Basi Hassan muss immer wieder dieselbe Geschichte erzählen: Wie er auf den Bus wartete. Wie er plötzlich ein lautes "Paaam!" hörte. Wie er eine Sekunde später nichts mehr spürte, weil er von dem Heckenschützen angeschossen zu Boden fiel.  Der 47-jährige steht in dem knallbunten Bekleidungsgeschäft All Safari Shop des Einkaufszentrums Rosengård Centrum, in dem sein bester Freund Osman Abdikedir arbeitet. Im Stadtteil Rosengård  in Malmö haben 85 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund. Über die Hälfte der Menschen hier ist arbeitslos. So wie Hassan, der aus Somalia stammt. Er verbringt seit dem Anschlag auf sein Leben an der Bushaltestelle jeden Nachmittag in dem Laden. Eine blonde Frau kommt herein, vielleicht fünfzig Jahre alt. Sie tätschelt ihm die Backe, sagt "Du bist ein tapferer Junge, Basi." Alle machen das.

Beim Erzählen hebt er jedes Mal den Pullover und das T-Shirt, um zu zeigen, wo die Patrone seine rechte Körperseite durchbohrt hat. Ohne ein lebenswichtiges Organ getroffen zu haben, ist sie hinten oberhalb seiner rechten Hüfte wieder ausgetreten. Und er lacht dabei die ganze Zeit, als ob es eine lustige Geschichte wäre, die er zum Besten gibt.  Manche weinen vor Freude, Hassan lacht vor Angst. "Ich weiß einfach nicht, warum. Ich bin vor drei Jahren vor dem Krieg in Somalia nach Schweden geflüchtet und denke nach wie vor, dass dies das beste europäische Land für Einwanderer ist. Aber ich weiß einfach nicht, warum man hier einfach auf mich schießt."

Auch Juliana Bejtovic lebt mit ihrer Familie in Rosengård, in einer winzigen Zweizimmerwohnung. Bis der Heckenschütze, der im Laufe der letzten zwölf Monate in Malmö auf insgesamt 15 Ausländer geschossen haben soll, verschwunden ist, traut sie sich nur noch mittags aus der Wohnung. Angst hat sie, um sich und ihren Mann Orjan, aber vor allen Dingen um den kleinen Dennis, ihren einjährigen Sohn, der friedlich in seinem Kinderwagen schlummert und noch nicht weiß, mit welchen Problemen Einwanderer neuerdings in Schweden und speziell in Malmö konfrontiert werden. Zwar hat der Schütze noch nicht in Rosengård zugeschlagen – aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, glaubt Juliana Bejtovic. "Wo laufen denn die ganzen Einwanderer herum, auf die er es abgesehen hat?"

In ganz Europa hat sich die Stimmung gegen Immigranten gewendet, das liberale Schweden macht keine Ausnahme mehr. Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten waren bei den letzten Wahlen extrem erfolgreich. In Almgården, dem Nachbarbezirk von Juliana Bejtovic, haben sie bei der Parlamentswahl über 34 Prozent der Wählerstimmen gewonnen.

Die junge Familie von Juliana Bejtovic stammt ursprünglich aus Bosnien. Die 22-jährige Juliana kam 1992 hierher, Orjan fünf Jahre später. "Während sich alle Schweden eine Wohnung in den besseren Vierteln leisten können, wurden wir wie alle anderen Einwanderer nach Rosengård gesteckt", sagt Bejtovic in perfektem Schwedisch mit skånischen Akzent. "Es ist nicht schön hier, aber irgendwo müssen wir ja wohnen."

In Rosengård stehen Plattenbauten, während man im restlichen Malmö überwiegend attraktive Altbauten findet. Um in einen schöneren Stadtteil ziehen zu können, brauchen Juliana und Orjan Bejtovic Geld – und um Geld zu verdienen, brauchen sie einen Job. Der wird ihnen jedoch niemals zur Verfügung gestellt, glaubt Vater Orjan: "Wir gehen beide mehrmals im Monat zur Arbeitsvermittlung. Keine Chance." Also schlafen sie lange, schauen fern, essen, schauen fern, dann und wann wird eingekauft. "Das mit dem Schützen macht die ganze Situation noch viel stressiger. Wir wollen nichts riskieren und verbringen deshalb die meiste Zeit zu Hause."

Dick Fredholm und seine Kollegin Jenny Ränzlöw sind im Rosengårder Mitbürgerbüro dafür zuständig, dem Malmöer Immigrantenstadtteil als PR-Chef ein besseres Image zu verpassen. Fredholm sagt: "Die Immigranten in Rosengård haben ähnliche Bedürfnisse wie diejenigen, die im Nachbarbezirk die Schwedendemokraten gewählt haben. Beide sind in ein- und derselben Situation." 34,6 Prozent der Menschen im Almgården haben Sverigedemokraterna gewählt, während im Rosengårder Teilbezirk Herrgården gleich nebenan fast 90 Prozent für die Sozialdemokraten von Mona Sahlin gestimmt haben. Beide Parteien haben hier die gleiche Wählerklientel: Menschen mit wenig Geld, ohne Job und viel Unzufriedenheit. "Man kann sagen, dass Malmö eine geteilte Stadt ist. Allerdings ist diese Teilung keine ethnische, sondern eine Klassenfrage", sagt Fredholm. Sowohl Fremde als auch Fremdenfeindliche werden es nicht gerne hören, aber ihre Klassenzugehörigkeit macht sie zu Gleichgesinnten – und gleichzeitig zu Konkurrenten. Nicht Schweden und Immigranten spalten sich, sondern arm und reich.

Jeder Dritte in Rosengård ist unter 19 Jahre alt ist. Viele der Jugendlichen versagen in der Schule, sie müssten besser gefördert werden, sagt Jenny Ränzlöw. Außerdem wird geschätzt, dass fast doppelt so viele Leute im Viertel leben wie behördlich gemeldet sind. Seit Jahren kämpft ihr Mitbürgerbüro gegen die Probleme an. "2002 kam es zu Aufständen, und keiner hat den Menschen zugehört. Jetzt findet ihr Protest Gehör und wir können etwas unternehmen", stellt Fredholm fest. Die hohe Kriminalitätsrate, seit Jahren das größte Problem des Viertels, wird zunächst mit Wächtern und Streetworkern bekämpft. Sie sollen auf den Straßen einerseits für Ordnung sorgen und andererseits den persönlichen Kontakt zu den Menschen suchen, damit ihre Ärgernisse ernst genommen werden. In den nächsten Monaten wird eine neue Polizeistation gebaut, die sich in eine Reihe neuer Institutionen wie die Bücherei, das Schwimmbad, 300 neuen Studentenwohnungen und das öffentliche Kunstprojekt im Bezirk Törnrosen einreiht.

Viele, viele Baustellen. Veränderung braucht Zeit, doch Dick Fredholm und Jenny Ränzlöw glauben fest daran, dass man in Rosengård nach einem halben Jahrhundert voller Kriminalität und Drogendelikten eine späte Erfolgsgeschichte werden kann. Juliana Nejtovic hat diesen Optimismus zurzeit nicht. Sie flüchtet in den Sarkasmus: "Jedenfalls sind wir nicht schwarz. Das ist das einzig Positive im Moment."  Denn dunkelhäutig waren bislang außer der einzigen Toten alle Opfer vom "Lasermann 2.0", wie der Heckenschütze mit Bezug auf den Stockholmer Shooter aus den 1990er Jahren von der schwedischen Presse genannt wird.