WikileaksTransparenz, und dann?

Sollte die Politik transparenter werden, wäre damit allein nicht viel gewonnen: Auch der Bürger muss dann mehr Verantwortung tragen. Ein Kommentar von 

Für einen Augenblick schien es, als sei die Zauberformel gefunden. Spätestens seit den jüngsten Veröffentlichungen von Wikileaks wurde manchem der Begriff der Transparenz zum Heilsversprechen für westliche Demokratien, in denen staatsbürgerliches Misstrauen gegen angeblich verbreitete Hinterzimmerpolitik das beherrschende Gefühl ist. Eine Offenlegung aller demokratischen Prozesse könnte der Heimlichkeit Einhalt gebieten , heißt es. Und wenn man sich vorstellt, die Bundesregierung, jede Landesverwaltung bis hinunter zum Dorfbürgermeister veröffentlichte freiwillig alle Akten , wäre vielleicht in der Tat manches gewonnen.

Was verloren ginge, ist die Aufmerksamkeit.

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Wikileaks macht bravourös vor, wie man diese maximal erzeugt. Ein simpler Vermarktungstrick, der zwei Wege nutzt. Erstens die Weitergabe an ausgewählte Medienpartner, die das zugespielte Material lesen, bewerten und aufbereiten. Zweitens die Suggestionskraft des Geheimen, auf das sich alle Augen richten – sowohl jene der Bürger von maßvollem, aufgeklärtem Argwohn, als auch die Augen derjenigen, die hinter jeder Regierungserklärung eine Verschwörung wittern. Reflexartig wird "geheim" sogleich in "wichtig" umgedeutet. Eine Annahme, die zumindest Teile der einsehbaren Botschaftsdepeschen und Irak-Dokumente widerlegen. Dennoch: Es wird sich massenhaft mit ihnen beschäftigt.

Wenn Politik nun geheimnislos, alles für jeden einsehbar wird, verliert aber auch das Geheimdokument seine Sensation. Es wird fürderhin zu einem wichtigen, in seiner Form aber gewöhnlichen Gegenstand, der ohne mediales Konfetti und knallende Exklusivgeschichten mit seinesgleichen um Aufmerksamkeit konkurrieren muss. Womöglich versinkt es im öffentlichen Rauschen, versendet sich, ohne dass man überhaupt davon etwas gehört, geschweige denn gelesen hat. Das machtvolle Instrument der Transparenz wäre unvermutet stumpf.

Damit es nicht zu dieser Trivialisierung kommt, bedarf es nicht nur Journalisten und Nichtregierungsorganisationen, die den Inhalt der unüberschaubaren Dokumentenflut deuten. Es erfordert mehr denn je die beharrliche Bereitschaft des einzelnen aktiven Bürgers, sich mit dem Material zu beschäftigen, kreativ damit umzugehen, selbst wenn es sich um hundertseitige, unübersetzte bürokratische Papiere handelt. Straßenbau-Anträge, Bahnhofsbaubestimmungen, Protokolle aus Koalitionsverhandlungen, kurzum: Papiere ohne reizvolle, weltumspannende Verdachtsmomente und Revolvergeschichten. Erst dann hat die Transparenz einen Nutzen für die Demokratie. Sonst bleibt sie eine rhetorische Figur. Denn ein Informationsrecht, das niemand gebraucht, ist wenig wert.

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