Irak-Krieg Was Wikileaks wirklich enthüllt

Die Iraker sind Opfer und Täter ihrer Geschichte. Spätestens seit 2005 hatten die Iraker mehr Einfluss auf das Geschehen in ihrem Land als die US-Armee.

Ein irakischer Soldat bei einer Kontrolle. Die am Wochenende von Wikileaks veröffentlichten Militärdokumente zeigen, dass tausende Iraker von den eigenen Sicherheitskräften misshandelt wurden

Ein irakischer Soldat bei einer Kontrolle. Die am Wochenende von Wikileaks veröffentlichten Militärdokumente zeigen, dass tausende Iraker von den eigenen Sicherheitskräften misshandelt wurden

Die Irak-Papiere sind schon von der Zahl her erdrückend: 391.832 Dokumente. Wenn jedes im Schnitt zwei Seiten umfasste, bräuchte ein Mensch, der sich 16 Stunden am Tag nur mit ihnen beschäftigt und weder freie Wochenenden noch Urlaub nimmt, viereinhalb Jahre, um sie zu lesen. Wikileaks-Gründer Julian Assange tat gut daran, das Konvolut wie auch schon die Afghanistan-Papiere im Juli vier renommierten Zeitungen zu übergeben. Sie haben im Gegensatz zu seiner kleinen Organisation das Personal und die Erfahrung im Umgang mit so sensiblem Material.

Er stände noch besser da, wenn er bei seinem Urteil über die Brisanz vorsichtiger wäre. Ist dieses "Leaken" von US-Feldberichten wirklich ein Jahrhundertereignis der Militärgeschichte, muss nun der Verlauf des Irakkriegs neu geschrieben werden und liefern sie die Unterlagen für viele Strafprozesse gegen US-Offiziere?

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Die New York Times , der Spiegel und ihre Partner hatten drei Monate Zeit, sich einen Überblick zu verschaffen, und kommen zu einem anderen Ergebnis. Die Irak- Papiere ergänzen das Wissen über den Krieg, enthalten aber keine weltbewegenden Neuigkeiten. Ihr größter Wert ist, dass sie Aspekte ausleuchten, die bisher zu kurz kamen: die unglaubliche Brutalität der Iraker untereinander, der die USA lange hilflos gegenüberstanden; die Rolle der Nachbarn, voran des Iran, der den Schiiten mehr Waffen lieferte als bekannt; die Chance, Zahl und Identität der Opfer zu verifizieren


Der Westen hat einen Hang zum Imperialismus, nicht nur beim Einsatz des Militärs, sondern ebenso haben ihn westliche Medien in ihrer Berichterstattung. Für sie zählt vor allem, was der Westen getan oder unterlassen hat, voran die USA. Damit aber degradieren sie die Iraker zu Objekten ihrer Geschichte.

Die Irak-Papiere bieten die Chance, das Tun und Lassen der Politiker, Milizen und Religionsführer in der Region in den Vordergrund zu stellen – nicht um die USA aus ihrer Verantwortung zu entlassen; deren Fehler und Vergehen sind hinreichend bekannt. Sondern um die Iraker zu Subjekten im Bild von diesem Krieg zu machen, im Guten wie im Bösen. Sie hatten spätestens seit 2005 mehr Einfluss auf das Geschehen als die US-Armee.


 

 
Leser-Kommentare
    • KHJ
    • 24.10.2010 um 18:33 Uhr

    Ja, es ist alles so schlimm auf dieser Welt? Nachdem der Irak-Krieg vorbei ist, kommt jetzt noch einmal die Reloaded-Version auf die Weltöffentlichkeit zu.

    Jeder weißt, dass Krieg kein Sparziergang durch den Zoo ist, sondern ein brutaler Wettkampf um eine Vormachtstellung ist, wie auch in Afghanistan, Kongo und Sudan.

    Zum Schluss bleibt dem Leser nach dem Artikel der schale Nachgeschmack, dass die USA und die Briten, die eigentlichen Bösewichte sind und eine gelungen PR für die Internetplattform Wikileaks!

    KHJ aus Köln

  1. ...hätte GW Bush sagen können das nach Sadam Hussein der Bürgerkrieg kommt, vollkommen egal wieviele Soldaten die "Siegermächte" ins Land schicken.
    Mehr als alles andere zeigen die Dokumente, das gesunder Hausverstand oft besser ist als Experten oder die Politiker die dafür bezahlt werden Entscheidungen zu treffen.
    Wie weltfremd Politiker wirklich sind und wie wenig sie vom Rest der Welt verstehen, das steht zwischen den Zeilen.
    Sie sind eine Aufforderung sich selbst mehr zu trauen und Politikern mehr zu misstrauen.
    Europa scheint da um einiges weiter zu sein als die USA - wir haben ja auch ein paar hundert Jahre mehr Erfahrung "im Spiel".

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    Wir haben einige, vergleichsweise kleine Gruppierungen, die oftmals nichtmals irakisch sind, welche den gesamten Irak terrorisiert. Das ist kein Bürgerkrieg. Es sind Teils die Überreste von Saddams Terrorhorden und einige "Trittbrettfahrer", welche die heikle Situation im Irak ausnutzen auf die übelste Art.

    Gegen was sollte der irakische Bürger denn Krieg führen? Gegen die Amerikaner und Briten? Wozu? Diese wären schließlich noch weit schneller verschwunden, hätte es keinen Grund für ihr Bleiben gegeben. Den Genozid Saddams nach ihrem letzten, viel zu schnellen Rückzug haben die USA mit Sicherheit nicht vergessen.

    Saddam muste weg. Und es war eben der Irak, weil die USA dort auch eine besondere Mitschuld traf, auch wenn sie, im Gegensatz zu Russland und Europa, damit immerhin aufgehört hatte. Die "pazifistischen" Staaten hatte nebenbei allesamt Verträge mit Saddam und waren wohl in erster Linie deswegen dagegen, nicht aus moralischen Gründen. Und es waren auch nicht die USA oder US-amerikanische Firmen, die jetzt die Verträge über das Öl des Iraks bekamen.

    Wir haben einige, vergleichsweise kleine Gruppierungen, die oftmals nichtmals irakisch sind, welche den gesamten Irak terrorisiert. Das ist kein Bürgerkrieg. Es sind Teils die Überreste von Saddams Terrorhorden und einige "Trittbrettfahrer", welche die heikle Situation im Irak ausnutzen auf die übelste Art.

    Gegen was sollte der irakische Bürger denn Krieg führen? Gegen die Amerikaner und Briten? Wozu? Diese wären schließlich noch weit schneller verschwunden, hätte es keinen Grund für ihr Bleiben gegeben. Den Genozid Saddams nach ihrem letzten, viel zu schnellen Rückzug haben die USA mit Sicherheit nicht vergessen.

    Saddam muste weg. Und es war eben der Irak, weil die USA dort auch eine besondere Mitschuld traf, auch wenn sie, im Gegensatz zu Russland und Europa, damit immerhin aufgehört hatte. Die "pazifistischen" Staaten hatte nebenbei allesamt Verträge mit Saddam und waren wohl in erster Linie deswegen dagegen, nicht aus moralischen Gründen. Und es waren auch nicht die USA oder US-amerikanische Firmen, die jetzt die Verträge über das Öl des Iraks bekamen.

    • HaDeTe
    • 24.10.2010 um 18:51 Uhr

    Der Irakkrieg ist noch nicht einmal richtig beendet, da will
    man schon die Kriegsverbrechen der Allierten in diesem Krieg
    unter den Teppich kehren.Aber 65 Jahre alte Kriegsverbrechen
    der Deutschen werden gerade wieder aufgewärmt. Oder die Be-
    teiligung des AA im Dritten Reich "welch eine Sensation".
    Die Beteiligung des amerikanischen und britischen AA am Irak-
    krieg und die damit verbundenen Kriegsverbrechen spielen wie
    gehabt keine Rolle. Offenbar sind die Nürnberger Gesetze
    wie immer gesagt wurde reines Willkürrecht gegen Deutsche.
    Man sollte diese Gesetze einmal gegen Amerika und England
    anwenden.

    Bitte seien Sie vorsichtig mit Aussagen, welche den Eindruck erwecken, Kriegsverbrechen gegeneinander aufwiegen zu wollen. Die Redaktion/ew

  2. Es gibt keinen sauberen Krieg. Das hätten sich die USA vorher überlegen sollen. Und Deutschland, bevor wir in Afghanistan aktiv geworden sind. Unsere Soldaten sind auch nur Menschen, die irgendwann an ihre Grenzen stossen. Ein Krieg ist nie eine gute Lösung und nur zwingend, wenn man selbst im eigenen Land angegriffen wird.

    • WiKa
    • 24.10.2010 um 19:28 Uhr

    …wie gelangweilt die amerikanische Masse darauf reagiert, dann bleibt zu fragen, ob die schon apathisch sind oder wir hier nur zu sensationsgeil? Sicher, auch wir könnten in Sachen Krieg stumpf werden, jedenfalls solange er nicht auf unserem Terrain geführt wird. Insoweit sollte man vermehrt die Fragen nach den Folgen der Kriege stellen. Ein zerstörtes Irak, unzählige Tote (jetzt natürlich gerechte Tote), was es unter Saddam nicht gab. Unsere ach so tollen westlichen Wertvorstellungen schlucken die Leute dort trotzdem nicht … also weitermachen oder was? Oder sollte man die Völker doch besser solange sich selbst überlassen, bis sie ihren Weg gefunden haben und sich nicht ewig einmischen?

    In der Subsummierung der Erfahrungen aus den Kriegen der letzten Jahrzehnte darf man dies durchaus ableiten, wenn da nicht die wirtschaftlichen Interessen wären, die man jederzeit mit menschlichem Leid aufbretzeln kann, um die Menschen in die Kriege zu bewegen. Tja, dumm gelaufen…

    Und weil es jetzt wieder soviel Kritik hagelt, sollten wir doch mal sehen wie wir da bestens und kommerziell korrekt rauskommen aus dem Dilema.

    Wie wäre es denn, wenn wir diese Kriege zu neuen Unterhaltungsformaten nutzten? Beispielsweise …

    „US Army sucht den Shooting Star“
    http://qpress.de/2010/10/23/us-army-sucht-den-„shooting-star“/

    Damit könnte man die Beteiligung verbessern und auch die Erlöse könnten wenigstens teilweise die Kriegskosten decken, ach ja, was kostet denn ein Menschenleben?

    Anmerkung: Bitte gehen Sie mit Zynismus vorsichtig um. Danke. Die Redaktion/ew

  3. Zitat: "Die Iraker sind Opfer und Täter ihrer Geschichte. Spätestens seit 2005 hatten die Iraker mehr Einfluss auf das Geschehen in ihrem Land als die US-Armee."
    So sieht das also inzwischen in Deutschland aus:
    Die USA können - per Definition - keine Kriegsverbrechen begehen.
    Willkommen in der Welt der Glaubensbekenntnisse und des Mittelalters.

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    • TDU
    • 26.10.2010 um 21:38 Uhr

    Im Artikel steht auch "ohne USA aus ihrer Verantwortung zu entlassen". Zählt man die Toten muss man auch die Terroropfer berücksichtigen. Sunniten und Schiiten bekriegen sich auch. Was Wikileaks liefert sind Beschreibungen mit der Spekulation auf Skandal aus denen sich jeder nach Gusto bedienen kann, sonst nichts.

    Nimmt man den zweiten weltkrieg und veröffentlicht Unterlagen von Russen und Deutschen. An den Greueln kann man doch nicht beurteilen, wer der Schuldige ist. Nur die Schrecken des Krieges kann man ausmachen. Und da brauche ich Wikileaks wahrlich überhaupt nicht. Aber vielleicht die jüngere Generation. Die liest wenig und nimmt Krieg noch eher als eine Sache von Gut und Böse. Dann ist natürlich je nach politischer Couleur und Erziehung die USA das willkommene, identitätsstiftende Feindbild.

    • TDU
    • 26.10.2010 um 21:38 Uhr

    Im Artikel steht auch "ohne USA aus ihrer Verantwortung zu entlassen". Zählt man die Toten muss man auch die Terroropfer berücksichtigen. Sunniten und Schiiten bekriegen sich auch. Was Wikileaks liefert sind Beschreibungen mit der Spekulation auf Skandal aus denen sich jeder nach Gusto bedienen kann, sonst nichts.

    Nimmt man den zweiten weltkrieg und veröffentlicht Unterlagen von Russen und Deutschen. An den Greueln kann man doch nicht beurteilen, wer der Schuldige ist. Nur die Schrecken des Krieges kann man ausmachen. Und da brauche ich Wikileaks wahrlich überhaupt nicht. Aber vielleicht die jüngere Generation. Die liest wenig und nimmt Krieg noch eher als eine Sache von Gut und Böse. Dann ist natürlich je nach politischer Couleur und Erziehung die USA das willkommene, identitätsstiftende Feindbild.

  4. von der Bevölkerung eines Landes, das im Jahre 2005 mittlerweile seit 14 Jahren, also seit dem Kuwait-Krieg,
    unter schlimmsten Sanktionen und Angriffen hat leiden müssen, die Infrastruktur war zerstört, der Irak, der in den 60er und 70er Jahren eins der fortschrittlichsten islamischen Länder war, war sozusagen in die Steinzeit zurückgebomt worden. Dann der Irak-Krieg, dann die Besatzung, der Widerstand, der brutalst gebrochen wurde wie z.B. in Falludscha. Die Amerikaner haben dieses Unheil an einem Volke angerichtet, sind brutalst und für die Bevölkerung völlig unberechenbar vorgegangen: haben Plünderungen unterstützt, die Schlösser von Museen zerschossen und den Plünderern freien Zugang gewährt.
    Dann das Gefängnis Abu Graib, wo man die Iraker nur so gefoltert und gedemütigt hat. Man braucht sich nicht darüber zu wundern, daß dann nicht auf einmal 2005 die heile Welt dort eingetroffen ist.

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