Katholische KircheDer Papst und der "Geist der Gegenwart"

Das Buch von Benedikt XVI. ist alles andere als modern. Er preist das Zölibat, bezeichnet Geschiedene als "Christen zweiter Klasse". Die Kondom-Äußerung steht da alleine. von Claudia Keller

Der Papst schaut sich bisweilen mit seinen Sekretären DVDs an, "Don Camillo und Peppone" zum Beispiel. So steht es in dem neuen Interviewbuch Licht der Welt , das morgen erscheint.

Es hat 250 Seiten und beruht auf einem sechsstündigen Gespräch, das der deutsche Publizist und Papst-Biograf Peter Seewald mit Benedikt XVI. im Sommer in Castel Gandolfo geführt hat. Seewald geht mit dem Papst alle Themen durch, die die fünf Jahre seines Pontifikats geprägt haben, von seinen Deutschlandbesuchen über den Dialog mit der orthodoxen Kirche, mit dem Islam und den Protestanten bis hin zur Affäre Williamson und dem Missbrauchsskandal .

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Es ist das bislang einzige Interview, das jemals mit einem Papst geführt wurde. Aber so richtig nah, sozusagen weltlich-nah, kommen die Leser dem Papst bis auf wenige Stellen dennoch nicht. Sie lernen den "Heiligen Vater" als einen Mann kennen, der sich ganz und gar in den Glauben und die 2000-jährige Kirchengeschichte hineinbegibt, der sich Jesus Christus und die Kirchenväter so sehr anverwandelt, dass Person und Amt verschmelzen. Das ist mindestens ebenso spannend zu erfahren wie die Sache mit "Camillo und Peppone".

Vielleicht aber lebt Benedikt bisweilen doch zu sehr im Innern der Kirche und zu wenig in der heutigen Welt. So kommen fatale Fehleinschätzungen zustande. Er sei sich nicht bewusst gewesen, "dass man eine Papst-Rede nicht akademisch, sondern politisch liest", sagt er über seine Rede, die er vor vier Jahren in Regensburg gehalten hat und in der er dem Islam bescheinigte, an einen "Willkür-Gott" zu glauben . Ausschreitungen in der arabischen Welt waren die Folge, eine Nonne kam zu Tode.

Es habe leider keiner ins Internet geschaut, argumentiert Benedikt in der Affäre Richard Williamson. So habe man nicht wissen können, dass der Pius-Bruder ein notorischer Holocaust-Leugner ist. Sonst hätte er die Rücknahme seiner Exkommunikation nicht unterschrieben. Im Internet nachzuschauen, hielt aber auch deshalb keiner für nötig, weil es dem Papst bei der Rücknahme der Exkommunikation ausschließlich um die kirchenrechtlichen Bestimmungen ging.

Auch wenn es um sexuellen Missbrauch von Kindern geht, interessiert den Papst am meisten, welcher Schaden der Kirche dadurch zugefügt wurde. "Das Priestertum plötzlich so verschmutzt zu sehen, und damit die katholische Kirche selbst, in ihrem Innersten, das musste man wirklich erst verkraften", sagt er. Vom Schmerz der Kinder ist keine Rede. Als Grund, weshalb es zu den Übergriffen kommen konnte, fällt dem Papst die "Erbsünde" ein und "das Böse".

Die moderne Welt ist nicht nur weit weg für das Oberhaupt der katholischen Kirche, gegen die moderne Welt kämpft er seit Jahrzehnten an. In weiten Teilen ist das neue Buch ein Aufguss dessen, was er seit Jahrzehnten predigt und in seinen päpstlichen Lehrschreiben verkündet: Die westliche Welt befindet sich im Niedergang, hat weder feste Werte noch Moral, dafür Drogen und Sextourismus, Materialismus und Individualismus.

Leserkommentare
  1. Älterer, völlig weltabgewandter Mann, von Doktrinen und Dogmen beherrschter Mann äußert sich zum Lebensalltag von Menschen, mit denen er so überhaupt nichts zu tun hat.

    Das ist dann einfach unfreiwillig komisch.

    • chrisi
    • 23. November 2010 12:32 Uhr

    Es gibt in Deutschland Religionsfreiheit! Wenn jemand die Haltung der Katholischen Kirche bezüglich Kondome, Homosexualität, Scheidung etc. nicht gefällt, muss er auch nicht dahingehen. Das ist Privatsache.
    Und was versprechen sich eigentlich alle vom aufheben von "Komdomverbot"?
    Wer glaubt denn, dass wegen der katholischen Kirche die AIDS-Rate in Afrika so hoch ist?

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    ... dieser Organisation nicht anzugehören wird ja erfreulicherweise seit einigen Jahrhunderten nicht mehr mit Folter bzw. sozialer Ächtung bestraft, also lassen wir doch Benedikt und seine Apologeten endlich alleine.
    Das Argument zu Afrika ist theologisch absurd (das Verbot hängt ja lt. Glaubenslehre nicht von einer empirisch erforschten Wirkung ab, sondern erfolgt aufgrund vermeintlich göttlicher Gebote) und empirisch sowieso Unsinn.

  2. trifft nicht zu. zu allen zeiten hatte die meisten menschen keine lust, sich an moralische prinzipien zu halten.
    übrigens sind moralische gebote sind laut definition "realitätsfern", weil sie das zeigen, was sein soll und nicht das, was der fall ist.

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    • dth
    • 23. November 2010 14:11 Uhr

    Ob der Papst modern ist oder nicht, ist tatsächlich nicht wichtig, denn auch seine Auffassung war modern, ist mancherorts noch modern und wird es irgendwann vielleicht auch hier wieder werden.
    Das Problem ist, dass er in Dogmen und von der Institution Kirche her denkt, und nicht von den Menschen her. Das Gesetz ist für den Menschen gemacht.
    Das heißt nicht, dass man beliebig werden muss, man kann durchaus Ideale wie das Zusammenleben in der Familie hochhalten. Dazu muss man aber nicht dogmatisch Sexualität als Mittel der Fortpflanzung definieren, Menschen, die in einer Partnerschaft scheitern, ausgrenzen und Menschen, deren Sexualität eben nicht in das Ideal passt in moralische Zwangslagen bringen.
    Natürlich steht es der katholischen Kirche frei, eine solche Ethik zu vertreten. Es steht aber auch jedem frei zu äußeren, warum er diese Ethik für ungesund hält. Die Entscheidung, sich von einem Glauben zu lösen, ist ja nicht für jeden so einfach, da damit viele verschiedene Überzeugungen und Emotionen verbunden sind. Da trägt der Papst durchaus auch ein Stück Verantwortung für diese Menschen.
    Die Ablehnung von Dogmen und die individuelle, ethische Abwägung führt eben nicht unbedingt in die moralische Beliebigkeit. Sie verlangt mehr individuelle Verantwortung, die der Papst dem Laien nicht zutraut, die aufgeklärte (im umfassenden, philosophischen Sinne) Menschen aber für sich einfordern.

    • Atan
    • 23. November 2010 12:46 Uhr

    von Religion an sich muss man wohl einfach mal so hinnehmen, aber würde man jemanden ohne jedes Interesse an Musik z.B. eine Wagner-Biografie besprechen lassen?
    Wenn Ihr "verhöhntes" Gegenideal ausgerechnet der Wohlstandsbürger sein sollte, dann wäre allerdings zu bedenken, dass dieser durch seine unersättliche Ausbeutung aller natürlichen Ressourcen kein nachhaltiges Konzept ist, der Preis der menschlichen Bestimmung durch maximalen materiellen Konsum ist Gefahr die Selbstzerstörung als Spezies.
    Selbstverständlich wäre auch das ein Extrem, das mir aber momentan im Westen viel verbreiteter und daher bedrohlicher scheint als eine Massenbewegung christlicher Asketen, die durch Konsumverweigerung den säkularen Wertekanon bedroht.
    Von daher orientiere ich mich als dritt- bis viertklassiger Christ lieber an den Bergsteigeridealen des Papstes anstatt den Kauf des dritten oder vierten Automobils womöglich noch ideologisch zu überhöhen.

  3. ... dieser Organisation nicht anzugehören wird ja erfreulicherweise seit einigen Jahrhunderten nicht mehr mit Folter bzw. sozialer Ächtung bestraft, also lassen wir doch Benedikt und seine Apologeten endlich alleine.
    Das Argument zu Afrika ist theologisch absurd (das Verbot hängt ja lt. Glaubenslehre nicht von einer empirisch erforschten Wirkung ab, sondern erfolgt aufgrund vermeintlich göttlicher Gebote) und empirisch sowieso Unsinn.

    • Ummon
    • 23. November 2010 12:49 Uhr

    Hm, was hat denn jetzt Religionsfreiheit damit zu tun dass man die Äusserungen einer in der öffentlichkeit stehenden Person kritisiert?
    Dieser Beissreflex der Katholiken kann doch ganz schön irritieren.

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    • chrisi
    • 23. November 2010 13:01 Uhr

    Religionsfreiheit im Sinn von niemand muss das interessieren was der Papst sagt.

    Im übrigen wollte ich gar nicht beißen und katholisch bin ich auch nicht!
    Und so kritisch fand ich den Artikel gar nicht. Wir haben uns wohl daran gewöhnt das jeder Artikel über die katholische Kirche kritisch ist.

  4. "Die Bibel muss in dem Geist gelesen werden, in dem sie geschrieben wurde."

    Dieser Geist entstammt aber einer fernen Vergangenheit, einer völlig anderen Kultur mit ebenso unterschiedenen Verständnissen einzelner Fragen. Die historisch-kritische Methode versucht ja gerade diesen Fremdheitsaspekten gerecht zu werden, und uns dieses Buch aus der Vergangenheit zu erschließen. Inwiefern hier ein Gegensatz zwischen "im Geist, in dem sie geschrieben wurde verstehen" und der historisch-kritischen Methode bestehen soll, ist mir nicht begreiflich.
    Ich habe eher den Verdacht, dass es Benedikt (vermutlich sogar unbewusst) darum geht, sie gerade in dem Geist zu lesen, in dem er sie lesen möchte. Wer sein Jesus-Buch mal in die Hand genommen hat, wundert sich auch nicht darüber - schließlich zitiert er dort sehr ausführlich den evangelischen Exegeten Stuhlmacher, welcher im Kern dieselbe Linie vertritt.

    Schade eigentlich.

  5. 1. Er sei sich nicht bewusst gewesen, "dass man eine Papst-Rede nicht akademisch, sondern politisch liest" .....
    2. Es habe leider keiner ins Internet geschaut, argumentiert Benedikt in der Affäre Richard Williamson.
    3. "Das Priestertum plötzlich so verschmutzt zu sehen, und damit die katholische Kirche selbst, in ihrem Innersten, das musste man wirklich erst verkraften", sagt er. Vom Schmerz der Kinder ist keine Rede.
    4. Statt den Zölibat abzuschaffen, sollten die Priester in Gemeinschaften leben, um nicht zu vereinsamen und um aufeinander aufzupassen, empfiehlt er.
    5. Geschiedene seien Christen zweiter Klasse
    6. Sexualität diene ausschließlich der Fortpflanzung innerhalb der Ehe, betont der Glaubenswächter.

    Unglaublich.

    Jetzt verstehe ich warum "man" Luther als Ketzer angeklagt hat.

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