Wer, bitteschön, hat schon einmal etwas von Israel Kamakawiwo’ole gehört, genannt "Brudda IZ"? Von diesem völlig unbekannten fettsüchtigen Hawaiianer, der zu Lebzeiten bis zu 350 Kilo auf die Waage brachte und schon 1997 starb? Noch vor vier Wochen kannte ihn hierzulande kein Mensch. Und jetzt ist er ganz plötzlich in Deutschland die Nummer 1 in den Charts. Hunderttausende Deutsche haben seinen Hit Over the Rainbow/What a wonderful World gerade auf ihr Handy und den MP3-Player geladen oder sich die CD gekauft. Er läuft im Radio, im Fernsehen. Das Video mit seiner anrührenden Beerdigung wird vieltausendmal im Internet angeklickt. Laut Media Control steht er seit drei Wochen unangefochten auf Platz 1 der deutschen Charts. Ein deutsches Phänomen. Wie ist das zu erklären?

Der Mann hatte den Körper eines Sumoringers und die Stimme eines dünnen Knaben – in einer inszenierten Castingshow wie Deutschland sucht das Supertalent hätte er damit beste Startchancen gehabt. Rätselhafte Hitparadenstürmer gibt es gelegentlich. Wo bist Du, mein Sonnenlicht war mal so ein Song, absolut schräg gesungen, aber aus vollem Herzen, ein Liebeslied von drei Jugendlichen als Grup Tekkan laienmäßig gefilmt und ins Netz gestellt. Über Youtube wurde das charmante Liebeslied zur neuen Welle.

In der Musikindustrie verkaufen sich traditionell Sex, Körper und Schönheit, bei der Stimme kann man digital nachbessern. Seit einiger Zeit gehen aber auch Skurrilität und Voyeurismus recht gut. Paul Potts, der arme Schlucker mit den schiefen Zähnen, wurde vom Fernsehen in ein neues Superstardasein hineingecastet. Jetzt singt er seine Klassiker auf den Bühnen der Welt. Dann war da die singende Hausfrau Susan Boyle, die ihr Erfolg schon allerlei Nervenzusammenbrüche kostete. In China siegte gerade bei einer Castingshow ein junger Mann ohne Arme, der das Publikum mit seinem Klavierspiel per Zehen dahinriss. Und nun betört ein Toter aus dem Jenseits das Publikum mit seinem Liedchen auf der Ukulele.

Will die Musikindustrie eine riesige Freakshow inszenieren? Der Mann im Jenseits scheint die Gefühle der Deutschen anzusprechen. Es ist der passende Sound zu einer Zeit, in der sich die Bewohner des globalen Weltdorfs gerade selig in den Armen lagen und die Wiederauferstehung von 33 Bergleuten aus der chilenischen Unterwelt mit Glückstränen beweinten.

Die Deutschen lieben das Lied des toten Hawaiianers, das sich beruhigend wie ein Ozean ausbreitet. Der sanfte Riese flötet es lieblich und ergreifend in dieser typischen hawaiianischen hohen Männerstimmlage – und lässt bei vielen Menschen große Gefühle aufkommen. Universal Music ist mit diesem Song ein wahrer Coup gelungen. Der Konzern hatte dem kleinen Plattenlabel Mountain Apple unter Vizevorsitz der hawaiianischen Witwe die Rechte abgekauft, für das Medley mit den alten Melodien von Judy Garland und Louis Armstrong. Vor acht Jahren wurde der gefühlige Song in der Fernsehserie Emergency Room eingespielt. 2004 gehörte er zum Soundtrack des US-Films 50 first Dates mit Adam Sandler und Drew Barrymore. Und in diesem Jahr surfte der Sänger mit dem Künstlerkürzel "IZ" als Titelmelodie des Vox-Thementags Planet Blue – Der Tag des Wassers in die Wohnzimmer.

Am 3. September schließlich brachte der Konzern das Lied in den deutschen Handel, dazu gibt es auch das Video im Netz. Mit all den wunderschönen Naturgewalten. Seitdem rauscht es durch die Medien. Als wäre eine Geisterhand aus dem Jenseits im Spiel, wollen jetzt alle das Lied hören, die wundersame Geschichte von Israel Kamakawiwo’oles Beerdigung verfolgen.

Als er vor 13 Jahren starb, kannten allenfalls Hawaiiurlauber seine Lieder. Damals liefen die noch auf Kassette im Walkman beim Surferurlaub auf der Hawaiiinsel Maui. Längst schon verstaubte das Tape, auf dessen Hülle der Riese im Wickelrock neben einer Trommel in die weite Welt schaut. Jetzt ist das vom Sänger Medley in digitalem Klangvolumen wiederauferstanden.

Auf dem Musikvideo sieht man Kamakawiwo’ole, wie er auf seinem Hocker am Strand unter Palmen singt, unter dem Regenbogen am Horizont. Sein Leben lang hat er sich für den den Erhalt der hawaiianischen Kultur, der Sprache, der Musik eingesetzt. "IZ" gab vielumjubelte Gratiskonzerte am Strand. Als Kind sollen Wunden nach Hundebissen bei ihm nicht verheilt sein, so konnte er sich nicht bewegen, nahm ständig zu, auch sein Bruder und sein Vater hatten XXXL-Ausmaße. Aber Musik machen und singen, das konnten sie alle. Israel gründete früh eigene Bands, sang vor Touristen. Seine Fettleibigkeit wurde später aber so schlimm, dass er noch nicht mal mehr die Ukulele halten konnte, da erstellte ihm ein Gitarrenbauer ein Einzelstück, maßgefertigt. Als der Sänger starb, ordnete die Regierung Staatstrauer an. 10.000 Menschen weinten bei der Beerdigung auf vielen vielen Booten. Seine Asche wurde in den Pazifik gestreut. Somewhere over the Ocean.


Aus dem Tagesspiegel