Angst vor der Cholera in Haiti: Kranke warten am Sonntag, 24. Oktober 2010, auf die Behandlung im St. Nicolas Krankenhaus nördlich von Porte-au-Prince © Thony Belizaire/AFP/Getty Images

In Haiti wächst die Angst vor der Ausbreitung der Cholera auf das ganze Land. Nach Angaben der Vereinten Nationen starben schon mehr als 250 Menschen an der Durchfallerkrankung, etwa 3000 haben sich bereits angesteckt. Anfangs war die Epidemie auf eine Region nördlich der Hauptstadt Port-au-Prince um den Fluss Artibonite beschränkt. Am Sonntag aber bestätigten die UN auch fünf Cholera-Fälle in der Hauptstadt. Andere Quellen berichten zudem von drei Toten.

Die Cholera-Toten in Port-au-Prince kamen nach Informationen von Hilfsorganisationen aus dem zuerst betroffenen Gebiet. "Es besteht zumindest die Chance", sagt deshalb Helga Kuhn, Sprecherin beim Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef, "dass das isolierte Fälle waren und die Cholera in Port-au-Prince nicht ausbricht." Allerdings ist das angesichts von einer Million Menschen in Flüchtlingslagern wohl nur ein frommer Wunsch. "Sonst wäre das die befürchtete Katastrophe nach der Katastrophe."

Um genau die zu vermeiden – und eine Panik, wie sie in der betroffenen Region herrscht, wo die Menschen aus Angst die völlig überfüllten Krankenhäuser stürmen – gilt für alle Hilfsorganisationen eine neue Priorität: Hygiene-Aufklärung heißt inzwischen die wichtigste Maßnahme, neben dem verstärktem Einsatz von Wasserreinigungstabletten, der Verbesserung der hygienischen Verhältnisse und der Analyse von Wasserquellen. Die UN hat den Organisationen zu dem Zweck jeweils Untersuchungs- und Aufklärungsgebiete zugeteilt, berichtet Iris Manner von der Hilfsorganisation World Vision.

Die Stadt Saint-Marc liegt rund 100 Kilometer nördlich von Port-au-Prince (blaue Markierung, rot ist die Hauptstadt Port-au-Prince eingezeichnet)

Die Hilfsorganisationen befürchten aber, die Epidemie nicht eingrenzen zu können. Bei einem Treffen am Samstag waren sich die Experten vor Ort in ihrem Pessimismus recht einig, wie Lutz Hahn berichtet, der für World Vision in Haiti ist. "Man ist sich praktisch sicher, dass die Cholera auch in andere Gebiete des Landes kommt." Hahn reist seit einer Woche wieder durchs Land, am Sonntag war er auf dem Weg zurück in die Hauptstadt. Dringend müsse dort jetzt die Aufklärung anfangen, um eine Panik wie im Gebiet entlang des Artibonite, rund 100 Kilometer nördlich von Port-au-Prince, zu verhindern. "Die große Angst hier ist, dass in den Camps Panik ausbricht", sagt Hahn. Dabei sei Cholera doch ein Hygiene-Problem und eigentlich relativ leicht in den Griff zu bekommen – allerdings nur, wenn man dafür die Bedingungen schaffe.

In den etwa 1300 Camps rund um Port-au-Prince drängen sich seit dem schweren Erdbeben vor neun Monaten hunderttausende Menschen unter improvisierten Plastikplanen und in Zelten, wie Hilfsorganisationen berichten. "In den Camps herrschen ganz schlechte hygienische Bedingungen", berichtet Joost Butenop, medizinischer Berater bei der Caritas: Zu wenige Latrinen für die vielen nach dem Beben obdachlos gewordenen Menschen, kein adäquater Abfluss von Waschwasser und schlechte Drainagen, um die Abwässer abzuleiten. Es müsse nur auf die überfüllten Latrinen regnen, schon sei die Verbreitung von Bakterien so gut wie sicher.