FlugzeugunglückContinental wegen Concorde-Absturz verurteilt

Ein französisches Gericht hat Continental die Schuld am Concorde-Absturz gegeben, bei der vor zehn Jahren 113 Menschen starben. Die Airline muss eine Geldstrafe zahlen. von dpa , AFP und Reuters

Das Metallteil, das die Concorde-Katastrophe ausgelöst haben soll

Das Metallteil, das die Concorde-Katastrophe ausgelöst haben soll  |  © Bertrand Guay/AFP/Getty Images

Die Schuld an der Flugzeugkatastrophe vom 25. Juli 2000 in Paris, bei der eine Concorde der Air France in Flammen aufging, trägt die US-Fluggesellschaft Continental. Die Richter verurteilten das Unternehmen zu einer Geldstrafe in Höhe von 200.000 Euro. Die Staatsanwaltschaft hatte 175.000 Euro gefordert. Zudem erhielt ein Continental-Mitarbeiter 15 Monate Haft auf Bewährung. Das Unternehmen muss zudem eine Million Euro Schadenersatz an Air France zahlen.

Der Anwalt von Continental kündigte an, das Urteil anzufechten. Die Entscheidung schütze nur die Interessen der französischen Wirtschaft, sagte Olivier Metzner. "Auch Air France hat Fehler begangen." Es seien Beweise verschwunden. Das werde in den nächsten Wochen bekannt werden.

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Vier andere Angeklagte sprachen die Richter frei, darunter auch den damaligen Chef des Concorde-Programms Henri Perrier. Für ihn hatte die Staatsanwaltschaft zwei Jahre Haft auf Bewährung gefordert. Ihm soll die Anfälligkeit des Flugzeugs bekannt gewesen sein.

Eine DC-10 des Unternehmens hatte am Unglückstag auf der Rollbahn des Flughafens Charles de Gaulle eine 43 Zentimeter lange und drei Zentimeter breite Lamelle aus Titan verloren. Aus Sicht der Richter löste das Teil das verheerende Unglück der Überschallmaschine aus. Air France war in diesem Prozess als Nebenkläger aufgetreten, Hauptkläger war die dem Justizministerium unterstellte Staatsanwaltschaft. Beschuldigt gewesen waren zwei Mechaniker von Continental: Ein Monteur hatte in Texas die Lamelle an die DC-10 geschraubt, einen vom Hersteller nicht genehmigten Ersatz für ein fehlendes Originalteil. Sein Vorgesetzter hatte die Reparatur gebilligt.

Das Metallteil zerschnitt einen Reifen der Concorde, als der Jet um 16.43 Uhr mit vollem Schub darüber rollte. Daraufhin herumfliegende Teile beschädigten einen Treibstofftank des Überschallflugzeuges, die Maschine ging in Flammen auf. Bei der Katastrophe starben 97 Deutsche, die von New York aus zu einer Kreuzfahrt starten wollten.

Continental versuchte in dem vier Monate dauernden Verfahren nachzuweisen, dass die Concorde schon vorher gebrannt hatte – ergebnislos. Allerdings hörte das Gericht die gut 20 Augenzeugen nicht an, die behaupten, die Concorde habe bereits gebrannt, bevor sie die Titan-Lamelle überfuhr. Auch die Überladung der Maschine um eine Tonne sowie die Fehlstellung eines Reifens wurden nicht weiter verfolgt. Ein Opferanwalt hatte während des Prozesses gesagt, dass Air France von den vielen technischen Pannen bei der Concorde gewusst haben muss. Auch die Fluggesellschaft hätte angeklagt werden müssen, sagte der Frankfurter Rechtsbeistand Ronald Schmidt.

Zwar waren Passagiere in der Concorde jahrelang mit mehr als 2000 Kilometern pro Stunde in nur dreieinhalb Stunden über den Atlantik geflogen. Doch nicht immer waren die Reisenden dabei sicher: In den 24 Jahren Flugbetrieb seit 1976 platzten insgesamt 65 Mal Reifen. 1981 wies die US-Verkehrsbehörde NTSB das französische Luftfahrtamt BEA darauf hin, dass es bei Concorde-Starts auf US-Flughäfen binnen 20 Monaten vier Reifenpannen gegeben habe, die "in eine Katastrophe hätten münden können".

Bei einem der Zwischenfälle wurden 1979 zwei Reifen zerfetzt, deren Trümmer ein Triebwerk beschädigten, drei Tanks durchschlugen und ein Loch in eine Tragfläche rissen. Doch erst nach der Katastrophe vom Juli 2000 wurden die Tanks verstärkt und dickere Reifen aufgezogen. Die Concorde wurde dadurch schwerer und konnte statt 100 Passagiere nur 90 transportieren. 2003 stellten Air France und British Airways, die einzigen Fluggesellschaften, die sich bis dahin aus Prestigegründen die teuren und kerosindurstigen Überschallflüge leisteten, ihre Concordes außer Betrieb.

Für die deutschen Hinterbliebenen hat das Urteil nur noch symbolische Bedeutung. Bereits ein Jahr nach dem Unglück hatte sich Air France mit den Angehörigen der deutschen Opfer auf hohe Entschädigungszahlungen geeinigt. Bis zu 300 Millionen Mark sollen für die Zusage geflossen sein, von weiteren Ansprüchen oder Rechtsmitteln abzusehen. Ein Eingeständnis von Schuld wollten die Konzernlenker darin aber nicht sehen.
 

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Leserkommentare
  1. ...Daraufhin herumfliegende Teile beschädigten einen Treibstofftank des Überschallflugzeuges, die Maschine ging in Flammen auf....

    besser:
    ...Daraufhin beschädigten herumfliegende Teile einen Treibstofftank des Überschallflugzeuges, die Maschine ging in Flammen auf...

  2. Während man Ihnen mit der Zahlung eines Betrages ein Schuldeingeständnis anhängt (denken Sie daran, wenn Sie mal abgemahnt werden), leisten Unternehmen "freiwillige" Präventivzahlungen, um zu erwirken, dass seitens der Opferangehörigen gar nicht erst nach Aufklärung verlangt wird und sehen darin kein(!) Schuldeingeständnis.

    Der Rechtsbewanderte wird das natürlich zweifelsohne deuten und erklären können, doch rein moralisch (und das hat mit dem geltenden Recht ja nicht immer etwas gemein) ist es schon eine seltsame Praxis, solche Zahlungen nicht zumindest als ängstliches Bestreben anzusehen.
    Wenn Sie von "Bis zu 300 Millionen Mark" für einen Teil der Hinterbliebenen (der Rest klagte ja) sprechen, dann sind das doch enorme Summen, die aber immer noch unterhalb des wohl angenommenen Schadens lagen.
    Eine interessante Aufrechnung also.

    Da werden nicht wenige erleichtert geseufzt haben, als man den nun (Haupt-)Schuldigen ernannte, wenn ich auch beipflichte und zumindest nach den offiziellen Daten kein Versäumnis erkenne, welches seitens Air France zu solchen Unglücken führen könnte.
    Nichtsdestotrotz verwundert die Zahlungsbereitschaft von damals mehr denn je.

    Es wäre natürlich interessant, zu erfahren, was nun die Entscheidung beeinflusste, das falsche Teil an der DC-10 zu montieren. War das billiger, war kein anderes dar? Ist das gängige Praxis (gewesen) oder nur Einzelfall?
    Wenn man an Lehren aus Fehlern interessiert ist, dann sind das elementare Fragen.

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    • Folko
    • 06. Dezember 2010 14:38 Uhr

    Es geht hier in erster Linie nur um eine Schuld im rechtlichen Sinne. Würde Air France Geld zahlen ohne dieses Statement abzugeben, würden sie sich selber schon im Vorfeld eines generellen Prozesses, wie er dann ja auch stattgefunden hat, ins Bein schießen.
    Gleichzeitig war dies wohl die einzige Möglichkeit, den Opfern relativ schnell und unbürokratisch zu helfen. Sonst hätten allein um eine angemessene Höhe der einzelnen Entschädigungen festzulegen Untersuchungen und Verfahren geführt werden müssen.
    Das wäre einerseits für die Hinterbliebenen schmerzhaft und für das Image von Air France schlecht.
    Daher darf man diese Formulierung das die Zahlung kein Schuldeingeständnis ist nicht zu hoch hängen. Oft ist dies auch ein billigerer Weg für Konzerne, da sie wie gesagt keinen bis wenig Imageverlust erleiden (weniger Presse über die Opfer), sich falls sie verlieren die hohen Gerichts- und Untersuchungskosten sparen und falls sie doch gewinnen würden die Berichte über arme Halbwaisen etc denn vom bösen Konzern nicht geholfen wurde.
    Daher fast eine win-win Situation, da die Hinterbliebenen auch zügiger Ruhe finden können. Zumal in diesem Fall ca. 3Mio DM pro Opfer auch nicht wenig sind.

    • Ius
    • 06. Dezember 2010 12:40 Uhr
    3. Die...

    professionellen Erbsenzähler sind wieder im Lande. Wüsste nicht, warum es besser ist, wie Sie es formulierten.

    B2T: Wieso hat das Gericht bitte diese ~ 20 Zeugen - nicht - angehört?

  3. Es gibt in der Luftfahrt das Warschauer Abkommen von 1929, welches kurzgefasst besagt, das bei jeder Art von Schaden im Luftverkehr immer zuerst die Fluggesellschaft in der Verantwortung steht ungeachtet der endgültigen Schuldfrage.

    Dieser Urteil ist also lediglich die Weiterleitung der Verantwortung und letztlich der Kosten an Continental Airlines

    • eeee
    • 06. Dezember 2010 15:44 Uhr

    zurückverfolgen können bis zum Schmetterling in China. Dessen Großmutters Halters Großvater (ältester lebender Vorfahr) zahlt dann den Schaden.

  4. ... mag ja sein, dass das verlorene Teilchen der Continental-Maschine der Auslöser war. Aber dass ein besserer Reißnagel auf der Rollbahn unmittelbar zur Explosion eines ihrer Flugzeuge geführt hat, lässt Air France auch nicht gerade gut aussehen.

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    Nun ja, so sehr ähnlich sind sich besagter Nagel und das böse Teil der DC-10 nun nicht. Vor allem hat der Nagel keine Kante, die sich ungünstig für den Reifen platzieren kann.

    Auch der (nun) moderne Reifen eines Flugzeuges (die Entwicklung wurde nach dem Vorfall wesentlich voran gebracht) hat bei 324 km/h und gut über 180 Tonnen Startgewicht der Concorde bei einer gänzlich flachen, gänzlich schmutzfreien und normal temperierten Piste schon ordentlich zu tun.
    Das Saloppe hier umschreibt die Kräfte, die durch das Gewicht (ein Flugzeug "drückt" sich vor dem Abheben in den Boden, um zu rotieren, der Punkt des Drückens ist das Hauptfahrwerk), die Rotation des Reifens, das Drängen der Reifenmasse damit nach außen und die normalen Vibrationen grob umrissen werden.
    Das ist alles andere als unerheblich und jede Autoreifentechnologie würde daran verzweifeln. Da täuscht die Kleinigkeit dieses Teils also und besagte Kante bringt da rein punktuell schon viel Ungleichgewicht in das große Reifenkonstrukt. Ein Fahrradreifen verliert Luft, wenn er durchlöchert wird, dieser Reifen hier zerlegte sich in seine Teile.

    Der ganze (weitere) Vorgang ist tragisch, aus technischer und vor allem natürlich menschlicher Sicht. Doch Sie werden nicht viele finden, die der Concorde ein schlechtes Zeugnis ausstellen, obwohl später eine Revision stattfand.
    Die Reifen waren und sind kritisch bei Flugzeugen, wurden zwar verbessert, aber bleiben heikel, wenn Gegenstände und Umstände stören, auch kleinere.

  5. Schon toll wie Air France sich bisher aus der Affäre gezogen hat. Oder aus der Affäre gezogen wurde?
    Wenn Tatsachen, wie sie im Artikel beschrieben sind, völlig außer acht gelassen werden - welche durchaus in einem sinnvollen Zusammenhang mit dem tragischen Unglück stehen können - ist bedenklich.
    Aber der "absolute Hammer" ist, dass der Mechaniker als einziger (mit 15 Monate auf Bewährung) für das komplette Versagen des Continental-Qualitätsmanagements gerade stehen muss. Es gibt (gerade in der Luftfahrt) Mechanismen die genau solche Vorfälle verhindern sollen und dies bei richtiger Umsetzung auch tun.
    Das der Mechaniker alleinig die Schuld tragen muss, ist ungefähr genau so als wenn die Reinigungsfachkraft im US Außenministerium dafür verurteilt wird, dass Geheime US Dokumente bei WikiLeaks erscheinen.
    Wenn so die europäische Rechtsprechung aussieht sollten die Luftfahrzeugmechaniker bei den nächsten Gehalts-verhandlungen die Gehälter ihrer Bosse einfordern (sozusagen als Risikoversicherung).

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  • Quelle dpa, AFP, Reuters
  • Schlagworte Concorde | Continental | Charles de Gaulle | Justizministerium | Flugzeugunglück | Katastrophe
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