Im Weltbild des Thilo Sarrazin gehören die katholischen Polen zu den Guten. Während der Autor von Deutschland schafft sich ab muslimische Einwanderer für eine Belastung des deutschen Sozialstaats hält, hat er gegen einen Zustrom von Fachkräften aus dem östlichen Nachbarland nichts einzuwenden. Sie seien integrationswillig und hätten Aufstiegschancen in der Bundesrepublik. Längst arbeiteten die Polen in Deutschland nicht mehr nur als Anstreicher und Putzfrauen, "wie sie in den ersten Jahren nach der Wende jeder bessere Berliner Haushalt für acht Mark Stundenlohn beschäftigte". Kurz: eine Erfolgsstory.

Justyna Polanska platzt angesichts derart vergifteten Lobes schnell der Kragen. "Was ist denn so schlimm daran, als Putzfrau zu arbeiten?", fragt die Polin im Gespräch mit ZEIT-ONLINE. Die 32-Jährige hat in dem soeben erschienenen Buch Unter deutschen Betten ihre Sicht der Dinge dargelegt. Es ist eine leichte, unterhaltsame Lektüre. Doch in gewisser Weise ist der schmale Band eine durchaus ernst zu nehmende Antwort auf Sarrazin.

Polanska, die mit einem Italiener verheiratet ist, blickt als Immigrantin auf die Deutschen und ihre Schwächen. Ihre wichtigste Forderung: "Alles, was ich erwarte, ist ein bisschen mehr Respekt." Dabei hätte die Autorin durchaus Grund zu mehr Enttäuschung und Klage. In elf Jahren als Putzfrau in deutschen Haushalten hat sie nahezu alles erlebt, was dem Klischee vom scheinheiligen deutschen Spießbürgertum entspricht.

"Es war oft unerträglich", sagt Polanska und erzählt Beispiele von plumper sexistischer Anmache ("Trägst du rote Unterwäsche?") und hochnäsiger Ignoranz ("Pass doch auf, du blöde Polackin"). Schwarzarbeit auch bei den Reichsten, Niedertracht und Hochmut seien für sie alltäglich gewesen. Polanska – der Name ist ein Pseudonym – kam nach dem Abitur nach Deutschland. "Ich wollte Maskenbildnerin werden", erzählt sie. Doch zunächst ging es wie für viele Migranten um die Existenzsicherung – "also habe ich geputzt, und dabei ist es geblieben". Ihre Herkunft sei oft ein Grund gewesen, dass sie einen Job, um den sie sich beworben hatte, nicht bekommen habe: "Polin? Nein, danke!"

Die Buchautorin berichtet von mumifizierten Hamsterleichen und abgefallenen Fußnägeln, die sie während der Arbeit gefunden habe. Doch was die Polin weit mehr empört als jeder Unrat "unter deutschen Betten", ist das Benehmen. Und so ist die Episode, die Polanska als ihr schmerzhaftestes Erlebnis in Deutschland empfindet, eine eher stille, traurige Geschichte. Nach einem Umzug habe sie mit einer deutschen Kollegin sechs Stunden lang bei schwüler Hitze das neue Heim ihrer Auftraggeber gewienert, erzählt die 32-Jährige mit gedämpfter Stimme. Am Abend habe die Familie alle zum Pizzaessen gebeten. "Nur mich nicht. Die deutsche Haushaltshilfe durfte mitessen. Aber die polnische Putze musste zugucken."

"Die meisten Deutschen", sagt Basil Kerski, Berliner Politikwissenschaftler mit polnisch-irakischen Wurzeln, "verstehen Integration als Einbahnstraße, als Anpassung an die eigene Leitkultur". Doch Polanska sagt umgekehrt über die Polen: "Die meisten meiner Landsleute, die hier leben, lehnen Deutschland und die Deutschen ab." Migrationsforscher sehen es differenzierter. Der Sozialwissenschaftler Christoph Pallaske spricht von vielen Beispielen gelungener Integration in der jüngeren Generation. Immer wieder ins Feld geführt werden die Fußballer Lukas Podolski, Piotr Trochowski und Miroslav Klose, die längst im deutschen Nationaldress kicken. Oder der Rockpop-Sänger Thomas Godoj und die Bundestagsabgeordnete der Grünen Agnes (Agnieszka) Malczak, gerade einmal 25 Jahre alt.

Eine ungetrübte Erfolgsstory kann Sozialforscher Pallaske aber in der Zuwanderung aus dem Osten nicht erkennen. In der Bundesrepublik lebt die europaweit größte polnischsprachige Gemeinde. Sie umfasst Schätzungen zufolge 1,5 bis 2 Millionen Menschen. Viele von ihnen, behauptet Pallaske, hätten sich keineswegs in die Gesellschaft eingegliedert, sondern schlicht "pragmatisch an die deutsche Lebenswelt angepasst".