Der deutsch-französische Politologe und Publizist Alfred Grosser hält an seiner Kritik an Israel fest. Der Staat gehöre für ihn zu Europa und deswegen sei er zu  kritisieren, sagte Grosser in der Frankfurter Paulskirche bei einer Gedenkstunde an die Pogromnacht am 9. November 1938. Die Werte der westlichen Welt seien Werte für alle, sagte er vor prominenten Vertretern des Judentums. Der Auftritt des 85-Jährigen war im Vorfeld wegen seiner bekannt Israel-kritischen Haltung von jüdischer Seite beanstandet worden. Ein zuvor befürchteter Eklat blieb allerdings aus.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurts, Salomon Korn, hatte im Vorfeld dem Sender Deutschlandradio Kultur gesagt, er werde bei als einseitig empfundener Kritik an Israel die Veranstaltung mit den Gemeindemitgliedern verlassen. Letztlich blieben alle Gäste bis zum Ende der Veranstaltung in der Paulskirche.

Grosser rief dazu auf, die Leiden anderer anzuerkennen. So sei beispielsweise die Art, "wie Ausländer hier und anderswo behandelt werden können, ... eine Verletzung unserer Grundwerte". An den anderen zu denken sei eine Voraussetzung für den Frieden, sagte der in Frankfurt geborene Sohn jüdischer Eltern. Man könne von keinem Palästinenser verlangen, "dass er die Schrecken der Attentate versteht, wenn man nicht ein großes Mitgefühl hat, die Leiden im Gaza-Streifen zu verstehen".

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, der Frankfurter Dieter Graumann, sagte in seiner Ansprache vor dem Auftritt Grossers: "Wir haben Einwände, haben sie klar artikuliert und sie haben sich nicht aufgelöst." Letztlich sei aber der Gedenktag für die Juden "wichtiger als persönliche Befindlichkeiten". Die jüdische Gemeinschaft habe "über manchen Schatten springen" müssen: "Jetzt sind wir hier und wir sind dabei."

Graumann, der in drei Wochen zum Vorsitzenden des Zentralrats gewählt werden will, ging besonders auf die seit Jahren veränderte Situation der Jüdischen Gemeinden ein: 90 Prozent der Juden in Deutschland seien Menschen, die in den letzten 20 Jahren aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion gekommen seien. Diese feierten eher den 9. Mai 1945 als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. "Die jüdische Erinnerung verändert sich." Der Zentralrat brauche eine "Prise frischen Wind". Er müsse mehr Impulsgeber als nur Mahner sein.

Mit der Gedenkstunde wurde an die Pogromnacht 1938 erinnert, in der deutschlandweit auf Veranlassung der Nationalsozialisten Synagogen in Brand gesetzt und jüdische Geschäfte zerstört und geplündert wurden.