Der Text heißt nun doch Abschlussbericht. Zwar gebe es ein "fortbestehendes Dunkelfeld" im Missbrauchsskandal der Odenwaldschule, sagen die Anwältinnen Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann. Doch verarbeite der Bericht alles, was an Mitteilungen Betroffener zwischen März und Dezember 2010 eingegangen sei. Burgsmüller und Tilmann sind mit der Aufarbeitung des Jahrzehnte währenden sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen an der Schule beauftragt und stellten heute ihren Bericht vor. Eingeflossen sind die Meldungen direkt Betroffener sowie die von Zeugen sexuellen Missbrauchs an ihren Mitschülern.

Nach den Erkenntnissen der Anwältinnen sind seit 1969 mindestens 132 Kinder und Jugendliche Opfer sexuellen Missbrauchs an dem reformpädagogischen Internat geworden, 115 Jungen, 17 Mädchen. Die Bandbreite der genannten Taten reicht vom Anfassen von Geschlechtsteilen beim Wecken oder Duschen bis hin zu Vergewaltigung.

Der Bericht nennt auch die Haupttäter mit Namen. Nach den Erkenntnissen von Burgsmüller und Tilmann hat allein der ehemalige Schulleiter, der inzwischen verstorbene Gerold Becker, 86 Jungen sexuell missbraucht, der Großteil zwischen 12 und 15 Jahre alt. Außerdem genannt sind die Lehrer Wolfgang Held, Jürgen Kahle und Gerhard Trapp.

Die Verfasserinnen gehen in ihrem Bericht auch der Frage nach der Verantwortung der jeweiligen Schulleiter nach. So ist nun belegt, dass sich Schüler bereits vor der Zeit als Haupttäter Gerold Becker als Schulleiter der Odenwaldschule im Amt war (1972-1985) mit Hinweisen auf Missbrauch an seinen Vorgänger Walter Schäfer richteten. Schäfer leitete die Schule von 1962 bis 1972. Ein beschuldigter Lehrer, Trapp, wurde nach Hinweisen von Schülern Ende der 1960er Jahre entlassen. Ein weiterer, der Musiklehrer Held, durfte bleiben.

Der Bericht geht von 14 Tätern aus, neben Lehrern auch eine Lehrerin, ein Referendar und ein Mitarbeiter der Druckerei. Außerdem werden vier ehemalige Schüler als Täter genannt. Sie hatten ihre jüngeren Mitschüler sexuell missbraucht.

Erwähnung finden auch die Berichte von zehn Altschülern, die nicht direkt von sexueller Gewalt betroffen waren, aber sich für andere einsetzten und den Missbrauch an der Schule beenden wollten. Sie berichten von Sanktionen wie schlechter Benotung, Schulverweisen und der Verhinderung der Möglichkeit, das Abitur abzulegen. Alle hätten eindringlich geschildert, wie diese Gängelung bei ihnen zu Unsicherheit und Depressionen führte.