Drogenkrieg Brasilianische Polizei stürmt Armenviertel in Rio

Großrazzia gegen die Drogenmafia: Ausgerüstet mit Panzern und Hubschraubern drang die Polizei in die Favelas der Metropole vor. Hunderte Kriminelle sind auf der Flucht.

Ein gepanzerter Truppentransporter im brasilianischen Armutsviertel Vila Cruzeiro

Ein gepanzerter Truppentransporter im brasilianischen Armutsviertel Vila Cruzeiro

Nach fünftägigem Kampf gegen Drogenbanden hat die Polizei in Rio de Janeiro die Kontrolle über eines von mehreren Armenvierteln zurückgewonnen. Unterstützt von Panzern, Amphibienfahrzeugen und Hubschraubern hätten Sicherheitskräfte die Favela Vila Cruzeiro im Norden von Rio erobert, sagte der ranghohe Sicherheitsvertreter José Beltrame.

Etwa 200 mit Gewehren bewaffnete Drogenkriminelle hätten teilweise mit Motorrädern und Autos die Flucht ergriffen und sich in die benachbarte Favela Complexo de Alemão abgesetzt. Ebenso viele Sicherheitskräfte sowie 200 weitere Polizisten in Zivil drangen den Angaben zufolge nach Vila Cruzeiro vor. "Vila Cruzeiro gehört wieder zum Staat", sagte der Vizechef der Polizei, Rodrigo de Oliveira.

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Das Verteidigungsministerium kündigte an, das Militär werde 800 Soldaten, zwei Helikopter und zehn Panzer zur Verstärkung der Polizei entsenden.

Ob die Polizei in den kommenden Tagen in weitere Armenviertel in der Stadt vorrücke, ließ Oliveira offen.

Der Einsatz könnte das Image des Landes verschlechtern, was Brasilien aber nicht gelegen käme. 2014 findet dort die Fußballweltmeisterschaft statt, zwei Jahre später werden die Olympischen Sommerspiele ausgetragen. Vorher soll die Macht der Drogenbanden in den Elendsvierteln gebrochen sein. 

Der Stadtminister für Sicherheit, José Mariano Beltrame, sagte, keine Polizei der Welt wäre imstande gewesen, zu leisten, was die brasilianische Polizei vermochte. "Wir haben das Territorium erobert, das [den Drogenbanden] als Zufluchtsort diente, den mit Kriegswaffen gesicherten Ort, zu dem sie immer dann wie Feiglinge flohen, nachdem sie ihre Verbrechen begangen hatten", sagte Beltrame.

Leser-Kommentare
  1. Das Gegenteil ist wohl der Fall - viel zu lange hat man den
    Banden das Feld ueberlassen. Ich glaube dass gerade die
    Olympischen Spiele und die Fussball WM die Aktionen beschleunigen werden. Die Presse sollte Beifall bekunden.

    • wim31
    • 26.11.2010 um 13:51 Uhr

    So sehr es jetzt Applaus von vielen Seiten hagelt ("Endlich mal richtig durchgreifen!"), so sehr ist doch klar, wie wenig diese Gewaltaktion der brasilianischen Polizei am eigentlichen Problem auf Dauer etwas ändern wird. Natürlich haben sich in den Favelas Bandenstrukturen und organisiertes Verbrechen rund um das Drogengeschäft gebildet, die im übrigen in erster Linie die überwiegend hart und ehrlich arbeitende Bevölkerung der Favelas terrorisiert. Und natürlich muss dies auch mit polizeilichen Mitteln bekämpft werden. Aber Brasilien wird seine Gewaltprobleme nicht in den Griff bekommen, wenn es nicht endlich auf die tieferliegenden Ursachen schaut: Die zum Himmel schreiende soziale Ungleichheit, die soziale Exklusion von großen Teilen der Bevölkerung, die räumliche Abschiebung in Favelas, die (auch und vor allem in oberen sozialen Schichten) verbreitete Straflosigkeit, die Mangelhaftigkeit und Korruption der staatlichen Institutionen. Ein dauerhafter sozialer Friede hätte für die privilegierten Schichten Brasiliens ihren Preis: Die Umverteilung von Macht und Ressourcen zugunsten sozial Benachteiligter. Dazu sind letztlich wenige bereit. Man hat sich an ein Leben hinter hohen Zäunen und mit No-Go-Areas gewöhnt. Und einfacher ist es allemal, nach einem harten Durchgreifen der Polizei zu rufen, anstatt nach der eigenen Rolle in einer Kultur der Gewalt zu fragen.
    Grüße aus Rio!

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    • TDU
    • 26.11.2010 um 16:00 Uhr

    Vermutlich haben Sie recht. Und die privilegierten Schichten scheinen Jahrhunderte gewachsen und sind nicht durch mehrere Kriege zugunsten der breiten Masse zerschlagen worden wie hierzulande. Aber dennoch, das hier bewunderte brasilianische Lebensgefühl, ist das nicht auch eine Ursache?.

    Man kann es ja beobachten in Deutschland. No goe Aereas sind in dem Masse gewachsen, wie eine 35 STD. Wochen-Teillzeit Gesellschaft sich entwickelt hat, und je mehr die freiheitliche von möglichst allen Zwängen befreite Geselllschaft ausgerufen wurde. Vor der Brasilianisierung Deutschland wurde schon in den 1990iger Jahren gesprochen. Und "Privilegierte" gibt es auch mehr. Sogar im gehobenen Mittelstand, der sich zunehmend weniger für die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Nachkommenden inetressiert. Mag sich alles reaktionär anhören, aber die Gleichung arm gleich kriminell machts meiner Beobachtung nicht allein..

    • TDU
    • 26.11.2010 um 16:00 Uhr

    Vermutlich haben Sie recht. Und die privilegierten Schichten scheinen Jahrhunderte gewachsen und sind nicht durch mehrere Kriege zugunsten der breiten Masse zerschlagen worden wie hierzulande. Aber dennoch, das hier bewunderte brasilianische Lebensgefühl, ist das nicht auch eine Ursache?.

    Man kann es ja beobachten in Deutschland. No goe Aereas sind in dem Masse gewachsen, wie eine 35 STD. Wochen-Teillzeit Gesellschaft sich entwickelt hat, und je mehr die freiheitliche von möglichst allen Zwängen befreite Geselllschaft ausgerufen wurde. Vor der Brasilianisierung Deutschland wurde schon in den 1990iger Jahren gesprochen. Und "Privilegierte" gibt es auch mehr. Sogar im gehobenen Mittelstand, der sich zunehmend weniger für die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Nachkommenden inetressiert. Mag sich alles reaktionär anhören, aber die Gleichung arm gleich kriminell machts meiner Beobachtung nicht allein..

    • IzZo
    • 26.11.2010 um 15:37 Uhr

    Muss wirklich erst eine Fußballweltmeister kommen damit sich etwas tut? Wenn man im eigenen Land mit Panzern anrücken muss und Soldaten im eigenen Land einsetzt, ist es meistens schon reichlich spät!

    • bkkopp
    • 26.11.2010 um 15:54 Uhr

    Der Drogenkonsum ist entweder nicht kriminell, oder entzieht sich zu 99% jeder Strafverfolgung. Überall.

    Erst die Prohibition der Droge an sich produziert die gigantischen Gewinnspannen und damit die weltweite Drogen-kriminalität.

    Nur Entkriminalisierung und kontrollierter Handel, wie mit giftigen Substanzen, kann eine Linderung bringen.

    Die Befürworter der Prohibition besorgen das Geschäft der Drogengängster, ob sie dies nun wollen oder nicht. Alles andere sind Ausreden.

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    ...in den USA. Prohibition verteilt nur die Gewinne anders, das wäre aber auch schon alles, was sie hervorbringt.
    Insofern natürlich aus Sicht mancher Leute auch wieder erstrebenswert...

    ...in den USA. Prohibition verteilt nur die Gewinne anders, das wäre aber auch schon alles, was sie hervorbringt.
    Insofern natürlich aus Sicht mancher Leute auch wieder erstrebenswert...

    • TDU
    • 26.11.2010 um 16:00 Uhr

    Vermutlich haben Sie recht. Und die privilegierten Schichten scheinen Jahrhunderte gewachsen und sind nicht durch mehrere Kriege zugunsten der breiten Masse zerschlagen worden wie hierzulande. Aber dennoch, das hier bewunderte brasilianische Lebensgefühl, ist das nicht auch eine Ursache?.

    Man kann es ja beobachten in Deutschland. No goe Aereas sind in dem Masse gewachsen, wie eine 35 STD. Wochen-Teillzeit Gesellschaft sich entwickelt hat, und je mehr die freiheitliche von möglichst allen Zwängen befreite Geselllschaft ausgerufen wurde. Vor der Brasilianisierung Deutschland wurde schon in den 1990iger Jahren gesprochen. Und "Privilegierte" gibt es auch mehr. Sogar im gehobenen Mittelstand, der sich zunehmend weniger für die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Nachkommenden inetressiert. Mag sich alles reaktionär anhören, aber die Gleichung arm gleich kriminell machts meiner Beobachtung nicht allein..

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    ...in den Favelas von Rio sieht etwas anders aus, als man es sich hier wahrscheinlich vorstellt. Da geht es ums nackte Überleben. Kinderarbeit, praktisch keine medizinische Versorgung, und ganz sicher keine 35-Stunden-Woche. Dementsprechend erreichen viele gar nicht erst das Rentenalter. Dazu kommen natürlich noch die Banden, die die Einwohner der Favelas terrorisieren und den Staat dort praktisch ersetzt haben. Diese Banden haben ihre eigenen Gesetze, denen sich die Einwohner unterwerfen müssen. Da werden dann z.B. auch Kinder wegen Diebstahl zum Tode verurteilt. Bei schwerwiegenderen "Verbrechen" muss dann schon mal die ganze Familie dran glauben.

    Natürlich kann man die Favelas nicht mit ganz Brasilien gleichsetzen. Vielen Menschen in Brasilien geht es finanziell sehr gut. Aber gerade das enge Zusammenleben von arm und reich hat eben ein extremes Konfliktpotential.

    Und der Vergleich mit Deutschland ist wirklich sehr, sehr weit hergeholt.

    ...in den Favelas von Rio sieht etwas anders aus, als man es sich hier wahrscheinlich vorstellt. Da geht es ums nackte Überleben. Kinderarbeit, praktisch keine medizinische Versorgung, und ganz sicher keine 35-Stunden-Woche. Dementsprechend erreichen viele gar nicht erst das Rentenalter. Dazu kommen natürlich noch die Banden, die die Einwohner der Favelas terrorisieren und den Staat dort praktisch ersetzt haben. Diese Banden haben ihre eigenen Gesetze, denen sich die Einwohner unterwerfen müssen. Da werden dann z.B. auch Kinder wegen Diebstahl zum Tode verurteilt. Bei schwerwiegenderen "Verbrechen" muss dann schon mal die ganze Familie dran glauben.

    Natürlich kann man die Favelas nicht mit ganz Brasilien gleichsetzen. Vielen Menschen in Brasilien geht es finanziell sehr gut. Aber gerade das enge Zusammenleben von arm und reich hat eben ein extremes Konfliktpotential.

    Und der Vergleich mit Deutschland ist wirklich sehr, sehr weit hergeholt.

  2. ...in den USA. Prohibition verteilt nur die Gewinne anders, das wäre aber auch schon alles, was sie hervorbringt.
    Insofern natürlich aus Sicht mancher Leute auch wieder erstrebenswert...

  3. ...in den Favelas von Rio sieht etwas anders aus, als man es sich hier wahrscheinlich vorstellt. Da geht es ums nackte Überleben. Kinderarbeit, praktisch keine medizinische Versorgung, und ganz sicher keine 35-Stunden-Woche. Dementsprechend erreichen viele gar nicht erst das Rentenalter. Dazu kommen natürlich noch die Banden, die die Einwohner der Favelas terrorisieren und den Staat dort praktisch ersetzt haben. Diese Banden haben ihre eigenen Gesetze, denen sich die Einwohner unterwerfen müssen. Da werden dann z.B. auch Kinder wegen Diebstahl zum Tode verurteilt. Bei schwerwiegenderen "Verbrechen" muss dann schon mal die ganze Familie dran glauben.

    Natürlich kann man die Favelas nicht mit ganz Brasilien gleichsetzen. Vielen Menschen in Brasilien geht es finanziell sehr gut. Aber gerade das enge Zusammenleben von arm und reich hat eben ein extremes Konfliktpotential.

    Und der Vergleich mit Deutschland ist wirklich sehr, sehr weit hergeholt.

    Antwort auf "@2 vermutlich"
  4. Die Kriminalisierung von Drogen hier in Brasilien (wie in manchen Ländern) zeigt sich als ein politisches Instrument für Strafverfolgung der Ärmsten: selten sieht man Leute der Mittelschicht oder der Oberschicht, die die Gewalt der Drogenhändler durch alltäglichen Kauf von Drogen finanzieren, wegen Drogenkonsum oder Handeln bestraft.

    Und das ganz zu schweigen vom religiösen und moralischen Gehalt des Verbotes, das gegen die Selbstbestimmung und Selbstentwurf des Menschen in einem Rechtsstaat verstoßt: man darf Alkohol bis zum Tod trinken (Tod des eigenen oder anderer Personen durch Verursachung von Unfällen usw), aber keine einzige Zigartte von verbotenen Drogen rauchen...

    Also sind weder die potenzielle Schädigung der eigenen Gesundheit durch Drogenkonsum noch das dadurch entstandene gefährliche Verhalten die wirklichen Gründe für das Verbot.
    Die wirklichen Ursachen des Problems sollten diskutiert werden. Mehr Polizei in den Favelas ist keine Lösung gegen die Gewalt in Rio de Janeiro, denn die soziale Ungerechtigkeit und das moralistische Drogenverbot durch das Gesetz bleiben immer noch unberührt.
    Grüße aus Brasilien

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