Die Ehrenprofessorin Alice Schwarzer hält sich nicht lange mit Einleitungen auf, sie geht gleich in den Nahkampf. "Es gibt Leute, die haben kritisiert, dass ich hier auftrete", sagt sie. "Man wirft mir anrecherchiertes Halbwissen vor und einen angeblichen Überlegenheitsanspruch. Solche Diffamierungsstrategien bin ich gewohnt, ich freue mich auf die Diskussion." Es ist ein Einstieg, wie ihn das Publikum von Alice Schwarzer, der deutschen Über-Feministin, Emma-Herausgeberin und zurzeit Inhaberin des Ehrentitels Mercator-Professur der Uni Duisburg-Essen, erwarten – freudiges Klatschen im großen Auditorium. 

Der Ton des Abends ist damit vorgegeben. "Über Islam, Islamismus und Integration" will Schwarzer heute reden. Von diesem Dreiklang bleibt dann aber nur der Islamismus übrig, die radikale, politische Auslegung des Islams also. Und eigentlich geht es nur um eines: Das Kopftuch. Oder, in Schwarzers Worten: " Die Flagge des weltweiten, militanten Islamismus. " Mit großem Kaliber auf den Gegner – das ist die Art der Alice Schwarzer seit über 30 Jahren, eine Art, mit der sie, zwar nicht im Alleingang, aber doch als entscheidende Vorreiterin, eine Menge zum Guten verbessert hat in Deutschland. Und doch ist es genau dieses kompromisslose Anprangern, das ihr Engagement in Islam-Fragen jetzt so zweischneidig, wenn nicht gar kontraproduktiv macht. Das zeigt dieser Abend an der Essener Universität.  

Schwarzer beschränkt sich darauf, zwei Texte aus ihrem aktuellen BuchDie große Verschleierungvorzulesen. Sie zitiert eine Studie aus dem Jahr 2009, nach der sich nur ein Drittel der vier Millionen in Deutschland lebenden Muslime als stark gläubig versteht. Sieben von zehn der muslimischen Frauen hierzulande haben noch nie im Leben ein Kopftuch getragen, und selbst unter den stark Gläubigen verhüllt nur jede Zweite manchmal oder immer ihre Haare. " Aber wenn man in Deutschland fernsieht, hat man doch das Gefühl, 99 von 100 Muslimas gehen mit Kopftuch ins Bett! " , ruft Schwarzer. Gelächter im Publikum. Was sie nicht sagt: Auch sie arbeitet heftig mit an diesem falschen Medienbild. Auf dem Cover ihres Buches ist nichts als der drohende, schwarze Umriss einer voll verschleierten Frau abgebildet. Und im Buch und der Vorlesung selbst vergisst sie die selbst zitierten Statistiken ganz schnell, um weiter vorzupreschen auf ihrem Kreuzzug gegen das Kopftuch.

Schwarzers Argumentation funktioniert dabei wie folgt: Einzelne Frauen mögen das Kopftuch ja subjektiv aus unterschiedlichen Gründen tragen, die vielleicht auch ihre Berechtigung haben, " aber objektiv " , so Schwarzer, sei es nun mal ein " eindeutig politisches Symbol und ein Mittel der Unterdrückung " .

Warum aber soll gerade diese Interpretation die objektiv wahre Bedeutung des Kopftuches sein? Kann ein mit unterschiedlichsten Bedeutungen und Zuschreibungen aufgeladenes Symbol auf eine Aussage reduziert werden? Und warum sollte gerade Schwarzer das Recht zustehen, diese objektive Wahrheit zu definieren? Sie gibt keine Antworten auf diese Fragen an diesem Abend, und keine Antworten in ihrem Buch. Stattdessen greift sie immer wieder auf die islamische Revolution im Iran zurück, das Schlüsselerlebnis für Schwarzer. Die Erfahrungen von damals sind es, die Schwarzer gegen eine " falsche Toleranz " im Westen in Stellung bringt. Es fällt hier der entlarvende Satz: " Dabei war alles von Anfang an klar. " Vor über 30 Jahren also hat Alice Schwarzer die Wahrheit erkannt, und bis heute hat diese sich nicht verändert.  

Anderthalb Stunden wettert sie auf der Veranstaltung in Essen gegen lieb gewonnene Feinde, gegen " rührige Islamverbände " , die zu Unrecht den Diskurs in Deutschland bestimmen würden. Gegen Schulen und Gerichte, die muslimische Mädchen aus " kulturellen Gründen " vom Schwimmunterricht entbinden. Aber auch gegen Tariq Ramadan , einen europäisch-muslimischen Intellektuellen, dem sie nichts Geringeres vorwirft, als den Kampf der Islamisten " auf seine Art " fortzusetzen. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdoğan ist für sie genau so islamistisch wie die Religionsbehörde Ditib. Alles führt hin zu ihrer zentralen Forderung, das Kopftuch an deutschen Schulen zu verbieten. Schwarzer will eine vermeintliche Zwangsverschleierung durch eine große Zwangsentschleierung beantworten.

Viele Experten sehen das ähnlich wie sie. Das Problem ist der Ton. Musliminnen sind für Schwarzer fast immer zwischen den Kulturen zerrissene junge Frauen oder in der Wohnung eingesperrte Mütter, sie kommen nur als Opfer vor. So entmündigt sie gerade die, denen sie helfen will.