Ein gläubiger Muslim darf Alkohol trinken – in Maßen. Er muss auch nicht fünf Mal am Tag beten, um seinem Gott nahe zu sein. Und eine Muslimin muss kein Kopftuch tragen – "korrekte islamische Kleidung" gibt es sowieso nicht. Außerdem sind laut Koran Frauen und Männer in allen Lebensbereichen gleichberechtigt.

So sieht jedenfalls die langjährige SPD-Politikerin Lale Akgün ihre Religion. Bis 2009 saß sie im Bundestag und war Islambeauftragte ihrer Partei. Akgün ist in Istanbul geboren, als Neunjährige kam sie nach Deutschland. Sie fühlt sich als "moderne Muslimin". Ihr Glaube ist ihr wichtig. Deshalb will sie ihn nicht konservativen islamischen Kreisen überlassen. Doch gerade die gäben derzeit in der deutschen Öffentlichkeit lautstark den Ton an.

Am Donnerstagabend präsentierte Akgün ihr Buch in Berlin. A ufstand der Kopftuchmädchen heißt es. Der Titel ist ein wenig missverständlich, denn der Aufstand findet laut Autorin noch nicht statt. In ihrem Werk erörtert sie vielmehr ausführlich die ihrer Ansicht nach problematische Religionsauslegung konservativer Muslime.

Erschreckend sei die "unheilvolle Islamisierung zu vieler Lebensbereiche, in denen Religion nichts zu suchen hat", schreibt die 56-Jährige beispielsweise. Oftmals gehe es den konservativen Muslimen dabei weniger um ihren Glauben, als um Machtdemonstration. Als Beispiel nennt Akgün den Streit um Gebetsräume an Schulen und die Höhe der Minarette von Moscheen. Dabei habe die erste muslimische Gastarbeitergeneration in Deutschland ihre Religionsausübung noch als etwas sehr Privates angesehen, gibt die Autorin zu bedenken.

Die  großen Islamverbände versuchten heute jedoch, gezielt "Parallelgesellschaften" zu schaffen. Sie nähmen für sich in Anspruch, allein definieren zu dürfen, was der Islam ist. Die deutsche Politik mache daher einen großen Fehler, wenn sie zum Beispiel auf der Islamkonferenz hauptsächlich den großen Islamverbänden eine Stimme gebe, findet die Autorin. Denn diese Verbände, berichtet Akgün, verträten ausschließlich konservative Positionen. Aber nur 15 Prozent der muslimischen Bevölkerung in Deutschland finden sich in diesen Ansichten wieder, die, wie Akgün schreibt, "in ihrem Denken oft im Mittelalter verhaftet sind." Viele Muslime fügten sich dem lediglich aus Angst vor sozialer Isolation. Und deutsche Politiker widersprächen der Denkweise der konservativen Muslime nicht, weil sie Toleranz gegenüber den Religionen beweisen wollten.

Bleibt also der erhoffte Aufstand der Kopftuchmädchen aus? "Er wird irgendwann kommen", sagt die Psychologin und Medizinerin auf die Frage eines Zuhörers, "es wird aber noch Zeit brauchen. Vielleicht noch zehn bis fünfzehn Jahre."