Attentat von Tucson : Demokratie im Fadenkreuz
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Örtlicher Sheriff spricht von einem "Klima des Gifts"

In der politischen Sprache und Symbolik der USA sind Anleihen aus Krieg und Jagd üblich. Vereinzelt gibt es das auch in Deutschland, zum Beispiel "Schießen Sie los …" zu Beginn einer Debatte. In Amerika geht das viel weiter. Sarah Palin arbeitete mit Wahlkreiskarten, auf denen sie demokratische Gegner mit einem Fadenkreuz versah . In Anspielung auf den überraschenden Sieg des Republikaners Scott Brown bei der Senatsnachwahl in Massachusetts im Januar 2010 gab sie die Parole aus, die Kongresswahl im November sei die Gelegenheit " to reload " – nachzuladen. Giffords republikanischer Herausforderer in Arizona war der 29-jährige Jesse Kelly, Unteroffizier bei der Elitetruppe US Marines. Er bat um "Hilfe, Gabrielle Giffords aus dem Amt zu entfernen" und lud direkt danach dazu ein, "eine vollautomatische M 16 mit mir leer zu schießen", das Schnellfeuergewehr der Marines.

Sind die Toten von Tucson Opfer dieser Rhetorik? Hat der Täter die Wahlkampfreden wörtlich genommen? Der 75-jährige Sheriff Clarence Dupnik, in dessen Bezirk der Tatort fällt, spricht den Verdacht mit der Leidenschaft aus, die das Leiden an einem solchen Verbrechen schafft. Auch er bekomme regelmäßig Todesdrohungen. In diesem "Klima des Gifts" werde bald kaum noch jemand für öffentliche Ämter kandidieren.

Die Medien reagieren zurückhaltend. Nur wenige linke Kommentatoren schließen sich Dupnik an. Doch auch die Kollegen, die den Vorwurf unausgesprochen lassen, haben ihn im Bewusstsein. Auffällig oft betont der rechte Sender Fox , der Palin offen unterstützt, es gebe keinen Beleg für ein politisches Motiv. CNN warnt vor "voreiligen Schlüssen".

Jared Lee L., der 22-jährige Schütze, verweigert bisher die Aussage. Den ersten Informationen nach kann er alles sein: geistig verwirrt, ein Rechter oder ein Linker, ein Extremist oder ein Spinner. Er wollte zur Armee, die hat ihm die Aufnahme verweigert, sagt aber nicht warum – unter Berufung auf Persönlichkeitsrechte. Es gab eine Internetseite unter L.s Namen. Ist sie authentisch? Wer auch immer sie unter anlegte, nennt das Kommunistische Manifest , Hitlers Mein Kampf und Kinderbücher wie Alice in Wonderland als Lieblingslektüre. Der Eintrag Meine finale Botschaft löst Neugier aus, der Inhalt ist sinnloses Gefasel, das Unzufriedenheit und Ärger verrät, aber kein Motiv. Die Ermittler fahnden nach einem zweiten Mann, sagen aber nicht warum. Ist er ein Mittäter? Hat er Jared Lee L. zum Tatort gebracht, ohne seine Pläne zu kennen?

Nur wenige Stunden nach der Bluttat haben die Republikaner das Votum über die Rücknahme der Gesundheitsreform abgesagt. Auch sie gilt als Symbol der Unversöhnlichkeit. Amerika ist im Schock. Aber niemand weiß, ob er ausreicht, um die Rhetorik des Hasses zu beenden.

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Kommentare

122 Kommentare Seite 1 von 18 Kommentieren

Sarah Palin,

und ihre Teaparty haben diese Frau auf dem Gewissen! Nun bin ich zwar kein Jurist, aber in meinen Augen macht sich jemand schuldig, wenn er auf solche Weise Gegner anprangert und indirekt zu deren Tötung aufruft!
Sollten die USA noch irgendeine Form von Rechtsstaat sein, sollte sie dieser verrückten aus Alaska möglichst schnell das Handwerk legen - auch wenn sie sich hinter ihren sagenhaften Dummheit zu verstecken trachtet!

Das war die Tat eines einzelnen Mannes

Das war eindeutig die Tat eines verwirrten einzelnen Mannes. So etwas nennt man einen Einzelfall!

Dafuer jetzt die Mehrheit der Republikaner zu verurteilen finde Ich aus meiner Sicht ein wenig republikanophob!

Auch wenn der Herr Mein Kampf, Dein Kapital usw. in seinem Buecherregal stehen hat, heisst das ja logischerweise nicht, dass alle die diese Buecher im Regal haben, vor haben Menschen zu erschiessen!

keine Ahnung

Sie haben leider keine Ahnung, was ein Rechtsstaat bedeutet. Der verbietet es nämlich nicht, Politiker allein wegen ihrer Dummheit aus der Politik auszuschließen. Deswegen dürfen ja auch bei uns die Stalinistin Sarah Wagenknecht und auch O. Lafontaine ihr vom Steuerzahler gut bezahltes Unwesen treiben.
Übribens würde Frau Giffords im ZEIT-Forum als eiskalte neoliberale Ideologin verschrien werden, u.a. weil sie sich für das Recht auf Waffen ausgesprochen hat.
Diesen Schuss können die deutschen Linken nicht für sich verbuchen. Meine Genesungswünsche gelten Frau Giffords.

Fadenkreuze

Wer seine politischen Gegner auf einer Landkarte darstellt und sie mit Fadenkreuzen versieht ist also gänzlich unschuldig, wenn ein "verwirrter Einzeltäter" auf die Idee kommt, diese Aufforderung in die Tat umzusetzen?
Stellen sie sich das bitte einmal in Deutschland vor: Die FDP würde auf googlemaps die Wohnorte einzelner Abgeordneter der LINKEN mit einem Fadenkreuz markieren - was glauben Sie, wären die Reaktionen in Deutschland, selbst wenn NICHTS geschähe?

Antisemitismus?

Wer 1+1 zusammenrechnet, wird herausfinden, das dass Ergebnis immer 2 sein wird. Egal wie man es dreht und wendet.

Ich komme zu dem Ergebnis, dass der versuchte Mord an Gabrielle Giffords und der Mord an ihren Beratern un Anhaengern ein Verbrechen der uebelsten Sorte gewesen sein koennte: ein antisemitisches 'Hate Crime'.

[...]

Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

Danke an den Kommentator

Danke fuer Ihren link:
http://www.huffingtonpost...

Eine durchgehend grossartige Ansprache des TV-Sprechers !!! Inklusive einer persoenlichen Entschuldigung und starken Schlussworten an die Zuschauer und Zuhoerer, die Amerikaner mit den Worten: "Good Nite and Good Luck".

Good Luck werden sie alle brauchen um es in ihre Koepfe zu bekommen. Ich habe meine Zweifel:
Im heutigen facebook-chat der NY-Times ( fb ist manchmal echt represaentativer als jeder aufgesetzte, intellektuelle Kommentar ) ueber Glock 9mm und Waffenrecht, haben sich geschaetzte 98% der Chatter fuer dieses Recht ausgesprochen. Einwaende gab es meist nur aus dem Ausland.
Highlights: viele Frauen die sich beschuetzt wissen wollen und der ernstgemeinte Beitrag:"jedem eine Waffe und den Glauben an Gott". Da sag ich nur: oh my god.

Die von mir genannten 98% moegen nicht der Querschnitt der Gesellschaft sein, aber diejenigen mit Verstand schweigen gegenueber der riesigen bornierten Masse.
Aus Angst, Resignation, Bequemlichkeit oder weil sie Realisten sind.

Good luck USA, good luck world.

Sie war

einfach am falschen Zeitpunkt am falschen Ort ! So haette Herr George W Bush das 'treffend' erklaert! In den USA brsucht man keine schaerferen Waffengesetze! Besser waere es gewesen Frau Griffords haette die geeignete Wafe zur 'Selbstverteidigung' parat gehabt!
Das ist die amerikanische Denkweise - jegliche weitere Diskussion erübrigt sich (für vernüntige Menschen ).