In einem Memorandum im Februar 1970 hatten neun Theologen, darunter Joseph Ratzinger, Walter Kasper, Karl Lehmann und Karl Rahner eine Forderung an die deutschen Bischöfe gestellt: Sie wollten die Pflicht der Priester zur Ehelosigkeit auf den Prüfstand stellen. Das geht aus dem Archivtext hervor, den die kirchenkritische Zeitschrift Pipeline in ihrer jüngsten Ausgabe abdruckt hat.

In ihrem Brief stellten die Theologen klar, dass sie nicht prinzipiell gegen das Zölibat seien. Ein eheloses Priestertum müsse "als echte und reale Möglichkeit bestehen bleiben". Es stelle sich aber die Frage, ob die bisherige Form priesterlichen Lebens so bleiben müsse. Zwar könne der Papst in dieser Frage das letzte Wort haben, dies entbinde die Bischöfe aber nicht von der Verantwortung, sich über die Zukunft des Zölibats Gedanken zu machen. "Sie sind keine Beamten des Papstes oder lediglich Exekutoren des päpstlichen Willens", sondern "mindestens anzuhörende Ratgeber" des Pontifex.

Angesichts der öffentlichen Debatte um das Zölibat sollte die Kirche offensiv mit dem Thema umgehen, schrieben die Theologen. Der Zwang zur Ehelosigkeit sei ein Grund für den Priestermangel und die nachlassende Begabung vieler Kandidaten. "Die bisherige Zölibatsgesetzgebung kann jedenfalls nicht zum absoluten Fixpunkt der Überlegungen gemacht werden." Die Kirche sei in der Pflicht, die eigenen Gesetze zu überprüfen, wenn sie, wie beim Zölibat, unerwünschte Folgen hätten. Diese Fragen sollten von Rom gemeinsam mit den Bischöfen der Weltkirche geklärt werden.

Derweil forderte der Provinzial der Jesuiten in Deutschland, Stefan Kiechle, ein Ende der Zölibatspflicht für katholische Geistliche. Im RBB-Inforadio ermunterte der Chef der deutschen Jesuiten-Provinz die Bischöfe, nicht länger auf eine Entscheidung in Rom zu warten, sondern eigenständig und selbstverantwortlich voranzugehen und bewährte Laien zum Priester zu weihen.

Die Debatte hatte sich in jüngster Zeit wieder intensiviert, nachdem sich mehrere bekannte CDU-Politiker, darunter Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bundesbildungsministerin Annette Schavan, in einem Brief an die deutschen Bischöfe gewandt hatten. Dort forderten sie angesichts großen Priestermangels in Deutschland ein Abrücken vom Zölibat.