In Deutschland wird nie wieder etwas gebaut werden. Kein Flughafen, keine Autobahn und erst recht kein Bahnhof. So klingt es in diesen Tagen, wenn führende Politiker und manche Leitartikler über Stuttgart 21 und die Demonstrationen dagegen reden. Da sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel, das Land sei "nicht mehr veränderbar", sollten Proteste gegen Großprojekte wie das in Stuttgart sich verstetigen. Der FDP-Generalsekretär Christian Linder warnt: "Demokratie und Rechtsstaat dürfen nicht vor solchen stimmungsdemokratischen Eruptionen zurückweichen."

Solche Äußerungen hochrangiger Politiker gab es in den vergangenen Wochen noch viele mehr. Auf den ersten Blick sind ihre Befürchtungen verständlich, sie sind vermutlich sogar zutreffend, wenn die Politik auch künftig Großprojekte durchsetzt, ohne die Betroffenen besser in das Verfahren einzubinden. Doch wer den Demonstrierenden in Stuttgart, Gorleben und anderswo nun Totalblockade vorwirft, vergisst, dass sich längst Verfahren bewährt haben, die helfen können, auch umstrittene Projekte zu verwirklichen. Politik, Verwaltung und Unternehmen müssten dafür aber die Bedenken der Bürger ernst nehmen.

Horst Zillessen ist Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, bis 1986 war er Präsident der Universität Oldenburg. Heute führt Zillessen eine Agentur, die sich auf Mediationsverfahren für Großprojekte spezialisiert hat: Zillessen ist hauptberuflicher Vermittler in Konfliktsituationen. Wer ihn zu Stuttgart 21 befragt, bekommt eine Menge zu hören.

Über die dritte Startbahn des Wiener Flughafens zum Beispiel, die heute gebaut wird, obwohl erwartungsgemäß viele Anwohner gegen den Ausbau des Flughafens waren. Oder vom Neubau einer Bahnstrecke durch das Gasteinertal in den österreichischen Alpen, die den in der Region so wichtigen Tourismus bedrohte. In Wien einigten sich Flughafengesellschaft und Bürgerinitiativen im Mediationsverfahren so: Erstere setzten umfangreiche Lärmschutzmaßnahmen um, letztere unterschrieben einen Vertrag, demzufolge sie auf künftige Klagen gegen den Flughafen verzichteten. Im Gasteinertal fahren die Züge nun  durch Tunnel, und nicht wie ursprünglich geplant über Brücken. 

Der Konflikt der Gasteiner mit der Österreichischen Bundesbahn (ÖBB) war Mitte der neunziger Jahre ähnlich eskaliert wie heute die Lage in Stuttgart. "Wir bauen Brücken, die sind einen Kilometer lang, sechzig Meter hoch und sehen fantastisch aus" soll ein ÖBB-Vertreter den besorgten Anwohnern gesagt haben, ein anderer bemerkte über den drohenden Zuglärm, dass eine Mahler-Sinfonie ja auch Krach mache. Der Streit beschäftigte den Verwaltungsgerichtshof in Wien ebenso wie den Europäischen Gerichtshof.

Auf dem Höhepunkt des Konfliktes zog die ÖBB die Notbremse und einigte sich mit den Gegnern auf ein Mediationsverfahren. Die Methode, die Zillessen und seine Kollegen anwandten, entspricht dem Vorgehen, das alle Experten in dieser oder ähnlicher Form empfehlen. Sie holten die Betroffenen im "Mediationsverfahren Gasteinertal" an einen Tisch: Die Kur- und Tourismusverbände, den Alpenverein, Bürgerinitiativen, die Landesumweltanwaltschaft, die Planer der ÖBB und die Gemeinden. Dann wurden drei Arbeitskreise gebildet (Streckenvarianten, Lärm, Umsetzungskriterien), die jeweils Gutachten und Expertisen einholten und auf dieser Basis Kompromissvorschläge machten.

Der gesamte Prozess dauerte von März 1999 bis zum Juni 2001 – Mediationsverfahren taugen also nicht für Ad-hoc-Entscheidungen. Sie ersetzen auch nicht die demokratischen Legitimationsprozesse, die im Fall Stuttgart so oft zitiert werden, sondern sie begleiten diese. Im Gasteinertal zum Beispiel wurden gefundene Kompromisse vertraglich festgehalten und im Anschluss durch das Verkehrsministerium und die Behörden des Landes Salzburg in einem Genehmigungsverfahren umgesetzt.