In der katholischen Kirche wurden Missbrauchsfälle über Jahrzehnte hinweg verschwiegen und Akten systematisch vernichtet. Zu diesem Ergebnis kommt ein unabhängiges, kirchlich bestelltes Gutachten für das Erzbistum München und Freising. Die Akten des Erzbistums seien völlig lückenhaft, sagte die Gutachterin und Rechtsanwältin Marion Westpfahl bei der Vorstellung ihrer Ergebnisse für die Jahre 1945 bis 2009.

Eine katastrophale Aktenpflege gab es nach ihren Angaben auch während der Münchner Amtszeit des heutigen Papstes Benedikt XVI. Joseph Ratzinger war von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising. Sie habe nur ein einziges Dokument gefunden, wonach Ratzinger selbst mit einem Missbrauchsfall befasst gewesen sei, sagte Westpfahl. In dem seitenlangen Schreiben habe er einem Pfarrer südlich von München klargemacht, dass dieser wegen sexueller Übergriffe aus der Pfarrei entfernt werden müsse.

Nach Angaben der Gutachterin wurden in dem Erzbistum in der Vergangenheit immer wieder Akten offenkundig bewusst vernichtet, um Missbrauchsfälle zu verheimlichen. Statt an das Leid der Opfer zu denken, hätten viele Kirchenmitarbeiter in erster Linie einen Skandal vermeiden wollen. Westpfahl sagte, das Ordinariat habe ihr bei ihren Nachforschungen völlig freie Hand gelassen und keinerlei Auflagen gemacht.

Mehr als 13.200 Akten wurden zusammen mit Mitarbeitern des Ordinariats durchforstet. In 365 davon fanden sich Hinweise, "dass ein wie immer geartetes Missbrauchsgeschehen stattgefunden hat". 159 Priester seien demnach auffällig geworden, ebenso 15 Diakone, 96 Religionslehrer im Kirchendienst und sechs pastorale Mitarbeiter. Der ländliche Raum sei dabei besonders betroffen gewesen.

Zu strafrechtlichen Verurteilungen sei es jedoch auch wegen der "systematischen Vertuschungsstrategie" in der Kirche kaum gekommen. "Wegen Sexualdelikten wurden nur 26 Priester verurteilt", berichtete die Anwältin. "Unter den Verurteilten befindet sich kein lebender Diözesanpriester." Aus Sicht des Gutachtens sei aber bei mindestens 17 weiteren Priestern von einem Nachweis verübter Sexualdelikte auszugehen. "Wir müssen von einer erheblichen Dunkelziffer ausgehen", sagte Westpfahl. "Denn wir haben es mit umfangreichen Aktenvernichtungsaktionen zu tun."

Zum Teil seien Akten in Privatwohnungen weggebracht worden, zum Teil seien sie im Ordinariat für Unbefugte zugänglich gewesen. Oft lasse sich das Leid der Opfer nur erahnen, weil in den Kirchenakten Sexualdelikte oft bloß in völlig verharmlosender Sprache erwähnt würden. Strafurteile hätten weitgehend keinen Eingang in die Akten gefunden, so dass sich nicht mehr rekonstruieren lasse, wo jemand wegen sexuellen Missbrauchs oder etwa wegen Trunkenheit am Steuer verurteilt worden sei. Und bei Priestern aus anderen Diözesen fehlten klare Hinweise, ob sie ihre Wirkungsstätte wegen sexueller Auffälligkeit hätten verlassen müssen.

Für einen korrekten Umgang mit bekannt gewordenen Sexualdelikten in den eigenen Reihen seien letztlich die Generalvikare von entscheidender Bedeutung und weniger die Bischöfe, sagte Westphal. So habe es gleich nach dem Zweiten Weltkrieg in München zwei Generalvikare gegeben, die in solchen Fällen sehr rigoros durchgegriffen hätten.

"Das zu Ende gehende Jahr 2010 ist für die Kirche zu einem Jahr der Buße geworden", sagte der Münchner Erzbischof und Kardinal Reinhard Marx. Die bekannt gewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt hätten einen großen Schock ausgelöst. "Für mich waren es die sicher schlimmsten Monate meines Lebens. Meine Empfindungen waren Scham, Trauer und Betroffenheit." Man wolle den Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen und ihr Leid anerkennen, aber auch aus den Fehlern der Vergangenheit die nötigen Konsequenzen ziehen. "Wir bitten als Kirche um Vergebung für das, was Mitarbeiter der Kirche getan haben."