Stuttgart 21 Kastanien gegen Roboter
Ist es die schwäbische Mentalität, die in Stuttgart sichtbar wird? Ist es nicht eher ein epischer Kampf? Der Schriftsteller Peter O. Chotjewitz über Gut und Böse.
Im Kia neben mir trommelten Finger auf dem Lenkrad. Ihr Blick war kalt und ausdruckslos wie eine Rasierklinge, die zu lange in der Sonne gelegen hat. Stau, mal wieder, im Tunnel zwischen Cannstadt und Neckartor, der meistfeinstaubbelasteten Zone des Globus. Von hinten Tatütata. Der Kia quetschte sich vor mich, um die Mittelspur für die motorisierte Kavallerie freizumachen. Dann preschten sie heran, erst Krads, eine Liegestützlimousine, dann ein Dutzend Wannen. Es war der Auftakt zum Tag X, 1. Oktober 2010, der Tag, an dem sie begannen, den Park platt zu machen. Er machte die Stuttgarter Innenstadt für die nächsten zwanzig Jahre zur unpassierbarsten Dauergroßbaustelle der EU.
Die Tochter neben mir sagte warmherzig wie ein polnischer Blumenkohl: "Versperr' ihnen den Weg, Pitti. Den Bullenterror kannst Du verhindern." Ich zog rechts rüber, das erste Krad schlingerte vorbei, das zweite musste anhalten. Dahinter die Nahkämpfer aus allen Bundesländern. Die Tochter jubelte. Terminatoren schleppten mich zu der Limousine. Das aasige Grinsen des Innenministers im Fond, dem die Heuschrecken im Nacken saßen. Wir kennen uns vom Sehen. "Lasst ihn laufen!" herrschelte er. "Nachher schreibt er noch, ich hätte die Kunstfreiheit in Frage gestellt." Dann düste er los, wir hinterher durch den Mittelweg, den er uns freischaufelte.
Der Schriftsteller und Übersetzer Peter O. Chotjewitz wurde 1934 in Berlin geboren. Er studierte Rechtswissenschaften in Frankfurt und München und war Wahlverteidiger unter anderem für Andreas Baader. Seine literarischen Werke wurden mit dem Georg-Mackensen-Preis und dem Literaturpreis der Stadt Stuttgart ausgezeichnet. Als Übersetzer widmete er sich dem Werk des italienischen Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Dario Fo. Chotjewitz lebt seit 1995 in Stuttgart. Zuletzt erschien sein Prosaband "Fast letzte Erzählungen" im Berliner Verbrecher-Verlag.
Die Demo, zu der wir rasten, ist inzwischen gut abgeschmockt, sodass ich mich auf das Wesentliche beschränken kann. Ich mag Demos, je größer, desto besser. Demos sind Rollenspiele. Die einen spielen Volk, das dem herrschenden Teil der Politikerklasse einen Vogel zeigt. Das Kapital lässt sich vertreten von Streitkräften, die wie Kampfroboter aussehen. Das macht die Befürworter von "Stuttgart 21" so lächerlich. Sie sind überflüssig. Entschieden wird nicht mit Worten, sondern mit Pfefferspray, Schlagstock und Wasserwerfer. Es regnet Kastanien auf die Roboter. Jetzt hält nicht mal mehr die Natur stille. Nebbich: Die Bühne ist ein Park, der bald eine Baustelle sein wird. Im Hintergrund geben der Bahnchef und der Aasige ein Ständchen: "Die Demonstranten haben angefangen."
Ein schriller kreischender Lärmpegel von 130 Dezibel (Düsentriebwerk, Gehörschäden), breitet sich im Talkessel aus und bricht sich an den Panzerglasfassaden der Halbhöhenlagen. Die Bäume wandern sofort in den Schredder. Bahnchef Grube will keinen Devotionalienhandel: Platanen zu Frühstücksbrettchen.
Es ist nicht wahr, dass die Stuttgarter genug Zeit hatten, sich zu dem babylonischen Anlageprojekt "Stuttgart 21" zu äußern. Man wusste, da ist was in den Tischvorlagen. Aber wie es aussehen würde, was es für das Leben in der Stadt bedeuten, was es kosten, wer sich daran einen goldenen Nabel verdienen würde, wurde verschwiegen. Das wurde erst in den letzten Monaten ruchbar. Warum wird in Stuttgart seit einem Jahr so gut und gerne demonstriert?
In Hamburg und Berlin fragt man sich, ob die Proteste eine Frage der schwäbischen Mentalität seien. Die Mutmaßung ist provinzialiter. Die hiesige Population braucht keine Expertise von Thilo Sarrazin, um zu begreifen, dass Mappus die Steigerung von Oettinger ist. Nein, plausibler ist da schon der Hinweis, dass in Stuttgart die Oma mit dem Enkel zur Demo geht, während die mittlere Generation sich über die zehn Minuten freut, die die Bundesbahn auf der Strecke Wendlingen-Ulm ab 2023 weniger Verspätung haben wird, vorausgesetzt, dass die bundeseinheitliche Verspätungsrate nicht dem Gesetz folgt, dass alles desto langsamer wird, je schneller es geht.
- Datum 04.10.2010 - 11:43 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 39
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Sehr schön geschrieben, ihre Bilder gefallen mir sehr gut :)
Insbesondere die Rülpser und Fürze der Demokratie, aber da hilft nur Nase zuhalten und OBEN bleiben ;-)
Unfassbar! Das ist schlicht und ergreifend gelogen:
"Es ist nicht wahr, dass die Stuttgarter genug Zeit hatten, sich zu dem babylonischen Anlageprojekt "Stuttgart 21" zu äußern. Man wusste, da ist was in den Tischvorlagen. Aber wie es aussehen würde, was es für das Leben in der Stadt bedeuten, was es kosten, wer sich daran einen goldenen Nabel verdienen würde, wurde verschwiegen. Das wurde erst in den letzten Monaten ruchbar. Warum wird in Stuttgart seit einem Jahr so gut und gerne demonstriert?"
Ich lebe nicht in Stuttgart, aber habe mir schon vor Jahren, als ich in Stuttgart beim Umsteigen etwas Zeit hatte, eine Ausstellung im Hbf angeguckt. Da wurden die Pläne in einem "Info-Center" oder wie das hieß ausgestellt.
Das lässt tief blicken, wie die Diskussion geführt wird.
Unfassbar! Das ist schlicht und ergreifend gelogen:
"Es ist nicht wahr, dass die Stuttgarter genug Zeit hatten, sich zu dem babylonischen Anlageprojekt "Stuttgart 21" zu äußern. Man wusste, da ist was in den Tischvorlagen. Aber wie es aussehen würde, was es für das Leben in der Stadt bedeuten, was es kosten, wer sich daran einen goldenen Nabel verdienen würde, wurde verschwiegen. Das wurde erst in den letzten Monaten ruchbar. Warum wird in Stuttgart seit einem Jahr so gut und gerne demonstriert?"
Ich lebe nicht in Stuttgart, aber habe mir schon vor Jahren, als ich in Stuttgart beim Umsteigen etwas Zeit hatte, eine Ausstellung im Hbf angeguckt. Da wurden die Pläne in einem "Info-Center" oder wie das hieß ausgestellt.
Das lässt tief blicken, wie die Diskussion geführt wird.
Es sind doch eben solche Artikel, für die man bei der Zeit vorbeisurft und kurz innehält.
...da gehe ich gleich die Printausgabe kaufen. Genial gut geschrieben.
...da gehe ich gleich die Printausgabe kaufen. Genial gut geschrieben.
Mappus ist die Steigerung von Oettinger - gut getroffen!
Denn während Oettinger noch darum bemüht war, wenigstens den Anschein der Demokratie zu wahren, lässt das plumpe und rechtswidrige Vorgehen von Mappus jedenfalls keinen Zweifel an der Gesinnung des - noch - amtierenden MP aufkommen.
Denn der Polizeieinsatz war aus mehrfachen Gründen rechtswidrig und NICHT demokratisch legitimiert:
1.
Die Gerichtsentscheidungen sind als gegenstandslos zu betrachten, weil den Richtern wesentliche Fakten nicht vorlagen, die erst nachträglich bekannt wurden.
2.
Mit Schreiben vom 30.09.2010 hat das Eisenbahnbundesamt Mappus VOR dem Polizeieinsatz informiert, dass aufgrund von Naturschutzfragen frühestens am 08.10.2010 mit den Baumfällarbeiten begonnen werden könne und zwar auch nur dann, wenn die schriftlichen Voraussetzungen des Naturschutzamtes bis dahin vorliegen.
3
Zudem hat das Bundesverfassungsgericht in einer Grundsatzentscheidung bereits 1995 festgestellt, dass Sitzblockaden keine Barrikaden und keine Nötigung sind (1 BvR 718/89).
Der Polizeieinsatz war rechtswidrig, das gewaltsame Vorgehen gegen die Bevölkerung Körperverletzung. Nach Internetberichten war eine 60jährige Demonstrantin verstorben, zahlreiche Bürger wurden schwer verletzt.
Das Verhalten von Mappus und Co. war zwar rechtswidrig. Und das weiss Mappus natürlich auch. In den vergangenen Jahren hat die Landesregierung die Justizbehörden jedoch mit linientreuen Personen besetzt, deshalb: Rechtsstaat war gestern.
Ein Sprecher des Eisenbahnbundesamtes nahm hierzu Stellung. Demnach waren drei Gutachter vor Ort, welche ihr Einverständnis für die Fällarbeiten gaben.
Diese Behauptung bezeichne ich als ERFUNDEN und ERLOGEN!
Durch meine längjährigen Erfahrungen mit Projekten auf Regierungsebene kann ich bestätigen, dass es solche Praktiken nicht gibt. Es wird, wie es im Chargon üblich ist, nach AKTENLAGE ENTSCHIEDEN und niemals auf Zuruf! Eine Entscheidung konnte also demnach nicht mit einer Ortsbesichtigung getroffen werden! Ein Bundesamt entscheidet AUSSCHLIESSLICH auf Vorlage von umfangreichen Berichten!
Hier wird versucht, den Rechtsbruch der beteiligten Staatsdiener zu vertuschen. Ich kann nur hoffen, dass die Medien am Ball bleiben.
Ein Sprecher des Eisenbahnbundesamtes nahm hierzu Stellung. Demnach waren drei Gutachter vor Ort, welche ihr Einverständnis für die Fällarbeiten gaben.
Diese Behauptung bezeichne ich als ERFUNDEN und ERLOGEN!
Durch meine längjährigen Erfahrungen mit Projekten auf Regierungsebene kann ich bestätigen, dass es solche Praktiken nicht gibt. Es wird, wie es im Chargon üblich ist, nach AKTENLAGE ENTSCHIEDEN und niemals auf Zuruf! Eine Entscheidung konnte also demnach nicht mit einer Ortsbesichtigung getroffen werden! Ein Bundesamt entscheidet AUSSCHLIESSLICH auf Vorlage von umfangreichen Berichten!
Hier wird versucht, den Rechtsbruch der beteiligten Staatsdiener zu vertuschen. Ich kann nur hoffen, dass die Medien am Ball bleiben.
Gelöscht, bitte verzichten Sie auf Werbung. Vielen Dank. /Die Redaktion pt.
...da gehe ich gleich die Printausgabe kaufen. Genial gut geschrieben.
Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik in konstruktiver Art und Weise und verzichten Sie bitte auf Unterstellungen. Die Redaktion/cs
Wow, "Bessermenschen". Den muss ich mir merken.
Reicht "Gutmenschen" nicht mehr aus? Muss jetzt schon mindestens der Komparativ her, um diejenigen zu diffamieren, die sich der totalen Ausbeutung des Volkes nicht bereitwillig unterwerfen?
@ LJA
wo gibts denn die scheuklappen die sie tragen? das hätte ich auch gerne weil ich nach der tagesschau immer schlafstörungen bekomme. oder ist es gar nicht die scheuklappe, sondern sie wohnen in ihrem luxustempel und die mauern um sie herum ersetzen noch perfekter den zweck von scheuklappen.
ihnen als geldscheinbepflasterter bestmensch kann ich den guten rat geben, erweitern sie ihren horizont, steigen sie doch mal aus ihrem elfenbeinturm wie siddharta der königssohn, verkleiden sie sich und sehen sie einmal ohne krawatte, limousine und leibwächter wie am boden des planeten beim einfachen volk der geruch von schweiss, erde und pfefferspray schmeckt
;-)
Wow, "Bessermenschen". Den muss ich mir merken.
Reicht "Gutmenschen" nicht mehr aus? Muss jetzt schon mindestens der Komparativ her, um diejenigen zu diffamieren, die sich der totalen Ausbeutung des Volkes nicht bereitwillig unterwerfen?
@ LJA
wo gibts denn die scheuklappen die sie tragen? das hätte ich auch gerne weil ich nach der tagesschau immer schlafstörungen bekomme. oder ist es gar nicht die scheuklappe, sondern sie wohnen in ihrem luxustempel und die mauern um sie herum ersetzen noch perfekter den zweck von scheuklappen.
ihnen als geldscheinbepflasterter bestmensch kann ich den guten rat geben, erweitern sie ihren horizont, steigen sie doch mal aus ihrem elfenbeinturm wie siddharta der königssohn, verkleiden sie sich und sehen sie einmal ohne krawatte, limousine und leibwächter wie am boden des planeten beim einfachen volk der geruch von schweiss, erde und pfefferspray schmeckt
;-)
"Ihr Blick war kalt und ausdruckslos wie eine Rasierklinge, die zu lange in der Sonne gelegen hat."
ab da runzelten sich meine brauen wie verwesende orangen im zeitrafferfilm. ab "liegestuetzlimousine" (wtf??) konnte ich nicht mehr weiterlesen.
Das Vorgehen von Mappus und Co. ist nur die logische Folge der Entwicklung in Baden-Württemberg und Deutschland während der vergangenen Jahre. Denn in den letzten Jahren hat die Landesregierung in BW die Justizbehörden mit linientreuen Personen besetzt. Kein Wunder also, dass das Verwaltungsgericht Stuttgart den Antrag auf Bürgerentscheid wegen einem angeblichen Formfehler abgewiesen hat.
Wer sich über den Zustand der Justiz in BW und am Bundesverfassungsgericht genauer informieren will, dem können die folgenden super interessanten Berichte auf der Website des Informatikers Danisch empfóhlen werden:
http://www.forschungsmafi...
http://www.forschungsmafi...
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Bekanntlich kommt der neue Präsident am Bundesverfassungsgericht Vosskuhle von der Uni Freiburg. Vosskuhle hat lt. Focus in diversen Kommentaren zum Grundgesetzt bereits 2005 dafür plädiert die Verfassungsbeschwerde abzuschaffen. Sagt doch alles.
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