springerstiefel sowie ein T-Shirt mit der altdeutschen Aufschrift "Hools Deutschland" als Rechter erkennbar. Kania bezeichnet ihn deshalb als "Nazischwein" und verfolgt ihn bis zum Bahnhofsvorplatz. Dort dreht sich der 19-jährige Rekrut aus Halle/ Saale plötzlich um und rammt dem Sohn polnischer Migranten einen Stoßdolch ins Herz. Einen herbeieilenden Freund von Kania sticht der 19-Jährige in den Brustbereich. Anschließend flüchtet er gemeinsam mit den anderen Soldaten in einem Taxi in die Kaserne. Dort wird in seinem Spind rechtsextremes Propagandamaterial gefunden, zudem wird bekannt, dass gegen den 19-Jährigen wegen "schweren Landfriedensbruchs" im Zusammenhang mit den rassistischen Krawallen in Rostock-Lichtenhagen im Sommer 1992 ermittelt wurde. Gegenüber der Polizei erklärt der 19-Jährige, er habe in Notwehr gehandelt; eine Version, der sich die Staatsanwaltschaft Kassel anschließt. Sie stellt im Februar 1995 die strafrechtlichen Ermittlungen gegen den Rekruten ein.

Michael Gäbler – 20. November 1994

Der 18-jährige Michael Gäbler wird in den frühen Morgenstunden des 20. November 1994 nach einer Techno-Party im offenen Jugendhaus "Rosa" in Zittau (Sachsen) von einem 17-Jährigen erstochen. Über den Tatablauf gibt es widersprüchliche Angaben. Besucher des Jugendhauses erklären, dem späteren Angreifer sei wegen "rechter Sprüche" während der Party Hausverbot erteilt worden. Michael Gäbler und ein Begleiter hätten vor dem Jugendhaus weiter mit dem 17-Jährigen darüber gestritten, warum er sich damit brüste, er sei "Nationalist". Als sich Gäblers Begleiter von der verbalen Auseinandersetzung abwendet, zieht der 17-Jährige unvermittelt ein Messer und sticht Michael Gäbler ins Herz und in die Leber. Im Juni 1995 befindet die Jugendkammer am Landgericht Görlitz, der 17-Jährige habe in "Notwehr" gehandelt, da er "zu Unrecht und mit Prügeln" aus dem Jugendhaus verwiesen worden sei. Zwar befand das Gericht, Michael Gäbler sei unbewaffnet gewesen und hätte H. nicht geschlagen. Dennoch sei der Einsatz des Messers als "Verteidigungsmittel" gerechtfertigt gewesen, so der Vorsitzende Richter. Der Prozess endet mit einem Freispruch für den 17-Jährigen.

Gerhard Helmut B. – 17. Dezember 1995

Der 19-jährige Gerhard Helmut B. wird am 17. Dezember 1995 in Leipzig-Großzschocher (Sachsen) von den drei gleichaltrigen Jugendlichen ermordet. Täter und Opfer hatten sich in einem Jugendwohnprojekt in Rheinland-Pfalz kennengelernt, die drei jungen Männer zwingen Gerhard Helmut B. dazu, sie zu Straftaten nach Leipzig zu begleiten. Als der 19-Jährige sich mit einer Anzeige wehrt, bestraft ihn das Trio dafür mit tödlichen Misshandlungen und wirft ihm zudem seine Homosexualität vor. Die Leiche von Gerhard Helmut B. wird erst vier Monate später, im April 1996, entdeckt. Die Staatsanwaltschaft Leipzig wirft den Tätern im Frühjahr 1996 Mord an einem Homosexuellen vor. Das Landgericht Leipzig verurteilt das Trio zu Jugendhaftstrafen zwischen dreieinhalb und acht Jahren.

Horst K. – 30. Dezember 1995

Am Abend des 30. Dezember 1995 verbrennt der 43-jährige Horst K. in einer Straßenbahn der Linie 15 in Leipzig-Grünau (Sachsen). Der 20-jährige Steffen S. und der 19-jährige Marlon S. stoßen beim Einsteigen in die Straßenbahn auf das schlafende Opfer, das sie für einen Obdachlosen halten. Marlon S. fordert daraufhin seinen Begleiter auf "Zünde ihn einfach mal an", und Steffen S. hält das Feuerzeug an die Jacke des Opfers, die sofort zu brennen beginnt. Während die beiden jungen Männer den Waggon wechseln und von dort aus zusehen, wie Horst K. verbrennt, ziehen andere Fahrgäste die Notbremse. Für Horst K. kommt jede Rettung zu spät. 40 Prozent seiner Körperoberfläche sind schwer verbrannt. Horst K. stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. In der Verhandlung am Landgericht Leipzig bezeichnet Steffen S. den Anblick des brennenden 43-Jährigen als "cool".Steffen S. wird wegen Mordes zu achteinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt, Marlon S. erhält eine einjährige Bewährungsstrafe wegen unterlassener Hilfeleistung. Im Prozess wird Hass auf Obdachlose als Motiv mit dem Argument ausgeschlossen, die Täter hätten spontan gehandelt.

Zehn Asylbewerber – 18. Januar 1996

Bei einem Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in der Lübecker Hafenstraße sterben in der Nacht zum 18.Januar 1996 zehn Asylbewerber: Maiamba Bunga (27) und ihre Tochter Nsuzana (7) aus Angola, Françoise Makodila (32) und ihre Kinder Christine (17), Miya (14), Christelle (8), Legrand (5) und Jean-Daniel (3) aus Zaire (heute Demokratische Republik Kongo), Sylvio Amoussou (27) aus Benin und Rabia El Omari (17) aus dem Libanon. 39 weitere Flüchtlinge werden verletzt. Unter den Schaulustigen fallen Polizisten drei junge Männer aus Grevesmühlen (Mecklenburg-Vorpommern) auf, die Beamten nehmen Personalien auf. Das Trio kann gehen. Doch noch am selben Tag werden die Männer und ein Freund festgenommen. Bei drei von ihnen sind Haare, Wimpern und Augenbrauen versengt. Ein Gutachter stellt fest, die Brandspuren seien nicht älter als 24 Stunden. Außerdem gibt es zumindest bei einem Verdächtigen, Maik W., von Freunden "Klein Adolf" genannt, Hinweise auf eine braune Gesinnung. Dennoch kommen die Männer rasch frei – die Polizei geht davon aus, dass sie bei Ausbruch des Feuers nicht am Tatort waren. Als Verdächtiger gilt dann der 20-jährige Libanese Safwan E., der mit seiner Familie den Flammen entkam. Doch das Landgericht Lübeck spricht ihn in zwei Prozessen frei. 1998 gesteht Maik W. die Tat und belastet seine Kumpane, zieht dann aber seine Äußerungen zurück. Die Staatsanwaltschaft Lübeck stellt 1999 das Verfahren gegen die vier Männer aus Grevesmühlen ein. Lübecks ehemaliger Bürgermeister Michael Bouteiller fordert jetzt, angesichts der Erfahrungen aus dem Versagen der Ermittler bei der NSU-Mordserie müssten auch die Ermittlungen in Lübeck neu aufgerollt werden.

Fred Blank – 26. März 2001

In den frühen Morgenstunden des 26. März 2001 stirbt der 51-jährige Fred Blank in Grimmen (Mecklenburg-Vorpommern) an Gehirnblutungen. Der alkoholkranke Frührentner war in seiner Wohnung von zwei jungen Männern der rechten Szene mit Stuhlbeinen, Faustschlägen und Tritten traktiert worden, weil er sich weigerte, den ihm flüchtig bekannten Angreifern Geld zu geben. Die Staatsanwaltschaft Stralsund geht davon aus, dass die jungen Männer im Alter von 17 und 21 Jahren auf "Sauftour" waren und sich dafür mehr Geld beschaffen wollten. Fred Blank sei ein "leichtes Opfer" gewesen. Einen rechten Hintergrund schließen Polizei und Staatsanwaltschaft aus. Der ältere der beiden Angreifer ist wegen Körperverletzung und Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen vorbestraft. Die Staatsanwaltschaft sieht aber kein "ideologisches Fundament". Im November 2001 verurteilt das Landgericht Stralsund die beiden Männer, die vor Fred Blank noch einen weiteren Mann angegriffen hatten, der sich aber wehren konnte, wegen versuchter Erpressung und Totschlags zu Haftstrafen zwischen vier und sieben Jahren.

Arthur Lampel – 9. September 2001

Bei einem Fest in Bräunlingen (Baden) wirft am 9. September 2001 ein Skinhead dem 18-jährigen Arthur Lampel bei einer Auseinandersetzung zwischen Festbesuchern ein Weizenbierglas an den Kopf. Ein Splitter dringt in die Halsschlagader ein. Lampel verblutet. Der Täter mit dem Spitznamen "der Knochen" gilt nach Recherchen der Regionalzeitung Südkurier als Wortführer einer rechten Clique. Das Opfer war ein aus Russland stammender Aussiedler. Polizei und Staatsanwaltschaft ist bekannt, dass Aussiedler von Rechtsextremisten häufig als "Russen" diffamiert werden. Fremdenfeindlichkeit sei nicht der Hintergrund für Artur Lampels Tod, befindet das Landgericht Konstanz. Ein Motiv kann die Kammer im Prozessverlauf nicht feststellen. Der vorbestrafte Skinhead wird zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Ingo B. – 5. November 2001

Am 5. November 2001 prügeln und würgen drei Rechtsextremisten in Berlin den herzkranken Ingo B. (36). Am Tag danach erleidet er einen Infarkt und stirbt. Die Angreifer wollten angeblich Schulden in Höhe von 40 Mark eintreiben. Das Landgericht Berlin verhängt Freiheitsstrafen zwischen dreieinhalb und sechseinhalb Jahren. Zu Gunsten der Angeklagten meint die Kammer, sie hätten sich "über die Folgen ihres Handelns keine Gedanken gemacht". Die rechte Gesinnung bleibt nebensächlich – obwohl einer der Angreifer auch wegen einer weiteren, einschlägigen Tat verurteilt wird. Der Neonazi hatte Anfang 2001 einen Jugendlichen gefragt, ob er Ausländer sei und dann zugetreten.

Klaus Dieter Lehmann – 15. Mai 2002

Der Behinderte Klaus Dieter Lehmann wird am 15. Mai 2002 in Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern) von zwei Skinheads gequält. Lehmann stirbt an den Folgen gezielter Stiefeltritte ins Gesicht. "Es sah so aus, als wäre mit dem Kopf Fußball gespielt worden", sagt die Staatsanwaltschaft. Das Landgericht Neubrandenburg verurteilt einen Täter wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu sechs Jahren und neun Monaten. Der zweite Skin, der auch einen Jugendlichen mit einem Schuss aus einer Schreckschusspistole verletzt hat, erhält wegen gefährlicher Körperverletzung dreieinhalb Jahre. Laut Gericht war Lehmanns Behinderung kein Anlass für die Tat, das Opfer habe "normal" gewirkt.

Günter T. – 20. April 2003

Im Jugendclub "Giftmische Stauchitz" bei Riesa (Sachsen) wird der stark betrunkene Günter T. in der Nacht vom 20. April 2003 während einer Feier über zwei Stunden schwer misshandelt. Der 35-Jährige kommt aus dem Nachbardorf, ist als arbeitslos und alkoholkrank bekannt. Der ehemalige Stahlarbeiter stirbt zwei Tage später an schweren Hirnverletzungen. Nach längeren Ermittlungen klagt die Staatsanwaltschaft Dresden vier Männer im Alter von 29 bis 36 Jahren wegen Totschlags an. Ihnen wird vorgeworfen, den bewusstlosen, völlig wehrlosen Mann unter anderem nackt ausgezogen, mit Wasser übergossen und den Mund zugehalten zu haben. Bei einem 31-jährigen Angeklagten hatten die Ermittler rechtsextremes Propagandamaterial gefunden. Das Landgericht Dresden kritisiert bei Prozessende nicht alleine die Angeklagten, sondern das gesamte Dorf Stauchitz habe dem Tod von Günter T. keinerlei Bedeutung zugemessen. Zeugen seien eingeschüchtert worden und insgesamt habe die Haltung vorgeherrscht, "es sei ja nur ein Trinker gewesen". Die Vorsitzende Richterin Birgit Wiegand weiter: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Egal, ob er trinkt oder arm ist." Da ein Gutachter nicht mit Sicherheit ausschließen kann, dass das Opfer bereits vor den Misshandlungen schwere Kopfverletzungen erlitten hatte, werden die Angeklagten lediglich wegen Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung zu Bewährungsstrafen zwischen sechs Monaten und zwei Jahren verurteilt. 

Petros C. und Stefanos C. – 6. Dezember 2003

Zwei griechische Wanderarbeiter, der 22-jährige Petros C. und der 23-jährige Stefanos C. sterben in den frühen Morgenstunden des 6. Dezember 2003 durch Rauchvergiftung im Dachgeschoss eines überwiegend von Migranten bewohnten und gewerblich genutzten Gebäudekomplexes in Kandel (Rheinland-Pfalz). Das Feuer war im Eingangsbereich des Hauses gelegt worden. Ein türkisches Lokal im Erdgeschoss brennt vollständig aus. Als Tatverdächtigen ermittelt die Polizei einen 22-Jährigen aus Kandel, der bis zum Brandzeitpunkt in der Tatnacht mit mehreren, ihm gut bekannten Rechtsextremisten des "Nationalen Widerstands Kandel" exzessiv getrunken hatte. Das Landgericht Landau verurteilt im November 2008 den 22-Jährigen wegen "vorsätzlichen Vollrausches" unter Einbeziehung von dessen Vorstrafen zu drei Jahren und neun Monaten Haft. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der zum Tatzeitpunkt völlig betrunkene Mann das Feuer im Eingangsbereich des Hauses gelegt hatte. Das Gericht kann ein Motiv für die Tat nicht feststellen. Die Frage der Kammer und Prozessbeobachter, ob der 22-Jährige sich "im Sinne einer Aufnahmeprüfung in die Reihen des Nationalen Widerstands Kandel" habe beweisen wollen, bleibt offen.

44-Jähriger – 1. Juli 2005

Am 1. Juli 2005 wird am Rheinischen Platz in Essen ein 44-Jähriger Mann von zwei Skinheads zusammengeschlagen. Zwei Tage später wird er tot in seinem Zimmer in einem Männerwohnheim gefunden. Die Obduktion stellt "stumpfe Gewalt" gegen seinen Kopf als Todesursache fest. Die beiden Angreifer sind der Polizei bestens bekannt. "Ihrem äußeren Erscheinungsbild nach – Springerstiefel, Glatzen, Bomberjacke – sind sie der Skinheadszene zuzuordnen", so die Behörden. Sowohl der 17-Jährige als auch der 15-Jährige sind drei Dutzend Male polizeilich aufgefallen, vor allem durch Gewalt- und Vermögensdelikte. Straftaten mit politischem Hintergrund seien jedoch nicht bekannt. Im nicht-öffentlichen Prozess um den Tod des 44-Jährigen wirft die Staatsanwaltschaft Essen den beiden Brüdern Körperverletzung mit Todesfolge vor. Das Amtsgericht Essen weigert sich mit Verweis auf das angewendete Jugendstrafrecht Auskunft zu geben, wann, mit welcher Begründung und zu welcher Strafe die Täter verurteilt wurden.

Holger Urbaniak – 7. Oktober 2007

Der 49-jährige Obdachlose Holger Urbaniak liegt am 7. Oktober 2007 in Frankfurt (Oder) tot in einem Teich im Lennépark. Zwei Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren haben Urbaniak geprügelt, eine Flasche auf seinem Kopf zerschlagen, ihm 20 Euro geraubt und ihn ertränkt. In der Anklageschrift hält die Staatsanwaltschaft den Tätern einen "grundsätzlichen" und "auf Gesinnung basierenden Hass" auf Obdachlose und Alkoholkranke vor. Das Landgericht Frankfurt (Oder) bestätigt dies im Urteil nicht. Weitere Details werden nicht bekannt, die Kammer hat die Öffentlichkeit wegen des Alters der Angeklagten vom Prozess ausgeschlossen. Das Gericht verurteilt die Täter wegen Mordes, schwerem Raub und gefährlicher Körperverletzung zu je acht Jahren Jugendstrafe.

Sven M. – 14. Mai 2010

Der 27-jährige Sven M. wird in der Nacht zum 14. Mai 2010 in einem illegalen Nazi-Klub in Hemer (Nordrhein-Westfalen) erstochen. Er hatte selbst Verbindungen zur rechten Szene und war Wochen zuvor aus der Kneipe geworfen und später brutal verprügelt worden. An dem Abend wollte er offenbar klären, wer ihn angegriffen und bedroht hatte. Nach den Ermittlungen der Polizei rammt der Bar-Besitzer, Alexander U., dem Opfer ein Messer bis zur Wirbelsäule in den Hals und versucht den Leichnam anschließend mit Hilfe von drei weiteren Männern in einem Waldstück bei Westig zu verscharren. Für das Tötungsdelikt habe der politische Hintergrund keine Rolle gespielt, betonte der Staatsanwalt noch während der Ermittlungen. "Wir vermögen eine ernsthafte politische Gesinnung nicht zu erkennen." Vielmehr habe allein der Alkohol die Klubmitglieder vereint. Ein Aussteiger berichtet jedoch, dass in dem Lokal "reichlich Drittes Reich" mit Hakenkreuzfahnen und Stahlhelmen vorhanden war. Es habe Versammlungen und eine Klubkasse gegeben. Zudem seien die Mitglieder von dem Haus aus häufig zu Treffen der rechtsextremen Szene gefahren. Der Prozess gegen den wegen Gewaltdelikten mehrfach vorbestraften Alexander U. wird voraussichtlich im Herbst 2010 beginnen.
 

Burak Bektas – 5. April 2012

In der Nacht zum 5. April 2012 wird in Berlin-Neukölln der aus einer türkischen Familie stammende Burak Bektas (22) erschossen. Der Täter richtet seine Handfeuerwaffe plötzlich und ohne erkennbaren Anlass auf Bektas und vier Freunde. Die jungen Männer, alle mit Migrationshintergrund, stehen an einer Straße nahe dem Krankenhaus Neukölln zusammen. Getroffen werden auch Markus Jamal A. und Alexander A. Nach den Schüssen verschwindet der Täter. Die Überlebenden können ihn nur vage beschreiben. Der Mann soll 40 bis 60 Jahre alt sein und trug eine zweifarbige Jacke. Die Polizei schließt einen rassistischen Hintergrund nicht aus.

Andrea B. – 27. Oktober 2012

Es ist ein grausamer Fund. Spaziergänger entdecken im Oktober 2012 am Maschsee in Hannover die zerstückelte Leiche der 44-jährigen Andrea B. Die drogenabhängige Frau starb durch einen Messerstich ins Herz. Wenige Wochen später ermittelt die Mordkommission den rechtsextremen Musiker Alexander K. als Tatverdächtigen. Da ist K. bereits wegen anderer Delikte inhaftiert. Unter dem Pseudonym "Sash JM" produzierte der 24-Jährige "Rechtsrap". In seinen Liedern baute er Fragmente aus Songs des rechtsextremen Liedermachers Frank Rennicke ein. In einem anderen Stück besingt er den norwegischen Massenmörder Anders Breivik als "Star für Oslo" und kündigt an, selbst "über Leichen" zu gehen. Auf der Brust soll K. eine Hakenkreuz-Tätowierung tragen. Auf seiner Website waren Links zu neonazistischen Gruppen zu finden. Die Staatsanwaltschaft bescheinigt K. eine "Affinität zu rechtem Gedankengut und Gewaltfantasien". Er soll sein Opfer am 27. Oktober erstochen und die zerteilte Leiche in den See geworfen haben. Inzwischen prüft die Mordkommission, ob Alexander K. auch für ein zweites Tötungsdelikt verantwortlich ist. Im Januar 2010 wurde die ebenfalls drogenabhängige Monika P. unter ähnlichen Umständen getötet. Auch ihre Leiche wurde in der Nähe des Maschsees unter einer Brücke in einem Müllsack gefunden. Die Anklage gegen den Rapper wird für den Sommer 2013 erwartet.