Die Explosion hüllt die Front des Jeeps in dichten Nebel. Es könnte eine Mine gewesen sein, eine Sprengfalle oder Granatenbeschuss. Ein Mann liegt neben dem Fahrzeug, er schreit. Seine Tarnhose ist blutdurchtränkt, das linke Bein bis zum Knie abgerissen. Der Schwerverletzte wälzt sich – dann bleibt er bäuchlings liegen und sieht den Reporter erwartungsvoll an.

Der setzt sich erst einmal ins Gras. Er hat Fragen vorbereitet. Aber sie fallen ihm nicht ein. Mit leerem Kopf starrt er auf das, was von Sergeant Albert Thomsons Bein übrig ist. Auch die Fotografin vergisst abzudrücken. "Du kannst auch näher kommen!", ruft Albert ihr zu. Aber sie benutzt lieber den Zoom.

Der Schock-Faktor. Wir sind nicht nach Basra gefahren, um ihn kennen zu lernen. Wir haben ihn in Farnham erlebt, 70 Kilometer südwestlich von London, auf dem Gelände der A-Kompanie des Princess of Wales’s Royal Regiment. 4.500 Kilometer liegen zwischen der irakischen und der britischen Stadt. Doch jetzt, da Explosionsnebel über den Kasernenparkplatz zieht, verschmelzen die beiden Orte auf gespenstische Weise.

Albert Thomson, der hier vor uns im Gras liegt, war 18 Jahre lang Soldat der britischen Army. Im Jahr 2003 verlor er ein Bein in Basra. Er kam zurück nach England und gründete Action Amps, ein Unternehmen, das ausschließlich Amputierte beschäftigt. Die Dienstleistung: Simulation von Schwerstverletzungen, wie sie bei fatalen Katastrophen vorkommen, im Krieg, bei Terroranschlägen und Zugunglücken. Verletzungen mit Körperteilverlust.

"Reenactment" nennt Albert seine Methode der authentischen Nachstellung. Über 150 amputierte Darsteller zählt seine Datenbank. Die Ausrüstung für das drastische Kriegstheater: Rauchbomben, gefüllt mit Talkumpulver. Druckluft-Granaten. Kunstblut. Und Silikon. Daraus modellieren die Akteure Wunden für ihre Amputationsstümpfe.

Was zunächst nach einer Mischung von Manöver und Filmset aussieht, wird beim Reenactment zu einem erschütternden Szenario. "Man muss es erleben, um es wirklich zu verstehen", hat Albert es angekündigt. "Wir helfen, Leben zu retten".

Leben retten. Das wiederholt Albert oft. Reenactment ist Ernstfalltraining, Schulung für die furchtbaren Momente, die täglich zigfach vorkommen auf der Welt. Aus heiterem Himmel kann das Schicksal zuschlagen, eine Bombe detonieren, die Natur aus den Fugen geraten. Ein Knall – und plötzlich liegt ein verstümmelter Mensch am Boden.

Dann zählen Sekunden. Zeit, die ein unvorbereiteter Helfer in Schockstarre verbringt. Niemand weiß das besser als Albert Thomson. Deshalb führt er Soldaten, Rettern und Kriegsreportern den "extra shock-factor" vor. Damit sie tun können, was man für ihn getan hat, damals in Basra. Leben retten. Albert hat nicht bloß ein Unternehmen. Er hat eine Mission.